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Chapter 10

Die Erinnerung der Schwester

Kapitel 10: Die Erinnerung der Schwester

Das Dröhnen in Elias’ Ohren verzerrte die Welt um ihn herum. Die Neonlichter flimmerten, ihre grellen Farben zerfetzten die Dunkelheit wie zerbrochenes Glas. Mit zitternden Fingern löste er die verkrampfte Faust von der Tischkante, sein Herz schlug chaotisch gegen die Rippen, als wollte es aus der Brust springen. Die Luft schien schwer und klebrig, erfüllt vom dumpfen Summen der Stromleitungen über ihm.

Vor ihm auf dem Tisch lag ein verwaschenes Foto – die Gesichter darauf verblasst, doch eines stach heraus: jenes von Mia, seiner Schwester. Ihr Lächeln war wie ein gespenstischer Schatten inmitten der Neonwelt, süß und doch bedrückend.

Eine eiserne Hand hatte ihn Sekunden zuvor aus der Spirale gezogen, ihn in diese kalte Realität zurückgestoßen. Das Versprechen bar jeder Hoffnung, die Schwelle war nur die erste von vielen.

Die Tür zum verfallenen Büro öffnete sich mit einem quietschenden Knarren. Elias hob den Blick. Eine Gestalt trat ein, ihr Schatten war lang und breit auf dem schmutzigen Betonboden. Es war Livia – die Frau, die ihm mehr über Mia erzählen konnte, als er sich je zu erhoffen wagte.

„Elias,“ begann Livia mit rauer Stimme, die zugleich zögernd und schwer vor Bedeutung war, „wir müssen über Mia sprechen.“

Elias rieb sich die Schläfen, als wollte er den Schleier aus Erinnerungen wegreißen, der sein Bewusstsein erstickte. „Ich dachte, ich kenne ihre Geschichte. Aber es fühlt sich an, als würde ich sie zum ersten Mal sehen.“

Livia trat näher, ihre Augen suchten in den seinen nach einem Funken Vertrautheit. „Das Leben ist selten so einfach, wie wir es uns wünschen. Mia war nicht nur das Mädchen, das du verloren hast. Etwas Unerwartetes, Dunkles hat sie berührt. Sie hat Dinge getan, die wir kaum begreifen.“

Die neonbeleuchtete Stadt flackerte durch das schmutzige Fenster, ihre Schatten spielten auf Livias Gesicht. Ein scharfer Geruch von verbranntem Plastik mischte sich mit dem süßlichen Aroma von altem Kaffee – eine Duftmischung, die Elias in eine merkwürdige Melancholie tauchte.

„Was genau meinst du?“ fragte Elias mit belegter Stimme, während sein Herz immer schneller gegen die Schulter knallte.

Livia zog eine dünne Akte aus ihrer Manteltasche, das Papier knisterte leise. Sie legte es vorsichtig vor Elias auf den Tisch. „Hier. Das sind Augenzeugenberichte, Zeitstempel aus den Monitoring-Systemen und interne Protokolle von Draylen Corp. Mia war nicht nur Opfer der Zeitschleife, sondern... sie hatte Verstrickungen, die weit über das hinausgingen, was du dir vorstellen kannst.“

Elias’ Augen flogen über die Worte, Zahlen, Notizen. Sein Atem wurde kurz, als sich langsam ein Bild formte – ein Bild, das alles, was er über seine Schwester geglaubt hatte, aus den Angeln hob.

„Sie hat Kontakt gehabt... mit Viktor Draylen,“ murmelte er, als gelte es, einen Fluch auszusprechen. „Aber das kann nicht sein. Victor wollte sie schützen. Ich habe ihn so verstanden.“

Livia schüttelte den Kopf, ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern: „Er hat sie benutzt, Elias. Und Mia war keine hilflose Schachfigur. Sie hat ihm geholfen, seine Ziele zu verschleiern. Noch genau weiß niemand, ob freiwillig – oder gezwungen.“

Elias griff nach dem Foto und zog es sich an die Brust. Die Erinnerung packte ihn wie ein eisiger Griff: Mias Lachen im Park, ihr schuldbewusstes Schweigen in der letzten Nacht, bevor die Schleife begann.

„Warum hat sie mir nie etwas erzählt? Warum hat sie geschwiegen, als das alles schon begann?“ Seine Stimme zitterte, als hätte er selbst die Antwort verloren.

„Weil sie gefangen war, auf eine Art, die kein gewöhnliches Gefängnis sein kann.“ Livia trat zurück in den Schatten der Tür, als wollte sie sich vor dem Gewicht der Wahrheit verstecken. „Die Zeitschleife ist nicht nur eine Falle für Erinnerungen, sie verändert Menschen. Man verliert sich – oder wird zum Werkzeug.“

Ein knirschendes Geräusch ließ beide zusammenfahren. Die Tür zum Büro schloss sich mit einem dumpfen Knall. Elias’ Herz stoppte für einen Moment.

„Wir sind nicht allein,“ flüsterte Livia, die Augen scharf und suchend durch den Raum schweifend.

Ein kalter Luftzug kroch durch die Ritzen, und das Summen der Stadt verwandelte sich in ein drohendes Flüstern. Die Zeit selbst schien den Atem anzuhalten.

„Wenn Mia mehr ist als nur Opfer...“ begann Elias, die Worte schmeckten bitter wie verbrannter Stahl, „wenn sie eine Rolle spielt, die ich nicht sehen kann... wie kann ich sie dann retten?“

Livia blickte ihn ernst an. „Indem du verstehst, warum sie gefallen ist. Und welche Macht sie wirklich besitzt.“

Ein Teller klirrte im Nebenraum. Ein Schatten huschte durch den Flur, schneller als das Licht es verfolgen konnte.

„Wer bist du wirklich, Mia?“ Elias starrte wieder auf das Foto, und plötzlich war nicht mehr nur Trauer darin, sondern auch eine leise, züngelnde Furcht.

Die Zeitschleife hatte lange schon ihre Würgehand um alles geballt, was er liebte. Doch jetzt erkannte er, dass sie mehr verbarg – ein Geheimnis, das die Zeit selbst zerreißen konnte.

Ein leises Piepen ertönte von seinem Kommunikator. Eine Nachricht – keine Absenderkennung. Nur ein kryptisches Wort:

„Vertraue niemandem.“

Elias’ Finger verkrampften sich um das Gerät. Sein Blick schnitt scharf durch den Raum, als der Schatten an der Tür plötzlich stehenblieb.

Die Zeit zitterte. Das Echo wurde zum Sturm.

*

[Ende Kapitel 10 – Fortsetzung folgt...]