Chapter 10
Kapitel 10 Das erste Opfer
Die Dunkelheit hinter der Tür schwoll an, als ein weiterer Schritt das knarrende Parkett erzittern ließ. Helena durchfuhr ein eisiger Schauer, der ihr die Wirbelsäule hinaufkriechte – als wäre die Nacht selbst nach innen gedrungen, um sie zu umklammern. Ihr Herz schlug unregelmäßig, atmete flach, fast stockend. Kein Entkommen, nicht jetzt.
Eine Silhouette tauchte auf, wirr im spärlichen Schein der Flure, der von den Kronleuchtern des Herrenhauses nur müde gebrochen wurde. Helena erkannte den Schatten sofort – nicht Friedrich, aber fast ebenso gefährlich. Gregor Meinhardt. Ihr Verbündeter, ihr engster Vertrauter im Undercurrent der Machtspiele, stand dort, hob eine Hand, die leicht zitterte. Schweiß glänzte wie Tautropfen an seiner Schläfe.
„Helena…“ Seine Stimme war rau, kaum mehr als ein Flüstern, doch sie schnitt durch die Stille wie ein Messer.
„Was… Gregor?“ Sie trat einen Schritt vor, spürte die Tränen, die sich in ihre Augen drängten. „Was ist passiert?“
Seine Antwort kam nicht. Stattdessen kippte sein Körper vorwärts, ein dünner Strom schwarzer Flüssigkeit sickerte aus seiner Brust, das Blut dunkler, als es sein dürfte, wischte das edle Material seines Anzugs tränkend. Seine Lider flatterten wie Schmetterlingsflügel, bevor sie sich langsam schlossen.
Helena stolperte vorwärts, schloss ihn in die Arme. Das kalte Nass drang durch ihre Finger, und der bittere Geruch von Eisen bohrte sich in ihre Nase.
„Nein, Gregor… bleib bei mir! Du darfst nicht sterben!“ Ihre Stimme brach, raunte verzweifelt.
Draußen grollte ein fernes Donnergrollen, als ob der Himmel selbst sich an diesem Moment entzündete. Helena hob den Kopf, sah die Tür, hinter der der Schatten stand – Friedrichs Reichweite, ein Netz aus Intrigen gespannt bis zum Zerreißen.
Jemand hatte Gregor niedergeschossen. Ein Anschlag. Und die Handschrift war unverkennbar.
Sie lehnte sich über ihn, tastete nach seinem Puls, doch er war kaum spürbar, flach wie ein sterbender Herzschlag.
„Sag mir… sag mir, wer es war!“, presste Helena hervor, ihre Finger gruben sich in sein Jackett.
Ein letzter, schwacher Atem entwich Gregor, ein Hauch, fast wie ein Flüstern:
„… D- Doppelagent… im Innern.“
Die Botschaft war klar – aber auch erschütternd. Einer unter ihnen, jemand, dem Helena vertraut hatte, erwies sich als Verräter.
Im gleichen Moment polterte es an der Haustür, dumpfe Schritte näherten sich schnell. Helena schob Gregors Körper behutsam vom Boden, holte ihr Handy aus der Tasche. Ihre Hände zitterten, als sie die Nummer von Marek wählte, ihrem treuesten Wachmann und Vertrauten.
„Marek, Gregor ist angeschossen worden. Es war ein Anschlag, von innen. Wir haben einen Doppelagenten!“ Ihre Stimme bebte, und noch bevor sie das Ende des Satzes sagen konnte, knallte die Haustür auf.
Ein Schatten füllte den Türrahmen.
„Helena… was zum Teufel…?“
Es war nicht Marek, sondern eine andere Gestalt.
Ein kaltes Lächeln blitzte auf, so schnell wie ein Messerstich.
„Du suchst nach dem Doppelagenten? Vielleicht bist du näher dran am Verräter, als du denkst.“
Helena erstarrte. Der Raum drehte sich, tosende Stille in ihrem Geist.
Wer hatte den Anschlag geplant? Wer war bereit, ihr Vertrauen zu brechen?
Das Spiel war längst nicht vorbei – es war gerade erst richtig brutal geworden.
Ende Kapitel 10