NoveliqaTödliches Erbe: Mord im Herrenhaus / Ein heimlicher Beobachter :0%
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Chapter 13

Ein heimlicher Beobachter

Kapitel 13 Ein heimlicher Beobachter

Der schwere Vorhang schwang noch leicht im Luftzug, als Lina die dramatischen Schatten der Tatnacht in ihrem Kopf nachhallten. Ein kaltes Ziehen krallte sich in ihre Nackenmuskulatur, während sie sich leise vom Fenster entfernte. Das diffuses Licht der Kronleuchter warf schimmernde Reflektionen auf den polierten Holzfußboden, der unter ihren Schritten kaum ein Geräusch machte – doch in ihrem Inneren schrie jede Faser nach Flucht.

Sie zwang sich, die Augen zu öffnen, trotz des brennenden Stiches, der ihr in der Brust pochte. Der Blick suchte rastlos die Wendeltreppe ab, die in den oberen Flur führte, als könnte ein unsichtbares Wesen jeden ihrer Bewegungen verfolgen. Die Dunkelheit hinter den schweren Vorhängen wirkte lebendig, pulsierend, als sauge sie die Angst auf wie eine dunkle Flut.

Lina rückte den Kragen ihrer Jacke hoch. Der widerliche Geschmack des Misstrauens kratzte an ihrem Gaumen, schwerer als der süßliche Duft des Sandelholzes im Salon. Sie spürte es deutlich: Dieses Haus atmete. Es atmete mit ihr. Ein heimlicher Herzschlag versteckte sich zwischen den prunkvollen Zierleisten und verborgenen Gängen. Sie war keine Fremde mehr – nicht länger eine bloße Ermittlerin –, sondern ein Teil eines finsteren Spiels.

Ein leises Knarren – irgendwo in der Nähe – ließ sie stocken. Ihr Atem wurde flacher. Sie rutschte ruckartig gegen die Wand, die Finger krallten sich in das kühle Holzwerk, während sie den Kopf neigte, um das Geräusch zu lokalisieren.

„Wer ist da?“ flüsterte sie, überrascht von der rauen Heiserkeit ihrer Stimme. Doch die Stille antwortete nur mit einem erstickten Echo.

Seit Stunden spürte sie es. Das Gewicht unsichtbarer Augen, die jeden ihrer Schritte verfolgten. Nicht nur Schatten waberten um sie herum, sondern kalte Gestalten aus mehrdeutigen Absichten.

Mit einem innerlichen Ruck quälte sie sich von der Wand weg. Die Hallen erschienen jetzt fremd, verzerrt durch Misstrauen. Jeder Spiegel reflektierte nicht nur ihr Bild, sondern schien auch verborgene Blicke einzufangen. Vorsichtig setzte sie Schritte auf den rostbraunen Teppich, die Fingerspitzen leicht zitternd. In ihrem Ohr das leise Knistern von einem entfernten Gespräch, gedämpft durch dicke Wände.

Sie wusste, dass Konstantin von Falkenstein seine eigenen Schatten hinter sich her schickte. Doch es musste mehr sein. Wer war es, der ihr folgte? Eine fremde Präsenz, die sich zwischen den höfischen Masken versteckte? Wer spielte hier das gefährliche Spiel – und zu welchem Preis?

Je weiter sie ins Herz des Herrenhauses wanderte, desto mehr verdichtete sich die Luft. Ein stupider Geruch nach altem Papier und Wachs hüllte sie ein. Plötzlich eine Bewegung am Ende des Flurs – so schnell, dass man sie fast übersehen konnte. Lina verharrte wie angewurzelt. Das klopfende Pochen ihres Herzens schien den ganzen Raum zu füllen, rann wie flüssiges Blei durch ihre Adern.

Ihre Augen verfingen sich an einer Figur, die im Schatten verschwand – nur ein Schemen, kaum fassbar, aber eindeutig da.

„Ich weiß, dass hier jemand ist“, murmelte sie leise, ihre Stimme ein Flüstern, das mit dem dunklen Holz verschmolz.

Der Flur schien sich zuzuziehen, die Luft wurde schwer und stiller, als ob das Haus selbst den Atem anhielt. Lina presste die Lippen zusammen, ihre Gedanken bissen sich fest in einem Netz aus Angst und Wachsamkeit.

Sie drehte sich ruckartig um. Kein Geräusch mehr, keine Spur. Nur das leise Rauschen der Vorhänge, die sich im Wind wiegten.

Vor ihr öffnete sich die Tür zum Arbeitszimmer. Der Raum war übersät mit vergilbten Briefen, alten Fotografien und einem zerknitterten Stadtplan. Lina griff nach einem der Briefe, spürte, wie die Tinte leicht abgestoßen war. Ihr Blick flog zu einem eingerahmten Foto an der Wand – ein Familienporträt aus längst vergangenen Zeiten. Doch die Augen von Konstantin, der stolz in der Mitte stand, schienen lebendig, fast wachsam.

Ein plötzlicher Windstoß blies die Tür ins Schloss.

Ihr Herz schoss in die Höhe. Jetzt war sie nicht mehr allein.

Ein Schatten bewegte sich hinter ihr — unerbittlich, lautlos.

„Wer…?“ brachte sie noch hervor, da knackte der Fußboden unter scharfen Absätzen.

Das Flattern von Stoff und ein Atemzug – tief, kontrolliert, uneindeutig.

Sie drehte sich in einem eleganten Schwung um.

Doch niemand stand vor ihr.

Nur die dunkle Leere des Raumes, die das Geheimnis verschlang.

Jede Faser ihres Körpers spürte nun unmissverständlich – sie wurde beobachtet.

Aber von wem?

Und wie lange schon?