NoveliqaTödliches Erbe: Mord im Herrenhaus / Die schwarze Liste :0%
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Chapter 3

Die schwarze Liste

Kapitel 3: Die schwarze Liste

Das Knarren an der Tür war verhallt, doch Lina stand noch immer reglos da. Der kalte Hauch der Nacht schien sich wie Nebelschwaden um ihren Körper zu legen, ihre Sinne schärften sich bis ins Unermessliche. Jeder Herzschlag dröhnte in ihren Ohren – zu laut, zu dringend. Sie konnte nicht sagen, ob es der Schreck war oder die Kälte, die ihr die Finger zittern ließ. Die Schwärze hinter der Tür schluckte selbst das schwache Licht ihres Taschenlampenstrahls.

Sie zwang sich, einen Schritt nach vorne zu machen. Das Prunkstück des Herrenhauses, die große Halle, lag still da – doch der Glanz der antiken Gemälde und der schweren Holzmöbel schien ihr plötzlich feindlich entgegenzublinzeln. Ein leichter Duft von Lavendel lag in der Luft, kaum wahrnehmbar, aber eigenartig fehl am Platz. Eben noch hatte sie geglaubt, hier würde jeder Raum vom staubigen Geruch jahrhundertealter Geschichte durchdrungen sein. Doch jetzt fühlte sie sich beobachtet, ausgelaugt – als würde jemand oder etwas zwischen den jahrelangen Mauern lauern.

Die Tür hinter ihr schlug mit einem dumpfen Knall zu. Lina riss die Augen auf, atmete hastig aus. Ihr Atem bildete kleine Wolken in der kalten Luft. „Verdammt“, flüsterte sie leise, die Stimme kaum mehr als ein Rauschen. „Was hat das zu bedeuten?“

Das Flüstern war endgültig verstummt, doch die schweren Schritte, die sie vorhin gehört hatte, hallten in ihrem Kopf wider. Sie musste vorwärts. Jetzt.

Langsam schob Lina die Taschenlampe in die Tasche, tastete sich an der Wand entlang Richtung Treppenhaus. Der Teppich wirkte drückend, fast als würde er sie einsaugen. Vom oberen Stockwerk schien gedämpftes Stimmengewirr zu kommen, und im nächsten Moment schlug eine Tür laut ins Schloss. Der Klang schnitt durch die Stille wie ein Messer.

Lina blinzelte, als der Mondschein schwach durch die hohen Fenster hereinfiel. Unter ihren Füßen knirschten kleine Splitter von altem Holz. Sie tastete an der Wand nach dem Lichtschalter, doch fand nur kühle Rauheit und nicht den Schalter, den sie suchte.

Und dann sah sie es.

Am Fuß der Marmortreppe lag ein zusammengerolltes Stück Papier, vom leichten Luftzug bewegt. Ein Zettel, gelblich, mit fein säuberlich geschriebenen Namen, einige durchgestrichen oder markiert. Hastig bückte sie sich und entrollte das Dokument. Das Pergament knisterte leise in ihren Händen, als sei es geschaffen, um Geheimnisse zu hüten.

Lina sank in eine halb geduckte Haltung und brachte die Liste näher zu ihrem Gesicht. Jeder Name war mit einem kleinen Symbol versehen – Kreuze, Ausrufezeichen, Fragezeichen. Manche Namen kannten ihre Ohren, andere noch nicht.

„Konstantin von Falkenstein“ stand an oberster Stelle, der Name in roter Tinte unterstrichen. Daneben ein schwarzes Dreieck, dessen Spitze bedrohlich nach unten zeigte.

Mit einem Mal wuchs die Enge in Linas Brust. Sie wusste, dass diese Liste kein harmloses Verzeichnis war. Es war ein Manifest der Feindschaft – vielleicht sogar der Rache.

Sie las weiter: „Magdalena Scherzinger“, „Johann Becker“, „Helene von Falkenstein“, „Dr. Emil Rath“, „Marcel Wendt“. Neben einigen Namen standen Notizen: „Gefährlich“, „Unzuverlässig“, „Verschwörung vermutet“, „zu überwachen“. Andere wiederum hatten einen dicken schwarzen Punkt davor – als wären sie bereits erledigt.

Ihr Puls raste. Was verbarg sich hinter diesen Namen? Waren das alle Verdächtigen? Familienangehörige, Angestellte, alte Feinde?

Ein leises Geräusch ließ sie zusammenzucken. Jemand näherte sich, schwere Schritte auf dem unter ihr ausgebreiteten Teppich. Lina rollte die Liste hastig zusammen und steckte sie in die Innentasche ihres Mantels.

Noch bevor sie sich umdrehen konnte, erfüllte eine Stimme den Raum. Ruhig, doch schwer von Autorität und etwas Unausgesprochenem.

„Du bist spät heute, Frau Weber.“

Lina erstarrte. Neben ihr stand Konstantin von Falkenstein in makellosem, dunklem Anzug. Sein Blick war eine Mischung aus spöttischer Bewertung und eisiger Distanz. Die Kühle in seinen Augen schien jeden Winkel des Zimmers auszuloten – sie erfasste mehr, als seine Worte je sagen konnten.

„Ich habe nur... die Begebenheiten geprüft“, sagte Lina und versuchte, so ruhig wie möglich zu klingen.

Ein leichtes Lächeln umspielte seine Lippen, doch es war keine Geste der Freundlichkeit. „Dies ist kein Ort für Zufälle, Lina. Nichts geschieht ohne Grund. Auch du bist hier auf dünnem Eis.“

Sein Finger tippte kurz gegen den Rahmen der Haustür. „Die schwarze Liste. Hast du sie gefunden?“

Lina verspürte, wie sich das Gewicht der Antwort langsam auf ihre Schultern legte. Ein kalter Schweißfilm bildete sich an ihrer Stirn. „Ja.“

Konstantin trat einen Schritt näher, sein Blick durchbohrte sie wie ein Schwert. „Sehr gut. Dann solltest du wissen, wer auf dieser Liste steht... und, vor allem, warum.“

Er drehte sich um und ging langsam die Treppe hinauf, der Schatten seines Pendants warf sich lang über den Marmorboden.

Lina stand allein in der Kälte. Sie öffnete die Liste wieder und flüsterte tonlos: „Wer steht auf der Liste der Verdächtigen?“

Draußen heulte der Wind, als ob er das Unheil ankündigte, das hinter den Mauern des Herrenhauses lauerte.

Das Spiel war eröffnet. Und jede Bewegung konnte ihr letzter Zug sein.