Chapter 9
Kapitel 9 Die erste Falle
Ein schwerer Atemzug. Die Luft war dick, als hätte sie sich in meinem Brustkorb verknotet, während das bedrohliche Ticken der Wanduhr die Stille zerschnitt. Sekunden tropften wie Nadeln auf meine Haut. Ich konnte meine Augen kaum von dem Schatten lösen, der sich langsam an der Tür bewegte – eine Bewegung so zögerlich und dennoch von der kalten Präzision eines Raubtiers.
„Emil?“ Die Stimme war süß, kaum mehr als ein Flüstern, doch sie bohrte sich in mein Mark. Leona.
Ich riss den Kopf herum, Herzschlag loderte im wilden Tanz. Mein Blick klammerte sich an den düsteren Türrahmen, als plötzlich kalte Stahlspitzen aus dem Schatten hervorbrachen – die Falle war zugeschnappt.
Ein scharfer Schmerz fuhr in meinen Unterarm, als etwas mich einschloss, eine Zwinge aus Metall kalte Faust griff zu. Die Falle schloss sich, unerbittlich. Der Geruch von Schmieröl und kaltem Rost kroch in meine Nase, begleitet von dem metallischen Nachhall eines Verrats, der längst geplant war.
„Gut so“, kam Leonas Stimme hinter mir. „Du warst dumm genug, herzukommen – und noch dümmer, zu glauben, du könntest unbemerkt bleiben.“
Ich fühlte, wie Blut langsam aus der Wunde sickerte, die Ansätze der Panik griffen nach meinem Verstand, doch ich zwang mich, die Sinne zu schärfen. Jede Faser in meinem Körper suchte nach einer Schwachstelle in diesem stählernen Griff.
„Warum tust du das, Leona?“, keuchte ich, während mein Arm zu kribbeln begann. „Wir könnten es anders regeln.“
Sie lachte, eine kalte, bitter-süße Melodie. „Du verstehst nichts. Es geht nicht um uns mehr. Es geht um die Zukunft der Familie Barth – und du bist eine Bedrohung. Ein Relikt, das beseitigt werden muss.“
In ihren Worten lag die tödliche Klarheit eines Gerichtsurteils. Ein Verrat, so tief wie die Schatten in diesem Zimmer.
Die Tage der Verhandlungen, das stille Beobachten, die verloren geglaubte Nähe vergangener Jahre — alles war nur Teil eines Spiels gewesen. Ein perfides Schach, bei dem ich die Figuren kannte, aber nie das Spielbrett sah.
Mit einem Ruck zog ich mein Messer hervor, das ich immer für den Notfall bei mir trug.
Der Griff fühlte sich vertraut an, trotz der aufblitzenden Schmerzen im Arm.
Mein Herz raste, als die Tür einen Spalt breit geöffnet wurde, und Leonas Augen – kalt, unnachgiebig – mich fixierten.
„Du kannst rennen, Emil. Aber du kannst nicht entkommen.“
Die Falle klickte.
Ich konnte spüren, wie die Zeit sich verlangsamt, jeder Atemzug ein Kampf, jede Sekunde ein Zwang, alles auf der Klinge zwischen Leben und Tod balancierend.
Konnte ich diesmal entkommen?
Das Buch des Schicksals schloss sich mit einem kalten Knall – und die Antwort hing in der Luft, genauso brennend wie die Klinge in meiner Hand.