Chapter 15
Kapitel 15 Der Preis des Wissens
Der kalte Wind schnitt Elias ins Gesicht, als er aus dem Schatten der Gasse trat. Die Neonlichter der Stadt flackerten wie geisterhafte Zeugen seines inneren Aufruhrs. Seine Finger zitterten kaum merklich, als er die Kante seines Jackets fest umklammerte, als ob er sich selbst zusammenhalten musste.
Der Widerhall von Viktors Worten nagte an seinem Verstand, pulsierte wie ein unaufhörlicher Herzschlag: „Die Schleife lebt durch dich, Elias. Dein Sein ist ihr Brennstoff.“
Der Asphalt unter seinen Füßen war nass, die Reflexionen der grellen Reklametafeln zerrissen und verzerrt, bloß Spiegelbilder einer Realität, die sich verzweifelt wand.
Sein Atem bildete kleine Wolken in der kalten Luft. Er wusste, Viktor hatte nicht nur gelogen. Vielmehr hatte er eine grausame Wahrheit offenbart – eine, die Elias’ Verstand verschob wie ein Polaroidbild in einem stürmischen Sandkasten.
Wollte er wirklich glauben, dass sein eigenes Leben das Zentrum dieses Zeitschlangen-Albtraums war?
Im pulsierenden Herz der Megacity fühlte er sich mehr denn je wie ein Gefangener seines eigenen Schicksals. Die Geräusche um ihn herum – das monotone Rattern einer Drohne, das entfernte Quietschen eines vorbeifahrenden Railcars – wirkten plötzlich gedämpft, als saugte eine unsichtbare Kraft die Farbe aus der Welt.
Ein Schwall kalter Panik kroch ihm bis in die Knochen. Seine Hand fuhr zittrig zum Hals, tastete nach einem unsichtbaren Druck, der dort zu lasten schien. Ein Echo aus den Tiefen seines Bewusstseins ließ ihn erstarren.
Seine Schwester. Es war das Bild ihrer zusammengenähten Uhr, die taktilen Narben auf ihrem Handgelenk, das schrille Knacken in der Luft, als sie…
„Verdammter Mist.“ Flüsterte er.
Sein Blick haftete an einer zerbrochenen Fensterscheibe, in der die Neonneons ein Kaleidoskop verfremdeter Farben erzeugten. Jede Reflexion ein Fragment, das er versuchte zu greifen und zusammenzusetzen.
Er schritt weiter, die Schritte hallten hohl in der engen Seitenstraße. Jede Bewegung war schwer, als trüge er die Last einer ganzen Stadt auf seinen Schultern.
Plötzlich wurde er von einem grellen Licht geblendet. Ein Hologramm schaltete sich vor ihm ein; das vertraute San-Alert-Meldungszeichen blinkte unermüdlich. Eine Stimme durchbrach das Rauschen der Stadt.
„Elias Kain, Ihre Anwesenheit wird am Ort ZÜ-07 benötigt. Dringender Einsatz.“
Der Ton war mechanisch, ohne jeden Unterton von Dringlichkeit – doch seine Bedeutung traf ihn wie ein Schlag in die Magengrube.
Sein Verstand raste. Sollte er jetzt fliehen? Sich verstecken? Nein.
Er musste Antworten finden. Er musste wissen, ob er selbst der Ursprung des Grauen war, das die Schleife am Leben hielt.
Die Erinnerung kroch hoch, scharf und schmerzhaft: Die letzten Sekunden vor dem Tod seiner Schwester – blutrote Erinnerungsfetzen, gefangen in einem Zeitloop, der unaufhörlich auf Repeat lief.
„Vielleicht habe ich es selbst verursacht“, flüsterte er, die Stimme zerbrechlich wie dünnes Glas.
Die Stadt wirkte surreal um ihn herum. Fremde Passanten liefen vorüber, taub gegenüber dem leisen Kampf in ihm.
Seine Schritte führten ihn nahezu magnetisch zu einer unscheinbaren Eingangstür, deren Rahmen von abgeblättertem Lack und unsichtbar verklebter Elektronik gezeichnet war.
Hinter dieser Tür – das wusste er – lag das Herzstück der Schleifenforschung. Dort, wo Viktor seine grausamen Experimente durchführte, und worauf auch Elias seine ganze Hoffnung setzte, das unfassbare Rätsel zu enträtseln.
Sein Herz hatte sich bereits für die nächste Entscheidung geöffnet – hatte sie aufgeschliffen zu einem tiefen Abgrund.
Er zog den Atem tief ein und drückte die Tür auf.
Ein kühler, metallischer Geruch schlug ihm entgegen. Das Summen leistungsstarker Maschinen füllte den Raum.
Plötzlich stockte Elias der Atem. Auf dem kalten Labortisch lag etwas, das seine Sinne schier zerfetzte: Ein holografisches Projektionsfeld zeigte schemenhaft eine menschliche Gestalt, eingehüllt in blaue Funken – eine Silhouette, die unmöglich eine andere als seine eigene sein konnte.
Eine Stimme, kaum mehr als ein Flüstern, drang aus den Lautsprechern:
„Du bist nicht nur Beobachter, Elias. Du bist der Nexus. Der Punkt, an dem Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft kollidieren.“
Ein Schauer jagte seinen Rücken hinunter.
„Das bedeutet… ich bin die Ursache?“
Ein Klicken, als würde eine Tür von innen verriegelt.
Plötzlich war das Summen verstummt. Die kühle Laborkälte wich einer drückenden Hitze.
Dann, ohne Vorwarnung, erschien Viktor Draylen selbst in der Schattenzone des Raums, sein Blick messerscharf und voller Triumph.
„Endlich erkennst du das Ausmaß deiner Verantwortung“, sagte er leise, fast zärtlich – und zugleich wie das Grollen eines drohenden Sturms.
Elias’ Finger krampften sich um den Rand des Tisches. Der Preis für das Wissen lastete schwer auf seiner Brust.
„Sag es mir.“, forderte er. „Bin ich der Fluch… oder die Erlösung?“
Viktors Augen funkelten dunkel, während die Tür hinter Elias zischend ins Schloss fiel.
Und im Kopf des Ermittlers brach die Zeit… endgültig auseinander.