Chapter 11
Kapitel 11 Lina wird bedroht
Das schwere Leder des Buches drückte kühl gegen ihre Handflächen. Noch immer pochte ihr Herz, als hätte es sich in der finsteren Stille des Raumes ein eigenes, unheilvolles Tempo angeschlagen. Der schwache Glanz der verblassenden Glut im Kamin ließ die Schatten an den Wänden tanzen, während Lina nur schwer einen klaren Gedanken fassen konnte.
Der leise Widerhall ihrer eigenen Stimme hing in der Luft, als sie flüsterte: „Es wird Zeit, die Wahrheit zu sehen.“ Ein Funke von Entschlossenheit blitzte in ihren Augen auf, doch zugleich kroch eine eisige Angst aus dem tiefsten Inneren ihres Körpers empor.
Plötzlich knackte es hinter ihr – ein winziges Geräusch, kaum wahrnehmbar, und doch schien es das Knistern in ihr zu verstärken. Mit einem Satz fuhr sie herum, alle Sinne angespannt. Der dunkle Flur hinter ihr war leer, nur das sanfte Leuchten der Standuhr warf lange Schatten in die Enge des Korridors.
Sie ging langsam zum Fenster, zog die schweren Vorhänge auf und blickte hinaus in den Hof. Der mondbeschienene Garten lag still, als wäre die Nacht selbst ein Wächter über die Geheimnisse, die hier verborgen ruhten. Doch dann fiel ihr Blick auf einen dunklen Fleck zwischen den Büschen – eine Gestalt, vielleicht, die sich unbeholfen bewegte, kaum sichtbarer als ein Phantom.
Ein Kälteschauer rann ihre Wirbelsäule hinab.
Zurück im Salon glitt Lina die Handtasche von der Stuhllehne. Unter den üblichen Dingen glitt ein Umschlag hervor, den sie am Abend zuvor nicht bemerkt hatte. Ohne Zögern riss sie ihn auf.
Der Umschlag war leer – bis auf eine einzelne Karte, die in dicken, schwarzen Lettern vor ihr lag:
„DU HAST ZU VIEL GESEHEN. SCHWEIG, ODER ES WIRD ZU SPÄT.“
Die Worte brannten sich in ihre Netzhaut, als befände sich darunter ein bitterer Haufe Glut. Lina ließ die Karte in der Hitze ihres Fingers beinahe zerknittern, schluckte, und das Einzige, was sie hörte, war ihr eigener, schneller Atem.
Ein Ruck fuhr durch sie, und plötzlich wirkte das prunkvolle Herrenhaus wie eine Falle: elegant verpackt, aber tödlich zuschnappend.
Sie griff zum Telefon, doch das Dröhnen der Telefonleitung verhallte nur qualvoll in der Leitung. Keine Verbindung. Einen Moment lang suchten ihre Augen hektisch nach einem anderen Gerät, einem flüchtigen Funken Schutz. Aber hier, in der Nacht, war Lina allein.
Mit zitternden Fingern packte sie das Buch fester. Es war nicht nur ein ledergebundener Band – es war ihr Schlüssel zur Wahrheit und zu ihrer eigenen Vergangenheit, die sie um jeden Preis schützen musste.
Noch während sie darüber nachdachte, woher die Nachricht kam, hob ihr Handy auf dem Tisch neben ihr plötzlich vibrieren, bis die Stille zersprang.
Sie hob ab.
„Lina.“ Die Stimme war außerordentlich ruhig, sachlich und doch mit einem Unterton, der ihre Haut zum Kribbeln brachte.
„Wer sind Sie? Was wollen Sie von mir?“
„Du bist zu neugierig geworden“, sagte die Stimme kalt, brüchig, als kämpfe sie gegen ein Flüstern.
„Du spielst mit Dingen, die du nicht verstehst. Lass los, bevor es für dich kein Zurück mehr gibt.“
Das Knacken, das durch den Hörer ging, war das letzte, was sie hörte, bevor die Verbindung zerriss.
Ihre Finger krallten sich um das Telefon, als wollte sie es zerbrechen. Im selben Moment pochte ihr Blut gegen die Schläfen, ein unüberhörbares Warnsignal.
Sie hörte plötzlich das leise Klopfen an der Tür, schnell und bestimmt.
Lina erstarrte.
„Wer ist da?“ Ihre Stimme war verbittert, beinahe heiser.
„Niemand, den du treffen willst.“ Ein Schatten schlüpfte durch den Spalt. Die Tür öffnete sich einen Spalt, dann erschien auf der Schwelle ein Gesicht, das sie nicht erwartet hatte. Ein stilles Lächeln blitzte über die Lippen, doch in den Augen lag ein tödlicher Funken.
„Du solltest besser aufhören, junge Frau“, hörte sie – scharf und gnadenlos.
Das Klopfen wurde lauter, diesmal begleitet vom leisen Kratzen einer Klinge, die über das Holz strich.
Der Atem stockte Lina. Erstaunlich schnell schlossen sich ihre Gedanken, jagten durch das Labyrinth aus Angst und Mut.
Wer hatte sie gewarnt? Wer wollte sie zum Schweigen bringen? Und vor allem: Warum?
Der Schatten trat einen Schritt vor – und Lina konnte nun das Profil erkennen, das ihr den Tod bringen würde.
Mit einem flüsternden, beinahe höhnischen Ton sagte die Stimme:
„Ich werde dich finden, Lina. Und diesmal wirst du keine zweite Chance bekommen.“
Das Licht flackerte, und in diesem Moment wurde ihr klar: Der Kampf um die Wahrheit war entbrannt – und sie stand genau im Kreuzfeuer des tödlichen Erbes.
Ein letztes, klirrendes Geräusch hallte durch den Raum – dann war die Tür ins Schloss gefallen.
Und Lina wusste: Das Schweigen, das man von ihr verlangte, würde ihr tief in den Knochen brennen. Wenn sie nicht gehorchte, konnte das ihr erstes und letztes Verhängnis bedeuten.