Chapter 3
Kapitel 3 Das erste Bündnis
Der Regen hatte aufgehört, doch Emil spürte, wie die Feuchtigkeit in seinen Knochen kroch. Sein Herz hämmerte, als wär es gefesselt an einen Trommelwirbel, der nicht enden wollte. Das Flackern der Straßenlaternen zeichnete gespenstische Schatten auf das zerfurchte Pflaster der Gassen.
Sein Blick streifte die dunklen Fenster, hinter denen Leona ihre Finger wie Schlangen um die Macht krümmte. Er war ein Ausgestoßener geworden, ein verratener Sohn. Doch irgendetwas in ihm weigerte sich, sich zu ergeben.
Plötzlich knackte es hinter ihm. Ein Laut, so leise, dass es jeder andere überhört hätte. Emil wirbelte herum, die Finger krallten sich um den Griff seines Messers.
Eine Gestalt trat aus dem Schatten. Ein Mann mit einem schmalen Gesicht, das von tiefen Narben durchzogen war und Augen, die wie Kohle glühten.
„Barth“, sagte der Fremde mit rauer Stimme. Es war kein Vorwurf darin, nur ein Fakt, der schwerer wog als jedes Urteil. „Ich habe auf dich gewartet.“
Emils Herzschlag verlangsamte sich nicht. Stattdessen war da ein Funke – eine Mischung aus Misstrauen und dem Verlangen nach Verbündeten.
„Wer bist du?“, fragte Emil, seine Stimme ein scharfes Messerschnitt.
Der Mann zog eine Zippo-Feuerzeug aus seiner Brusttasche und zündete es an. Die kleine Flamme erhellte für einen Moment sein Gesicht.
„Ich heiße Viktor Renner. Ich habe deine Lage studiert – und ich bin kein Freund deiner Schwester.“
Emils Ärger zuckte auf, wie eine vibrierende Saite. „Das sage ich allen, die mir zu nahe kommen. Warum sollte ich dir trauen?“
Viktor lächelte, aber es war kein freundliches Lächeln. Es war das eines Mannes, der zu viel gesehen hatte.
„Weil ich genau wie du ein Spielball in ihrem Netz bin. Ich habe Ressourcen, Kontakte. Und ich kann dir helfen.“ Er trat einen Schritt näher, die Flamme spiegelte sich in seinen Augen. „Aber Vertrauen, das musst du dir verdienen – und ich ebenfalls.“
Emil biss die Lippe, sein Geist raste. Innerlich ging er jede Möglichkeit durch: Falle, Verrat, falsches Spiel. Doch die Aussicht, in dieser Stadt ganz zu verschwinden, wie ein Schatten ohne Name, war schlimmer.
„Was willst du von mir?“, forderte er.
„Partnerschaft“, erwiderte Viktor knapp. „Ein Bündnis im Schatten. Gegen Leona. Gegen die Schatten, die über uns herfallen.“
Ein kühler Wind strich durch die Gasse und trug das Versprechen eines gefährlichen Spiels mit sich – das Spiel um Macht, Blut und Verrat.
Emil nickte zögernd. „Gut. Aber einen Fehler kannst du dir nicht erlauben, Viktor. Nicht gegenüber mir. Ich bin kein Mann, der zweimal dieselbe Schlacht verliert.“
Viktor steckte das Feuerzeug weg und streckte die Hand aus. „Dann lass uns anfangen. Deine Feinde schlafen nie – und auch wir sollten das nicht.“
Emils Hand schloss sich um Viktors. Ein schwaches Kribbeln pulsierte hinauf bis in seine Fingerspitzen. Doch in seinem Kopf nagte die Frage, ein scharfer Splitter:
Kann ich diesem Mann wirklich trauen?
In jenem Augenblick, als die Hände sich berührten, fiel der Blick von Emil auf die dunkle Ecke der Straße. Ein Schatten bewegte sich langsam, beinahe lautlos. Unbekannt. Bedrohlich.
Das Knacken eines Funkgeräts brach die Stille. Viktors Augen verengten sich.
„Wir sind nicht allein.“ Seine Stimme war jetzt hart, gepflastert mit dem kalten Stahl von Erfahrung. „Bereit?“
Emil spürte, wie die Kälte des nahenden Sturms ihm in die Knochen kroch. Und er wusste: Von diesem Moment an würde sein Leben nie mehr dasselbe sein.
Die Tür eines nahegelegenen Gebäudes schlug zu.
Und das Spiel begann.