Chapter 16
Kapitel 16 – Verbotene Nachrichten
Das dumpfe Echo seiner Worte kroch wie kalter Nebel durch den Raum. „…durch dich alles zurückbekommen will.“ Emma spürte, wie der Boden unter ihren Füßen zu schwanken begann, als wäre das Schweigen danach wie ein Messerstich in die Nacht geschnitten.
Ihr Atem ging stoßweise, die Kehle trocken. Das flackernde Licht der Straßenlaterne drang durch das schmale Fenster und warf lange Schatten, die wie Finger um sie herumgriffen. Leon stand kaum zwei Schritte von ihr entfernt, die Lippen zu einem harten Strich zusammengepresst. Sein Blick war ein Gewitter, das drohend knisternd auf sie zielte.
Sie wollte sprechen. Doch die Stimme erstickte irgendwo zwischen Empörung und verwirrtem Schmerz. Stattdessen trat sie rückwärts, spürte das Holz der Tür gegen ihren Rücken, die Kühle des Lackes in ihrer Handfläche. Die vertraute Enge des Flurs schien sich plötzlich zu einem Käfig auszudehnen, aus dem es kein Entrinnen gab.
„Warum hast du das getan, Leon?“, brachte sie schließlich hervor, die Worte kaum mehr als ein Flüstern. „Warum diese Lügen? Dieses Spiel mit unserer Vergangenheit?“
Sein Lächeln war bitter, ein Schatten, der die Züge entstellte. „Du hast mich verraten, Emma. Ich bin kein Narr, der Liebe über alles stellt. Nicht mehr.“ Er setzte einen Schritt voraus, die Distanz schmolz dahin wie Eis im Feuer. „Und ich werde nicht zulassen, dass du damit noch einmal davonkommst.“
Ein dumpfer Knall ließ beide zusammenfahren. Das altmodische Handy, das auf dem kleinen Tisch im Flur lag, vibrierte heftig. Das grelle Blinken auf dem Display schnitt durch die angespannte Stille wie ein Messer.
Emma hob es langsam auf, ihre Finger zitterten, als sie über das Display strichen. Eine neue Nachricht. Keine Nummer, kein Name. Nur ein Symbol: Ein zerbrochenes Glas.
Das Herz hämmerte ihr gegen die Rippen wie ein Fluchtwild. Sie öffnete die Nachricht.
> „Wer glaubt, dass Wahrheit nur schwarz und weiß sei, hat nie ins zerbrochene Glas gesehen. Pass auf, wem du vertraust. Nicht alle Schatten sind feindlich. Nicht jeder Schein trügt gleich.“
Emma starrte auf den Bildschirm. Kälte kroch ihr die Wirbelsäule hinab. Wer konnte so etwas schicken? Wer spielte hier welches Spiel? Neben ihr spürte sie Leons Blick wie ein stählernes Seil, das sie in den Bann zog.
„Was ist das?“ Seine Stimme war leise, gebrochen. Ein winziger Riss im Panzer seiner sonst so harten Fassade.
„Eine Warnung“, flüsterte sie. Ihr Daumen zitterte, während sie die nächste Nachricht öffnen wollte.
Doch das Handy schlug eine weitere Nachricht aus, wieder ohne Absender.
> „Sieh genau hin, Emma. Nicht jeder Verbündete trägt dein Blut. Die Schatten, die du für Feinde hältst, könnten deine Rettung sein. Doch Zeit bleibt dir nicht.“
Emma schluckte schwer. Jeder Satz öffnete eine klaffende Wunde aus Zweifeln und Misstrauen. Der Boden zwischen ihr und Leon fühlte sich wie eine Schlucht an, die jeden Moment einbrechen konnte.
„Wieso bekommst du so etwas...?“, begann Leon, doch seine Worte versiegten. Die Kälte in seinem Blick wich einem unergründlichen Schauder—einer Mischung aus Wut und Angst.
In diesem Augenblick ertönte das leise, kaum hörbare Klicken hinter der Wohnungstür. Die Schatten auf den Wänden schienen zu tanzen, schwankend zwischen Sicherheit und Bedrohung.
Emma hob den Kopf. „Wer ist da?“
Kein Laut antwortete. Nur das dumpfe Pochen ihres Herzschlags, der sich jetzt wie ein Trommelfeuer anfühlte.
Dann vibrierte das Handy erneut.
> „Die Zeit läuft. Entscheide weise, Emma Winter. Die Wahrheit ist zerbrechlich—und der Abgrund wird größer.“
Die Tür kippte langsam einen Spalt auf.
Ein Schatten tauchte auf der Schwelle auf.
Emma erstarrte.
Wer hatte ihr diese verbotenen Nachrichten geschickt? Und warum wollten sie, dass sie zweifelte, dass sie fürchtete?
Leon schob sich neben sie und flüsterte kaum hörbar: „Wir werden es herausfinden. Zusammen.“
Doch in ihrem Herzen landete die Frage wie ein scharfer Splitter.
Wer sendet die Warnungen — und was für ein Spiel spielt er wirklich?