Chapter 10
Kapitel 10 Das Rätsel der Erbschaft
Lina spürte, wie der kalte Hauch der Nacht ihr Herz umklammerte, während die letzten Worte in ihrem Kopf widerhallten: Das tödliche Erbe entfaltet seine Flügel. Ein kalter Schweißfilm lag auf ihrer Stirn, das pulsierende Pochen in ihren Schläfen war kaum zu bändigen. Sie stand allein im düsteren Salon, der nur von der schwachen Flamme des Kamins erleuchtet wurde. Schatten krochen an den hohen Wänden empor wie abgeschnittene Finger.
Ihre Hände zitterten, aber sie zwang sich, tief durchzuatmen, um das Chaos in ihrem Gehirn zu ordnen. Ein verbündeter Einfluss aus ihrer Vergangenheit? Jemand, der in das Netz eingriff, das sich um sie und die Familie Falkenstein spann?
Kalte Luft zog durch den Spalt des geöffneten Fensters am Ende des Zimmers, vermischte sich mit dem muffigen Geruch alter Bücher und polierten Holzes. Sie schloss das Fenster, aber die Unruhe blieb. Keine Sekunde durfte sie verschwenden.
Lina wandte sich zum großen Eichenbuffet und öffnete mit zitternden Fingern eine der Schubladen. Ein familiengeschichtliches Buch lag darin, schwer, mit einem dünnen Ledereinband. Sie hatte es vor Tagen zufällig in Konstantins Büro entdeckt, doch damals war ihr kein besonderer Hinweis aufgefallen. Heute jedoch kam ihr jeder Satz wie ein fremdes Rätsel vor.
Sie schlug die vergilbten Seiten auf. Skizzen. Namen. Jahreszahlen. Schwere Kreise und Unterstreichungen. Ihre Augen verfolgten eine handgeschriebene Notiz am Rand: „Nur wer das wahre Vermächtnis kennt, sieht das verborgene Gesicht der Familie.“
Ein leises Geräusch an der Tür ließ sie zusammenzucken. Herzklopfen. Hoffen. Angst.
„Lina?“ Die Stimme war leise, aber schneidend. Konstantin stand im Türrahmen, seine Augen tief in einem dunkelblauen, strengen Blick versunken. „Du suchst Antworten, nicht wahr?“
Sie schluckte die aufsteigende Wut hinunter. „Das Erbe... Es ist mehr, als nur Geld oder Besitz.“
Er trat einen Schritt näher, seine Lippen ein dünnes, geschliffenes Messer. „Mein Vater hat nie darüber gesprochen. Nicht mit mir – und schon gar nicht mit ihr.“ Er deutete mit einem Kopfstoß auf das Bild seiner Mutter, das über dem Kamin hing.
„Was versteckt ihr vor mir?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch jeder Ton vibrierte vor Entschlossenheit.
„Vielleicht das, was den Mord erklärt.“
Ein Funken Hoffnung schoss durch Lina, aber auch Warnung. Sie suchten beide Antworten, doch sie standen auf unterschiedlichen Seiten einer klaffenden Schlucht.
„Ich habe gefunden, wonach ich gesucht habe.“ Sie zeigte das Buch. „Ein geheimer Abschnitt – eine verborgene Linie im Stammbaum, etwas, das aus den offiziellen Aufzeichnungen verschwunden ist.“
Konstantin trat jetzt näher, seine Finger krallten sich an den Rand des Buchs. „Du spielst mit Feuer, Lina.“
„Ich spiele nicht mehr. Ich will wissen, wer du bist – wer wir alle wirklich sind.“
Das Unbehagen lag schwer zwischen ihnen, wie der dichte Nebel über den gepflegten Gärten des Herrenhauses, der jeden Schritt verschluckte.
„Es geht um mehr als die Familie Falkenstein.“ Konstantins Stimme wurde knapp, unerbittlich. „Dieses Erbe trägt Flüche, Geheimnisse und tödliche Verpflichtungen.“
Linas Augen blitzten auf – eine Mischung aus Trotz und Verzweiflung. „Und wenn das wahr ist, dann erklärt es den Mord. Es erklärt, warum jemand sterben musste, um es zu schützen.“
Ein scharfer Klang zerriss die Stille. Das Klirren einer fallenden Vase in der Diele. Beide drehten sich hastig um.
Im Flur, halb im Schatten verborgen, tauchte eine kleine Gestalt auf. Es war Anna, die jüngere Schwester von Konstantin, die sich heimlich Zugang verschafft hatte, ohne dass sie es bemerkten.
„Ihr... ihr dürft nicht weiterlesen.“ Ihre Stimme brach, zitterte. „Dieses Wissen – es... es bringt nichts Gutes.“
„Warum?“, fragte Lina kühl, „Weil du Angst hast?“
Anna schüttelte den Kopf. „Weil es alles zerstören wird. Noch bevor du begreifst, was auf dem Spiel steht.“
Konstantins Blick verengte sich, und ein Schatten legte sich über sein Gesicht. „Genug. Schluss. Dieses Kapitel liegt tief begraben.“
Lina spürte, wie eine Lawine in ihr losbrach — ein Sturm aus Fragen, aus Verlangen, aus Verzweiflung. Sie konnte nicht einfach aufgeben. Nicht jetzt.
Sie atmete tief ein. „Wenn das Erbe den Mord erklären kann, dann will ich es herausfinden — koste es, was es wolle.“
Anna trat zurück, die Finger verkrampften sich an der Kante ihrer Jacke, als hätte sie Angst, jeden Moment könnte die Wahrheit sie zerreißen.
„Manchmal“, flüsterte sie, „ist das Schlimmste, was man finden kann, nicht die Antwort, sondern die Folgen.“
Konstantin packte das Buch mit eiserner Kraft – eine Bewegung voller Wut und Verzweiflung. „Dann sehen wir, wie weit du bereit bist zu gehen.“
Lina begegnete seinem Blick, das Feuer in ihren Augen ungebrochen. Das Rätsel der Erbschaft hatte eine dunkle Tür geöffnet. Dahinter verbargen sich Geheimnisse, die alles verändern konnten.
Und jetzt, in der kalten Stille des Herrenhauses, wusste sie nur eines mit Gewissheit:
Dieses Erbe war tödlich.
Ein Schatten fiel über die Tür. Jemand klopfte, fest, fordernd. Das Spiel war nicht nur eröffnet – es erreichte seinen gefährlichen Höhepunkt.
Wer stand dort draußen? Und konnte das Erbe endlich den Mordfall erklären?
Lina griff nach dem Buch, die Finger fest um den Einband geschlungen. Der schwache Schein der Glut spiegelte sich in ihren Augen.
„Komm herein“, sagte sie leise. „Es wird Zeit, die Wahrheit zu sehen.“