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Chapter 6

Der Rat der Verräter

Kapitel 6 Der Rat der Verräter

Emils Herz hämmerte gegen seine Rippen, als wollte es sich selbst aus der Brust reißen. Hinter ihm. Diese kalte, hochnäsige Stimme, so unverkennbar wie das Messer auf seiner Kehle.

„Ich habe dich erwartet.“ Ein spöttisches Lächeln schimmerte in der dunklen Gestalt, kaum mehr als ein Schatten in der Dämmerung.

Emil erstarrte, die Luft schien dicker zu werden, jeder Atemzug eine Qual. Seine Fingerspitzen krallten sich in den Stoff seines Mantels, die Muskeln spannten sich, doch sein Körper antwortete nicht. Es war mehr als Angst – es war Verrat in purer Form, unverhohlener als je zuvor.

„Leona.“ Die Stimme kam kaum über ein Flüstern hinaus. Es war mehr eine Anklage.

„Du glaubst also, du kannst einfach so wieder auftreten?“, setzte sie nach, ein kaltblütiges Funkeln in den Augen. „Du bist ein Schatten, der verblassen sollte.“

Emils Blick heftete sich auf sie, auf die Frau, die einst seine Schwester gewesen war und nun seine größte Feindin war. Die Welt um sie herum schien zu verschwimmen, nur ihre Gesichter blieben scharf, fast greifbar.

Doch sie bewegte sich keinen Zentimeter weiter auf ihn zu. Es war das Spiel, das sie meisterhaft beherrschte: Nähe und Distanz, Drohung und Spott.

„Was willst du?“, fragte er schließlich, die Stimme rau, doch gewappnet, als wolle er zumindest äußerlich Stärke beweisen.

Leona lachte leise, ein Klang, der wie Eiszapfen in den Raum fiel. „Der Rat tagt bald. Ein endgültiger Schritt ist notwendig. Du bist ein Problem, Emil. Und Probleme lösen wir in unserer Familie... gnadenlos.“

Ohne eine weitere Warnung drehte sie sich um und verschwand in den Schatten der Gasse. Emil blieb allein zurück, durchdrungen von einem Gefühl, das sich zwischen rasender Wut und lähmender Angst aufspannte.

Seine Gedanken wirbelten, blieben haften an den Worten „Der Rat“. Eine Versammlung, die er zweifellos hätte vermeiden wollen. Eine Versammlung, die über ihn sprach, hinter seinem Rücken, in einem Raum, der von Verrat und Intrigen pulsierte.

*

Der große Saal im Herrenhaus der Barths war in dunkles, warmes Licht getaucht. Die Wände schienen die Schatten der Anwesenden zu schlucken, als wollten sie all die Geheimnisse bewahren, die hier geflüstert wurden.

An einem langen, massiven Tisch saßen sie – die mächtigsten Figuren der Familie. Leona stellte sich an den Kopf des Tisches, ihr Blick scharf wie ein Skalpell, das alte und tief verwurzelte Risse sichtbar werden ließ.

„Unser Gast sorgt für Unruhe“, begann sie, die Stimme fest, kontrolliert. „Emil ist die offene Wunde unserer Familie. Seine Rückkehr ruft alte Dämonen wach.“

Ein Mann mit silbernem Haar, dessen Blick jeden durchbohrte, nickte langsam. „Er bringt unsere Stabilität ins Wanken. Wir müssen handeln, bevor es zu spät ist.“

„Die Öffentlichkeit darf nie erfahren, was wirklich geschehen ist“, fügte eine kalte Frauenstimme hinzu, tief und ohne eine Spur von Mitgefühl. „Sonst verlieren wir alles.“

Ein murmelndes Einverständnis breitete sich aus, doch die Spannung hinter den Worten schnitt fast durch den Raum wie Glas.

Leona erhob sich, ihre Präsenz dominierte den Raum. „Wir starten die Operation ‘Phönix’.“

Ein aufmerksames Raunen folgte.

„Ein Geheimnis, das seit Jahrzehnten unter uns liegt. Ein Schatten im Erbe unserer Familie, den wir um jeden Preis begraben müssen. Damit niemand ihn je findet. Noch nicht einmal Emil.“

Die Gesichter an dem Tisch zeigten eine Mischung aus Schrecken und Entschlossenheit.

Ein jüngerer Mann presste die Lippen zusammen, seine Augen blitzten. „Was genau verbergen wir?“

Leona ließ ihr kaltes Lächeln über ihre Lippen huschen. „Das werden nur wir wissen. Und die Toten.“

Dann legte sich Stille über den Raum wie ein schwerer Vorhang.

Hinter den schweren Vorhängen der Barths blieb nur eine Frage:

Was in diesem dunklen Familiengeheimnis war so gefährlich, dass Mord und Verrat das einzige Mittel waren…?

Ihre Blicke trafen sich. Niemand wagte es, weiter zu sprechen. Alle wussten, dass die Offenbarung dieses Geheimnisses nicht nur Emil zerstören konnte – sondern die ganze Blutlinie.

Ein leises, kaum hörbares Klopfen hallte gegen die Holzwand.

Die Zeit der Schatten war noch lange nicht vorbei.

Schnitt.