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Chapter 12

Der erste Bruch im Kreislauf

Kapitel 12 Der erste Bruch im Kreislauf

Das Pulsieren der Neonlichter klebte wie flüssiger Brand auf Elias’ Haut. Noch in der Luft hing der bittere Geschmack von Diesel und Ozon, vermischt mit einer Ahnung — etwas hatte sich verändert. Nicht viel, nur ein winziger Riss im sonst undurchdringlichen Gewebe der Zeitschleife. Ein Flügelschlag, der einen Sturm anstoßen konnte.

Elias stand auf dem Dach des verlassenen Parkhauses, den Blick in die Tiefe gerichtet. Der Lärm der Stadt schluckte alles andere. Zwischen den Hochhäusern blitzte der Kanal reflektierend wie ein schwarzer Riss in der Landschaft. Unter ihm lagen die vertrauten Straßen, die sich so oft unbarmherzig wiederholten.

Sein Herz hämmerte wild. Noch vor Minuten hatte er die Strömung des Tagesablaufs berührt, die lächerlich kleine Veränderung. Dieses Mal hatte er den Weg zur Arbeit nicht durch die dunkle Gasse genommen, sondern die belebte Hauptstraße gewählt. Nur einen Meter abseits von der Routinematrix — und doch fühlte es sich an, als hätte er das Fundament der Realität neu gegossen.

„Das war’s also“, murmelte er, die Stimme kaum mehr als ein Echo, „der erste Bruch.“

Ein kalter Wind fuhr durch seinen Mantel. Die Neonreklamen flackerten, als ob sie seinen Gedanken widersprachen. Elias’ Fingernägel gruben sich in die Handflächen, das Adrenalin wirbelte greifenlos durch seine Adern.

„Was, wenn… was, wenn ich genau jetzt alles zerbreche?“ dachte er, der Schatten seiner Schwester flackerte hinter den Augenlidern auf, ein Blitz der Schuld.

Die neue Route hatte ihm Sekunden gewonnen — Sekunden, die wie Schnittwunden in den Minuten hingen. In der belebten Straße sah er Menschen, die in der gewohnten Zeitschleife erstarrt waren, ihr Verhalten automatisiert: ein Verkäufer, der eine Dose öffnete, die immer zum gleichen Zeitpunkt fiel; eine Frau, die kauerte, um die sechste Papiertüte neben der Ampel aufzulesen.

Elias zwang sich, nicht hinabzusehen. Unten konnte er sehen, wie der Hauptkreis der Schleife sich spannte, doch diese kleine Abweichung ließ ihn taumeln. Irgendwo musste ein Fehler sein — ein Unstimmigkeit im Algorithmus der Zeit.

Er griff in seine Tasche, die kalte Kante des Devices gegen seine Handfläche gepresst — das Gerät, das Viktor entwickelt hatte, um die Zeitschleifen zu analysieren und zu manipulieren. Jetzt war es sein Werkzeug zum Kampf.

Ein Melden auf seinem Ohrstück durchbrach die Stille. Die Stimme von Liana klang angespannt, verzweifelt:

„Elias, bist du sicher, dass das keine Falle ist?“

Die Frage bohrte sich tief in sein Gehirn. Sie hatten seit Wochen nur den Kontrollfluss der Zeit studiert, versucht, wie Roboter die Schleife zu verstehen. Und jetzt dieser Schritt ins Unbekannte.

„Ich muss es wagen“, antwortete Elias, seine Stimme ruhig, aber mit einem unüberhörbaren Zittern. „Wenn ich die Schleife nicht breche, endet alles immer gleich. Meine Schwester —“

Sein Satz erstarb in der Dunkelheit.

Plötzlich zuckte ein grelles Licht über den Asphalt. Im ersten Moment dachte er, es sei nur eine Reflexion der Reklametafeln, aber dann sah er die Gestalt. Viktor Draylen. Direkt unten, mitten im Getümmel der Straße, seine Augen glühten kalt und messerscharf.

Elias’ Gedanken rasten. War das der Beweis, dass seine Veränderung bemerkt wurde? Oder war es das Signal für etwas ganz anderes?

Das Ohrstück knisterte erneut.

„Sie sind auf dem Weg zu dir“, flüsterte Liana. „Viktor weiß, dass du die Regeln brichst.“

Ein kalter Schauer jagte Elias über den Rücken. Das Gefühl, beobachtet zu werden, verschmolz mit dem säuerlichen Geruch von Regen, der kurz bevorstand.

Sein Blick wanderte zurück zum Gerät. Ein Leuchten kroch über den Bildschirm — unregelmäßig, als würde die Zeit selbst stolpern.

Elias atmete tief durch, die Finger umschlossen den Griff, der das Schicksal von Millionen binden konnte.

Dann trat er von der Dachkante zurück und versank im Neonlicht, das Citya der Megacity.

Hatte diese winzige Veränderung gerade den Anfang vom Ende eingeleitet — oder war es ihr erster Atemzug in Freiheit?

Die Zeit selbst schien den Atem anzuhalten. Doch bevor Elias eine Antwort fand, vibrierte sein Gerät erneut. Ein einziger Satz blitzte auf dem Display auf:

„Die Schleife blutet.“

*

Und genau in diesem Moment hörte Elias ein leises, kaum hörbares Klicken hinter sich — die Tür zum Dach öffnete sich langsam, knarrend.