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Chapter 12

Der Schattenagent

Kapitel 12 – Der Schattenagent

Der letzte Atemzug hallte noch immer in Helenas Brust, als sie sich an die kühle Mauer der versteckten Seitengasse lehnte. Der Griff um ihr Herz ließ nicht locker, ein unaufhörliches Pochen, das sie daran erinnerte, wie knapp ihr Entkommen gewesen war. Ihre Finger waren zittrig, fast taub, als würde jeder Nervenstrang brennen und gleichzeitig erstarren.

Sie hatte es geschafft. Für einen Moment.

Doch das kalte Dröhnen in ihrem Kopf war schlimmer als jeder physische Schmerz.

Jene flüchtige Sekunden, in denen die Schatten ihre Verfolger fast fingen – es hätte das Ende bedeuten können. Die scharfen Stimmen, die Schritte, ein dunkles Gesicht nur wenige Meter entfernt – alles war zu nah, zu real gewesen.

Helena schloss die Augen, ließ die kühle Luft in ihre Lungen dringen, versuchte, die Kraft zu sammeln, die sie sonst immer aus ihrer eisernen Entschlossenheit zog. Doch heute fühlte sich selbst das unendlich weit weg an.

„Du bist schneller, als ich dachte“, flüsterte eine Stimme, dunkler als der Schatten, der sich gerade aus der Dunkelheit löste.

Helena wirbelte herum, die Hände sofort zu Fäusten geballt. Die Silhouette eines Mannes trat aus dem dämmrigen Lichtschein. Seine Gestalt war schlank, doch die Aura, die von ihm ausging, war gefährlich präzise und kontrolliert.

Kein gewöhnlicher Straßenräuber. Kein bloßer Informant.

In seinen Augen blitzte ein kaltes Feuer, das weder Freundlichkeit noch Zorn spiegelte. Es war das Funkeln eines Menschen, der zu viel gesehen und noch weniger zu verlieren hatte.

„Wer sind Sie?“, zischte Helena, die Stimme hart und scharf wie eine Klinge.

Der Mann lächelte schmal. „Jemand, der genau wie du unter den Masken spielt“, sagte er und trat näher, die Hände locker in den Taschen.

Sein Blick suchte Helenas Gesicht, als wollte er ihre Seele lesen. Ein Moment so intensiv, dass Helena instinktiv das Kinn hob, sich nicht einschüchtern ließ.

„Mein Name ist Elias Moreau“, fuhr er fort. „Ich weiß, was Friedrich von Albrecht wirklich vorhat. Und ich will, dass du es auch erfährst.“

Wort für Wort wie ein verkohltes Versprechen. Helena kannte solche Angebote nur zu gut – sie kosteten meistens Blut und Vertrauen, das man nie wieder zurückbekam.

„Warum sollte ich einem Fremden trauen, der in der Schattenwelt spielt? Jemandem, der wie du –“ Sie zögerte, suchte das passende Wort, das nicht Blödsinn oder Lüge sagte, sondern etwas tiefer, dunkler. „– ein Doppelagent ist?“

Elias’ Augen verengten sich. „Doppelagent? Vielleicht. Aber im Moment ist mein Ziel dasselbe wie dein… Friedrich zu Fall zu bringen.“

„Du meinst also, wir sollen Hand in Hand in den Abgrund springen?“, Helena spürte, wie ihr Herz wieder schneller schlug, diesmal vor Zorn.

Elias’ Lächeln verschwand. „Nicht in den Abgrund. Auf die oberste Stufe der Macht. Aber nur, wenn du vorsichtig bist. Friedrich hat Spione überall. Leute, die selbst die Dunkelheit verkaufen.“

Er zog eine mattschwarze Karte aus seiner Jacke und schob sie ihr zu. „Dies ist eine Einladung. Ein erstes Treffen. Du entscheidest, ob du mitspielst oder dich weiter verrennen willst.“

Helena ließ die Karte zwischen Daumen und Zeigefinger schweben. Das Papier fühlte sich schwer an, nicht durch seine Substanz, sondern durch die Unsicherheit, die es enthielt.

Ihre Gedanken wirbelten – wäre es Verrat, wenn sie dieses Spiel annahm? Oder der einzige Weg zur Wahrheit?

Elias machte einen Schritt zurück, verschwand wieder fast lautlos im Schatten der Gasse. Doch bevor er ganz verschwand, warf er einen letzten Satz über die Schulter – wie eine Herausforderung, ein Versprechen und eine Warnung zugleich.

„Vertraue niemandem außer dir selbst, Helena. Aber verliere den Mut nicht.“

Die Dunkelheit schloss sich hinter ihm, und Helena stand allein da – starrte auf die Karte in ihrer Hand und die Gefahr, die sich darin flüsternd verbarg.

Ihr Blick hob sich zum Horizont, wo die Lichter der gläsernen Türme der Metropole kalt in der Nacht funkelten – ein Königreich aus Glas, Stahl und Lügen.

Kann sie diesem Schattenagenten trauen – oder ist er nur ein weiterer König in Friedrichs Schachspiel?

Ein kalter Schauer kroch über ihren Rücken.

Die Antwort musste sie finden. Und zwar schnell.

Und so begann das gefährlichste Spiel ihres Lebens.

Ende Kapitel 12