Chapter 12
Kapitel 12 Die Rekonstruktion der Tatnacht
Das Schloss der Tür klang noch lange nach – ein dumpfes Nachhallen, das Lina wie ein dunkler Schatten im Nacken lag. Kalter Schweiß perlte ihr von der Stirn, und ihr Herz hämmerte so heftig, dass sie den Rhythmus zu spüren glaubte. Sie stand regungslos da, die Finger noch immer leicht zitternd, als wollte ihr Körper das Echo der Warnung verarbeiten. Das Schweigen, das man von ihr forderte, drückte wie Blei auf ihre Lungen.
Langsam, fast widerwillig, wandte sie sich von der verschlossenen Tür ab. Der prunkvolle Salon um sie herum, mit seinen schweren dunklen Holzmöbeln und den tiefroten Samtvorhängen, schien plötzlich erdrückend und fremd. Jedes Knarren des Parketts unter ihren Schuhen klang wie ein Flüstern aus einer anderen Zeit – aus der Nacht, über der sie rätseln musste.
Noch immer nistete das Gefühl von Gefahr an ihrer Haut, eisig und unbarmherzig. Doch die Jagd nach der Wahrheit begann jetzt erst recht. Lina wusste: Wer auch immer den Mord begangen hatte, hatte die Tatnacht bewusst vernebelt. Und sie war fest entschlossen, das Geflecht aus Lügen zu entwirren.
Sie atmete tief ein, schloss für einen Moment die Augen und ließ die Bilder der Nacht wieder an die Oberfläche steigen.
Der letzte Tanz der Gäste, lachend, elegant – das silberne Licht der Kronleuchter, das in den gläsernen Oberflächen blinkte. Dann der Schrecken, der mit der Entdeckung der Leiche hereinbrach. Und das seltsame Verhalten von Konstantin von Falkenstein, der die Situation schroff abriegelte, als wolle er das Herrenhaus selbst unter eine Kuppel des Schweigens stellen.
Lina ging langsam zum Kamin. Ihre Finger glitten über die frischen Aschereste, ehe sie einen Zettel hervorholte – Notizen von gestern Abend, hastig gekritzelt, mit Fragestellungen und Zeugenwortfetzen. Es gab Passagen, die nicht recht zusammenpassen wollten. Unstimmigkeiten, die ihr nicht verborgen blieben.
Sie las die Protokollnotiz von Sandra Bennet erneut, der Chambermaid, die angeblich nichts gesehen hatte, obwohl sie genau auf dem Flur zur Tatzeit dienstlich unterwegs war.
„Ich habe niemanden gesehen, außer Herrn Falkenstein, der…“
Die Worte endeten abrupt. War das nur ihre Nervosität oder wurde etwas unterdrückt?
Lina stand auf und trat ans offene Fenster. Draußen reckten sich die Gärten noch im trüben Morgenlicht, die prächtigen Hortensienblüten hingen schwer vom letzten Regen. Der Wind strich kalt durch die Äste der großen Linden vor dem Herrenhaus.
Sie fühlte wieder die leichte Panik, die sie gestern schon fast lähmte, doch diesmal war sie anders – schärfer, fokussierter. Genau das galt es jetzt, nicht zu verlieren.
Sie zog ihr Notizbuch hervor und begann, den Ablauf der Tatnacht minutiös zu rekonstruieren.
19:30 Uhr – Beginn des Dinners. 20:15 Uhr – Diskussionshitze zwischen Konstantin und dem Opfer, Dr. Gerold. Sie hatten sich gestritten. 21:00 Uhr – Gerold verließ den Raum abrupt, angeblich um auf die Toilette zu gehen. 21:05 Uhr – Geräusch eines fallenden Gegenstands wurde im Flur gehört. 21:10 Uhr – Tochter Elisabeth sah zuvor Konstantin allein im Arbeitszimmer. 21:15 Uhr – Die Kammermaid Bennet behauptete, keinen weiteren Gast gesehen zu haben. 21:20 Uhr – Gerolds Leiche wurde gefunden.
Jedes Stichwort bohrte einen weiteren Spalt in die scheinbar perfekte Fassade des Hauses.
Sie dachte an die Fenster des Arbeitszimmers: Warum war eins weit geöffnet gewesen, obwohl die Nacht kalt war? Ein Fluchtweg?
Wie war es möglich, dass Elisabeth die Zeitangaben nicht stimmten? Ihr Gesicht, als Lina sie gestern befragt hatte – das Zögern, der flüchtige Blick nach unten.
Und vor allem: Warum hatte Konstantin so vehement darauf bestanden, keine weitere Untersuchung zuzulassen? Was verbarg er?
Die Schritte von oben ließen sie zusammenzucken. Ein Rascheln, dann das leise Poltern schwerer Sohlen auf der Treppe.
„Lina.“ Die Stimme war leise, aber mit klarer Autorität. „Sie sollten hier nicht allein sein.“
Sie drehte sich langsam um. Dort stand Friedrich – der Butler. Sein Gesicht war verhärmt, die Züge scharf wie geschliffener Stein.
„Ich will nur –“ Sie schluckte – „…die Wahrheit herausfinden. Über die Nacht.“
Er nickte knapp, wirkte jedoch nicht besänftigt. „Das Haus schweigt aus gutem Grund.“
Sein Blick wanderte zur verschlossenen Tür, die Lina vorhin hatte schließen hören.
„Was wissen Sie?“ fragte sie leise.
Friedrichs Hände umklammerten den Griff eines Serviertabletts. „Mehr, als Ihnen lieb sein wird.“
Ein eisiger Hauch kroch die Wirbelsäule herauf. Doch Lina trat zu ihm, näherte sich behutsam, voller Entschlossenheit.
„Dann erzählen Sie mir, was uns verschwiegen wurde.“
Ein kurzes Zögern, dann senkte Friedrich die Stimme noch ein Stück.
„Es gab… eine weitere Person in diesem Haus in der Tatnacht.“
Lina kehrte ihr ganzes inneres Gleichgewicht, mit Mühe kontrollierte sie das Zittern in der Stimme.
„Wer?“
Friedrich blickte zur Decke, dann zurück. „Niemand darf es wissen. Ganz besonders nicht Konstantin.“
Herzschlag für Herzschlag raste ihr Puls. Was auch immer das war – diese zweite Person, die nach der offiziellen Version gar nicht existierte – konnte alles verändern.
Draußen begannen erste Lichtstrahlen die schweren Wolken zu brechen, doch zwischen den prunkvollen Wänden des Herrenhauses lastete eine Dunkelheit, die nicht so leicht zu vertreiben war.
Lina fühlte, wie die Knoten ihrer Vergangenheit sich strafften, während sich eine alte, bittere Wahrheit vor ihr zu entfalten begann.
Das Schweigen war zerbrochen. Aber das, was verborgen lag, würde sie in einen Abgrund ziehen, der tiefer war als der Tod selbst.
Ein leises Geräusch – ein heimliches Knarren aus dem Flur – ließ sie abrupt zusammenfahren.
Friedrich blickte alarmiert zur Tür. „Jemand ist hier…!“
Die Spannung schnürte Lina die Kehle zu.
Wer hatte ihnen vor der Tür gelauscht?
Und was wurde uns über die Tatnacht verschwiegen?
Das Rabenschwarz der Nacht hinterließ Lina im Zwielicht – gefangen zwischen Pflicht und Verhängnis.
Der Vorhang fiel – und mit ihm das erste, tödliche Geheimnis auf.