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Chapter 2

Lina Weber tritt an

Kapitel 2 Lina Weber tritt an

Der kalte Atem der Nacht kroch durch die offenen Fenster des Herrenhauses, vermischte sich mit dem schweren Duft von alten Teppichen, poliertem Holz und dem metallischen Nachgeschmack von Blut. Lina Weber spürte, wie ihre Knie zitterten, obwohl sie sich wünschte, äußerlich unerschütterlich zu wirken. Die steinerne Kälte unter ihren Schuhen schien sich in ihre Knochen zu bohren, während sie die breite Diele entlangschritt. Jedes Knarzen des Parketts hallte wie ein Ticken in ihrem Kopf – Zeit, die unaufhaltsam zerrann.

„Ermittlerin Weber?“ Eine tiefe Stimme riss sie aus ihren Gedanken.

Sie drehte sich um. Der Direktor der Kriminalpolizei, Oberkommissar Heller, stand am Türrahmen, die Augen hinter der runden Brille verhangen. Seine Mundwinkel zuckten zu einem dünnen Lächeln, das weder warm noch einladend wirkte.

„Ihre Akte ist Ihnen bekannt, denke ich.“ Seine Stimme klang nüchtern, aber unter der Oberfläche lag der stille Test.

Lina schluckte, spürte das Gewicht ihrer Vergangenheit auf ihren Schultern lasten – das Geflecht aus Schatten, das sie ihr ganzes Leben lang begleitet hatte. „Ja, Herr Heller. Ich bin bereit.“

Er nickte knapp. „Das hier –“ Er deutete mit einem knappem Kopfnicken über die Schwelle des Salons hinaus. „Ist nicht irgendein Fall. Falkenstein. Eine der mächtigsten Familien des Bundeslandes. Und jetzt... tot. Ihr seid verantwortlich für die Ermittlung. Keine Fehler, Weber. Die Gesellschaft hier vergibt keine Schwächen. Und vor allem keine Geheimnisse.“

Linas Blick haftete auf dem schweren Kandelaber, dessen Kerzenflammen unruhig flackerten, als wollten sie selbst die Dunkelheit verbrennen. Ein Flimmern reichte, um den Raum in tanzende Schatten zu hüllen.

„Ich weiß, worauf ich mich einlasse.“

Heller trat zurück, verschwand in der Dunkelheit des Flurs. Für einen Moment blieb nur die Stille, schwer und drückend, danach das dumpfe Pochen ihrer eigenen Schritte, als sie tiefer in das Herrenhaus vordrang.

*

Die Wände des Salon trugen die Last der Geschichte in ihren goldverzierten Rahmen und vergilbten Tapeten. Portraits von Ahnen in schweren, prächtigen Kleidern starrten aus düsteren Augenhöhlen auf sie herab. Es war, als ob jeder Blick sie durchdringen wollte – offenbar ablehnend, zugleich aber wachsam.

Ein Orden von Menschen hatte sich hier versammelt, karg in der Beleuchtung, doch voller Schwere.

Glücklos versuchte sie, die Gespräche um sie herum zu erfassen: gedämpfte Stimmen, leise Flüstern, Vibrationen von ungesagtem Zorn und Angst.

„Detective Weber.“ Eine Stimme – kalt, kontrolliert, doch mit einem Underton von verschleiertem Befehl. Sie drehte sich um und sah ihn. Konstantin von Falkenstein. Er stand da, die zurückhaltende Grazie eines Raubtiers, dessen Blick in einem weißen Hemd so scharf war wie Rasierklingen. Ein Mann, dessen bloße Anwesenheit die Luft verdichtete.

„So jung... und schon gewählt, das Regiment zu führen.“ Seine Stimme schnitt durch den Raum wie ein scharfes Messer. „Eine Ehre? Oder ein Todesurteil?“

Lina erwiderte den Blick, der ihm gehörte, ohne zu zögern. „Ich lasse das Urteil erst nach der Aufklärung des Mordes fallen.“

Ein kurzes Lächeln spielte über seine Lippen, fast wie ein warnendes Versprechen. „Gut. Dann fangen wir an.“

*

Der Familienrat war eine Galerie aus Spannung und vorsichtiger Feindseligkeit. Frauen in hochgeschlossenen Kleidern mit eisblauen Augen ließen ihre Blicke meiden, Männer mit perfekt geschnittenen Anzügen flüsterten ernst, während jeder unaufhörlich die Reaktionen des anderen musterte.

Lina konnte den unterschwelligen Krieg förmlich spüren – ein Netz aus Intrigen, das sich um jeden wie ein dichter Nebelschleier legte. Sie fragte sich, wie viele dieser Menschen mehr wussten, als sie preisgaben, und wie viele bereit waren, alles zu riskieren, um die Fassade aufrechtzuerhalten.

„Herr von Falkenstein, haben Sie schon einen Verdacht?“ fragte Lina, ihre Stimme ruhig, aber fordernd.

Konstantin erwiderte den Blick, die Kühle in seinen Augen unerschütterlich. „In dieser Familie ist niemand unschuldig.“

Sein Satz hing zwischen ihnen wie ein unsichtbarer Schleier, in dem Drohungen und Warnungen kristallisierten.

„Dann werden wir sehen, wer bereit ist, sein Leben darauf zu verwetten.“ Lina spürte, wie sich ein Schatten in ihr regte – eine Mischung aus Furcht und Trotz.

Sie wusste, dass dieser Fall mehr war als nur ein Mord. Es war ein Spiel um Macht, um Wahrheit – und um das Schicksal einer ganzen Dynastie.

Als sie sich schließlich zurückzog, war ihr Herz ein Trommelfeuer, das die Stille des Herrenhauses durchbrach.

„Kann ich in dieser Welt aus Intrigen und Lügen bestehen?“, flüsterte sie sich selbst zu, während das Echo ihrer Frage lange in der Dunkelheit widerhallte.

Ein leises Knarren an der Tür ließ sie abrupt erstarren. Die Schatten schienen zu flüstern, doch diesmal war es kein Hallo – es war das Versprechen, dass morgen nichts mehr so sein würde wie gestern.

Lina Weber war eingetreten – und das Spiel hatte begonnen.