Chapter 16
Kapitel 16 Verbotene Begegnung
Die Luft zitterte. Ein sanftes, kaltes Summen waberte durch den schmalen Korridor, wo Elias mit klopfendem Herzen gegen die geschlossene Tür lehnte. Sein Atem war flach, die Hitze seines Körpers fühlte sich plötzlich wie ein Feuer an, das langsam ausbrannte und nur Asche zurückließ.
Die dunkel funkelnden Augen von Viktor Draylen brannten in seinem Verstand – kalt, berechnend, als seien sie das letzte Stück Ordnung in einem Chaos, das drohte, ihn zu zerreißen.
„Bin ich der Fluch… oder die Erlösung?“ Die Worte hallten in ihm nach, beharrlich, bohrend.
Elias spürte, wie seine Finger krampften, während er die Türklinke losließ. Im neonglühenden Dämmerlicht der Megacity fiel sein Blick auf den digitalen Monitor am Ende des Gangs. War es nur eine Illusion? Eine verfluchte Schleife?
Dann, aus dem Schatten, kam sie hervor.
Seine Schwester.
Ein kurzer, fast schüchterner Augenaufschlag, ehe die Straßenlaternen in ihrem Gesicht flackerten und ihre konturierte, vertraute Silhouette enthüllten.
„Lia?“, hauchte Elias, doch seine Stimme versagte. Kein Schrei, kein großes Aufbäumen, nur ein Ton, der vor Ehrfurcht erzitterte.
Sie war hier. Nicht das zerbrechliche Bild aus seinen Erinnerungen, sondern real – und doch unwirklich. Am Schnittpunkt von Zeit und Realität.
Lia trat näher, das einfache Neonlichthalsband an ihrem Hals war kaum sichtbar durch das zarte Spiel von Schatten und Licht auf ihrer Haut. Ihr Blick vermied seinen, suchte etwas anderes, etwas, das er nicht fassen konnte.
„Warum bist... du hier?“, fragte Elias, der Versuch, die Fassung zu bewahren, zusammengeschnurrt zu einem dünnen Faden.
Sie hob eine Hand, zögerte, dann berührte sie sanft seine Wange. Die Berührung brannte wie Eis in seinem Blut.
„Du glaubst, du kennst die Schleifen, Elias“, flüsterte sie mit einer Stimme, die gleichzeitig vertraut und fremd klang, „aber das ist nur eine Oberfläche. Da ist so viel mehr, das du nicht verstehst – noch nicht.“
Seine Finger zitterten, das Gewicht ihrer Nähe fühlte sich an wie eine unsichtbare Kette, die sie verbindet und zugleich fesselt.
„Ich... ich suche dich seit Jahren“, knurrte er, während sein Herz raste. „Jede einzelne Wiederholung, jede Schleife – ich dachte, das hier ist der Anfang vom Ende.“
Lia schüttelte den Kopf, ein trauriges Lächeln spielte um ihre Lippen. „Du möchtest die Zeit befreien, doch sie befreit dich vielleicht zuerst.“
Elias blinzelte, als die Schatten hinter ihr kurz zu vibrieren schienen. Irgendetwas an ihrem Blick war anders. Etwas tiefer, Verborgeneres, das gegen ihre spröde Fassade kämpfte.
„Es gibt Geheimnisse hinter dem Schleier, Elias. Geheimnisse, die größer sind als du, größer als wir beide.“ Sie trat einen Schritt zurück. „Warum glaubst du, dass ich hier bin?“
Jetzt war es an ihm, zu wahren, dass er nicht mehr wusste, wem er trauen konnte. Die Straße hinter ihr schien sich zu verwandeln, die Neonlichter verzerrten sich in abstrakte Gebilde, während irgendwo im Hintergrund eine Sirene heulte – eine Sirene, die nicht nur auf eine Gefahr hinwies, sondern auch eine Warnung war.
Elias hob die Stimme. „Sag es mir!“
Doch Lia wich zurück, ihre Augen glitzerten voller Wissen und zugleich voller Schmerz. „Weil ich mehr weiß, als ich sagen darf.“
Und plötzlich, mit einem Kribbeln entlang seiner Wirbelsäule, fühlte er es: Die Zeit, die um ihn herum taumelte, als hätte sie selbst Angst, die Wahrheit zu offenbaren.
„Du bist nicht nur mein Bruder“, flüsterte Lia und dann, lauter, fast verzweifelt: „Du bist der Schlüssel – aber auch die Bedrohung.“
In diesem Moment, als Elias nach einer Antwort tastete, als das Summen in der Luft zu einem Crescendo anschwoll, öffnete sich hinter Lia eine unsichtbare Grenze.
Keine Worte, kein weiteres Zögern – nur die unvermittelte Erkenntnis: Sie hatte ihm mehr verschwiegen, als sie preisgab.
„Was weißt du... wirklich?“ fragte Elias, seine Stimme ein knappes Messer im Klang der Nacht.
Doch Lia blickte weg, ihr Schatten verschmolz mit der Dunkelheit der Stadt, nachdem sie noch einmal kurz innehielt.
„Bald wirst du es erfahren.“
Ein schweres, pulsierendes Klopfen irgendwo in der Tiefe der Megacity hob die Stimmung von Furcht und Erwartung zugleich an, bevor die Szene in flimmerndes Neonlicht getaucht abrupt verstummte – ein Rätsel, das noch ungelöst in der endlosen Schleife der Zeit lauerte.