Chapter 4
Kapitel 4 – Das Bild der verlorenen Schwester
Der Druck in Elias’ Brust war wie ein klaffender Schnitt, der tief in sein Herz schnitt. Seine Finger zitterten unkontrolliert, als er die Luft zwischen sich und der Dunkelheit tastete. Das Schweigen der Stadt krümmte sich wie ein kaltes Band um seine Kehle. Das Bild, das sich vor seinem inneren Auge eingebrannt hatte, brannte sich tiefer in sein Gedächtnis als jede Erinnerung zuvor.
War es nur Erinnerung? Oder hatte ihn etwas aus der endlosen Wiederholung gerettet? Ein Riss im Fundament der Zeit?
Seine Pupillen weiteten sich, als der stechend süße Geruch von verbranntem Plastik und Öl in die Luft stieg – als wäre die Stadt selbst ein offenes Wundbett. Ein dumpfes Pochen in den Schläfen erinnerte ihn daran, dass er noch atmete, dass der Moment nicht nur Illusion war.
Die neonblauen Reflexe der Reklametafeln spiegelten sich in den Pfützen auf dem Asphalt. Doch etwas war anders. Etwas hatte sich verändert.
Mit schwerem Schritt tastete er sich durch die feuchte Nacht. Zwischen den dampfenden Gullis und den flackernden Lichtern stolperte er zu einer verlassenen Ecke des Untergrunds, wo die Schatten dicht und undurchdringlich lagen. Hier sollte die Spur, die ihn zur Wahrheit führte, verborgen sein.
Als er sich über einen rostigen Müllcontainer beugte, entdeckte er etwas, das sein Herz abrupt aussetzen ließ – ein zerknittertes Foto, halb von Öl getränkt, die Ecken ausgefranst. Er zog es vorsichtig hervor.
Das verwischte Bild zeigte ein junges Mädchen, ihr Gesicht fast verloren im Schatten, doch ihre Augen hatten das klare Leuchten, das Elias nur zu gut kannte. Es war Anna, seine Schwester. Die gleiche, die in der Zeitschleife gestorben war.
Sein Atem stockte. Wie konnte dieses Foto hier sein? Wer hatte es hierher gelegt – und warum?
Die kalten Windböen flüsterten um die Mülltonnen, als würde die Stadt selbst ihm antworten. Sein Blick fuhr über die unscharfen Umrisse im Hintergrund des Bildes. Dort war eine seltsame Geste zu erkennen, eine Handbewegung, die ihm vertraut vorkam – das Zeichen der Zeitschleife.
„Das kann nicht sein...“ flüsterte er, das Papier noch immer fest umklammernd.
Eine harsche Stimme schnitt durch die Stille hinter ihm.
„Siehst du, was ich sehe, Kain?“
Elias riss sich herum und blickte in das Gesicht von Viktor Draylen. Ein Lächeln, das nichts mehr als kalte Berechnung war, umspielte dessen Lippen. Sein Blick schien das Foto zu verschlingen, als wäre es der Schlüssel, der seine dunklen Geheimnisse entlarvte.
„Du musst hören, was ich dir sage“, fuhr Viktor fort, ohne Elias eine Antwort zu lassen. „Deine Schwester... sie ist mehr als nur ein Opfer dieses Systems. Sie war der Anfang. Und vielleicht das Ende.“
Der kalte Wind trug Viktors Worte wie ein unheilvoller Befehl in die Nacht. Elias spürte, wie sich die Zeitschleife, die ihn gefangen hielt, nicht nur um die Stadt, sondern auch um sein Herz wickelte.
Ein kalter Schauder lief ihm den Rücken hinab.
Konnte der Tod seiner Schwester tatsächlich Teil dieser unaufhörlichen Schleife sein? War ihr Schicksal kein Unfall – sondern das düstere Echo einer Zeit, die sich selbst strafte?
Bevor Elias antworten konnte, blitzte eine holografische Nachricht auf dem Boden zwischen ihnen auf. Ein verzerrtes Bild – Anna. Ihre Stimme, gebrochen, durchdrang die Luft:
„Elias… sieh hin… hör zu…“
Die Stadt, die niemals schlief, schien in diesem Moment den Atem anzuhalten.
Und Elias wusste: Er war auf dem schmalen Grat zwischen Wahrheit und Wahnsinn.
Das Spiel hatte sich verändert.
Doch der Preis war noch ungewiss.
Ein Schatten löste sich aus der Dunkelheit hinter Viktor, und ein kaltes Metallglitzern spiegelte sich im neonfarbenen Schein.
Elias hob die Hand, starrte auf das Bild seiner Schwester, das unter seinen Fingern zitterte.
Und die Schleife begann, sich erneut zu drehen.