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Chapter 8

Zwischen Vertrauen und Misstrauen

Kapitel 8: Zwischen Vertrauen und Misstrauen

Das matte Licht der späten Nachmittagssonne sickerte durch die hohen Fenster der Bibliothek, warf lange Schatten auf den polierten Marmorboden und ließ den Staub in der Luft wie winzige, tanzende Geister erscheinen. Helena saß reglos in dem roten Ohrensessel nahe dem knisternden Kamin, die Hände fest um eine Tasse schwarzen Kaffees geschlossen, die längst kalt geworden war. Ihr Herz raste noch immer, das Gefühl der Hoffnung und Verzweiflung wog schwer in ihrer Brust.

Der Schwur, den sie sich selbst gegeben hatte—alles zu riskieren, um die Wahrheit unter den Steinen der Lügen freizulegen—flackerte wie ein unsicheres Feuer in ihrem Innern. Jeder Atemzug schnürte ihr die Kehle zu, als würde die Luft selbst sie ersticken wollen.

Ein leises Geräusch ließ sie hochfahren. Schritte. Langsame, wohlüberlegte Schritte, die sich der Bibliothek näherten.

„Helena?“ Die Stimme war gedämpft, fast zu weich für die harte Formulierung des Namens. Jens. Ihr engster Vertrauter, der Schatten in ihrer Nähe, das einzige Licht in dem undurchdringlichen Dunkel.

Sie zwang sich zu einem Lächeln, das mehr Maske als Wärme war. „Jens. Du bist hier. Besser als ich erwartet hatte.“

Er blieb stehen, sein Blick gefaltete eine Mischung aus Sorge und etwas, das sie nicht ganz greifen konnte. „Du wirkst erschöpft. Zu viel nachgedacht?“

Helena sah ihm direkt in die Augen. „Zu viel alles. Zu viel Verrat. Zu viel Ungewissheit.“ Ihre Stimme klang rau. „Und du?“

Jens zögerte, seine Hände vergruben sich in den Taschen seines dunklen Mantels, als ringe er mit sich selbst. „Ich...Ich habe Informationen, die dich interessieren könnten. Aber sie sind brisant, Helena. Gefährlich.“

Ein stechender Zweifel zog an ihren Nerven. Sie hatte gelernt, misstrauisch zu sein—gegenüber jedem, sogar gegenüber Jens. Und doch wagte sie es nicht, ihn sofort abzulehnen.

„Erzähl“, forderte sie mit kalter Klarheit.

Seine Augen wichen kurz aus, dann senkte er die Stimme, sodass nur sie es hören konnte. „Friedrich trifft sich regelmäßig mit Personen, die nicht nur seine Verbündeten sind. Es geht um Geheimabsprachen, Deals, die alles verändern können—Familienzwist, politische Macht. Ich habe versucht, die Termine zu verfolgen.“

Helena schluckte schwer. „Wo? Wann?“

„Heute Nacht. Ein Lagerhaus am Ufer. Unscheinbar, aber bewacht. Ich wollte dich warnen, aber es gab keine Zeit. Ich glaube, Friedrich plant etwas Großes, etwas, das dich direkt betrifft.“

Die Spannung legte sich wie ein dichter Nebel um sie beide. Helena wusste, dass jeder Schritt, jede Entscheidung die Klinge zur Hand bringen konnte, gegen sie selbst.

„Ich komme mit“, sagte sie leise, fast mehr zu sich als zu ihm.

Jens nickte knapp. „Gut. Wir müssen vorbereitet sein.“

Die Sonne war längst untergegangen, als sie sich in die Schatten der Stadt schlichen, ihre Kleidung schlug lautlos auf dem Asphalt der Hinterhöfe. Die Luft war kalt, durchsetzt von der Salzigkeit des nahen Meeres und dem entfernten Brummen der Industrieanlagen, die wie Herzschläge einer kranken Metropole pulsierten.

Vor dem Lagerhaus blieben sie in Deckung. Helena zog ihr Mobiltelefon hervor, das Jens ihr hastig gereicht hatte, und zoomte die Kamera auf das massive Tor. Dort tauchten nach und nach Gestalten auf—ein finsterer Kreis unter der glitzernden Stadt, Gefährten und Feinde vermischt in einem undurchsichtigen Spiel.

Ihre Finger zitterten leicht. Helena spürte das Gewicht ihrer eigenen Verletzlichkeit, das Gewicht des Erbes, das auf ihren Schultern lastete. Friedrich stand im Zentrum der Gruppe, seine Haltung war unnachgiebig und sein Lachen kalt wie Stahl. Jeder seiner Worte war eine Klinge, jede Bewegung ein kalkulierter Schlag.

„Was planen sie?“ flüsterte sie, ohne den Blick abzuwenden.

Jens legte ihr die Hand auf den Arm. „Das finden wir heraus. Aber wir müssen vorsichtig sein. Einer von uns könnte der Verräter sein.“

Ein Schauder kroch über ihren Rücken. Zwischen Vertrauen und Misstrauen klaffte eine Kluft, ein Abgrund, der sie verschlingen konnte.

Und dann, im schwachen Schein der Straßenlaternen, ertönte ein Knall. Das Tor öffnete sich langsam, und Friedrich trat direkt ins Licht—ein Zeichen, dass das Spiel begonnen hatte.

Helena holte tief Luft, bereit, das dunkle Schattenspiel der Kronen zu durchbrechen.

Doch in diesem Augenblick spürte sie, wie sich direkt hinter ihr eine Bewegung regte.

Sekunden später sprang eine Gestalt aus den Schatten—

...und ein eisiger Blick traf sie aus der Dunkelheit.

Ende Kapitel 8