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Chapter 3

Der vertraute Fremde

Kapitel 3 Der vertraute Fremde

Das Büro lag still, doch in Emilias Brust hämmerte ein pulsierender Alarm. Ihre Finger zitterten leicht, während sie den leeren Ordner vor sich betrachtete, dessen Inhalt spurlos verschwunden war. Der süßliche Duft von teurem Leder vermischte sich mit der kühlen Luft der Klimaanlage, die kalt über ihre Haut strich wie ein Vorbote des nahenden Sturms.

Sie hörte die leisen Schritte auf dem polierten Parkett – das unverkennbare, ruhige Auftreten von Jonas Meier, ihrem engsten Berater und Vertrauten seit Jahren.

„Emilia,“ begann er, während er das Zimmer betrat, „wir müssen sprechen.“

Seine Stimme war leise, aber kein bisschen weniger bestimmt. Emilia hob den Kopf, ihre grauen Augen bohrten sich in sein Gesicht. Doch etwas darin – ein kaum merkliches Zucken an seiner rechten Augenbraue, ein flüchtiges Erröten – ließ sie zusammenzucken.

„Was genau hast du herausgefunden?“ fragte sie unverblümt. „Und warum habe ich das Gefühl, dass du mir nicht die ganze Wahrheit sagst?“

Jonas wich einen Schritt zurück, die Hände in den Taschen vergraben. Ein Schatten glitt kurz über seine sonst so gefasste Miene.

„Emilia…“ Seine Stimme brach fast, dann setzte er nach. „Ich arbeite im Interesse des Konzerns. Das ist alles, was zählt.“

„Aber für wen arbeitest du wirklich, Jonas?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, doch es schnitt scharf zwischen ihnen.

Sein Blick schweifte kurz zu dem großen Fenster, hinter dem die glitzernde Stadt wie eine Totenstadt aus Lichtern lag. Dann trat er näher, so nah, dass sie seinen Atem spüren konnte, warm und gleichzeitig seltsam fremd.

„Du weißt, dass ich dir loyal bin,“ sagte er, und doch klang es wie ein Mantra, mehr Überzeugungsversuch als Wahrheit.

„Loyalität ist kein Status, Jonas“, erwiderte Emilia, „sondern eine Wahl. Und gerade fühle ich mich verraten.“ Sie funkelte ihn an, sichtlich kämpfend, nicht sofort den Alarmglocken zu erliegen, die Kribbeln in ihrem Nacken.

Jonas öffnete den Mund, schloss ihn wieder – als würde er gegen einen inneren Sturm ankämpfen.

Plötzlich vibrierte Emilias Handy. Eine Nachricht von einer unbekannten Nummer, nur ein Wort:

»Vorsicht.«

Sie starrte auf den Bildschirm, jede Zelle angespannt.

„Wer ist das?“ forderte sie, ihre Stimme kaum kontrollierbar vor Anspannung.

Jonas trat einen Schritt zur Seite, der Blick hart wie gehärteter Stahl. „Ich weiß es nicht, Emilia. Aber du musst vorsichtig sein. Nicht jeder in deiner Nähe ist, wer er zu sein vorgibt.“

Ein kalter Schauer kroch ihren Rücken hinauf, als sie sein Gesicht suchte. Die vertraute Person in ihrem engsten Kreis – und doch wurde plötzlich alles unsicher, alles fragwürdig.

„Ich erwarte von dir…“ Ihre Stimme brach nicht, aber die Dunkelheit in ihr schien zu wachsen, „dass du mir ehrlich gegenübertrittst.“

Er nickte kaum merklich, als wäre jedes Wort, das er sprach, eine zu schwere Last.

Dann, ohne Vorwarnung, klopfte es am Türrahmen.

Emilia fuhr zusammen und drehte sich um.

Doch es war niemand da.

Nur die Stille, die sich wie ein weiteres, unsichtbares Gewicht um ihr Herz legte.

Jonas sah sie an, seine Augen dunkel und unergründlich.

Was niemand wusste – vor allem Emilia nicht – war die einzige Loyalität, die für ihn zählte.

Wem gehörte sein wahres Versprechen?

Das Rätsel war längst nicht gelöst – und es kroch immer dichter auf sie zu.