Chapter 16
Kapitel 16 Splitter im Familienbild
Der kalte glänzende Boden des Winter-Konzerns schien alles zu verschlucken – jedes Geräusch, jeden Funken Hoffnung, jede noch so geringe Spur von Vertrautheit. Emilia stand reglos im Foyer, das zu schnell dunkler wurde, als die letzten Sonnenstrahlen hinter der Stadt versanken. Die Worte des Schattenmanns hallten in ihrem Geist wider, scharf wie Glas, das unter Druck zerbrach.
„Das Spiel hat gerade erst begonnen, Emilia.“
Ein schwacher Schimmer vom blassesten Neonlicht über ihrem Kopf flackerte, als ließe es die Membran zwischen Realität und Alptraum zerreißen.
Ihre Finger krallten sich in die kühle Marmorbrüstung des Treppenaufgangs, während ihr Herz in einer unregelmäßigen Melodie schlug – wild und heiß, wie das Pochen einer Trommel in der Brust. Keine Tränen. Nicht jetzt. Sie musste klar bleiben.
Der Hinterhalt war zu präzise gewesen, um Zufall zu sein.
Sie spürte den bitteren Geschmack von Verrat auf der Zunge, schwerer als jeder Wein auf dem Abendbankett vor vier Tagen. Jemand aus ihren innersten Kreisen hatte – wenn nicht aktiv, dann zumindest passiv – mitgespielt.
Ein kalter Wind griff durch die geöffneten Türen des Foyers und trug den undeutlichen Klang einer entfernten Sirene hinein.
„Emilia.“
Die Stimme hallte hinter ihr. Fest, eindringlich. Sie drehte sich. Lucas trat aus den Schatten, das Gesicht tückisch ernst, die Augen wie zwei geschliffene Stahlklingen.
„Wir müssen reden.“ Die Worte kamen knapp, aber jedes einzelne trug das Gewicht eines Militärbefehls.
Emilia machte einen Schritt zurück. „Nach allem… wie kannst du mir noch gegenübertreten, Lucas? Nach dem, was passiert ist? Nichts hier ist mehr sicher.“
Lucas ließ die Schultern sinken, dann ein tiefes, erschöpftes Seufzen. „Ich weiß. Ich weiß nicht, wem ich noch vertrauen soll.“
Der Anflug von Verzweiflung schürte in Emilia die lähmende Erkenntnis: Was, wenn niemand in ihrem inneren Kreis mehr auf ihrer Seite stand?
„Wer ist es?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, eisig und brüchig zugleich.
Lucas wich ihrem Blick aus, die Zähne knirschten. „Du glaubst, ich hätte die Wahrheit. Aber ich finde die Puzzleteile auch nur nach und nach. Manchmal... fühlt es sich an, als sprächen sie in einer Sprache, die keiner von uns versteht.“
Die dünne Linie zwischen Verbündeten und Feinden verschwamm zunehmend.
„Jemand hat Insider-Informationen weitergegeben. Jemand, der Zugang hat – möglicherweise noch näher, als wir dachten.“ Emilia blickte in Lucas’ kalte Augen, suchte dort das Funken eines Rettungsankers.
Ein Knacken vom Empfangstresen ließ beide zusammenzucken.
Dort lehnte eine schlanke Gestalt, ins Halbdunkel getaucht, mit einem Glas Whisky in der Hand: Hannah, Emilias jüngere Schwester.
Ein spöttisches Lächeln umspielte ihre Lippen, als sie die beiden beobachtete. „Ihr sucht also nach dem Maulwurf?“
Emilias Herz blieb einen Moment stehen. Die Luft schien dünner zu werden, der Raum größer und kleiner zugleich.
„Hannah,“ begann Emilia vorsichtig, „was meinst du – Maulwurf?“
Hannah glitt die Treppe hinab, die Bewegungen geschmeidig, fast zu selbstsicher. „Na ja, jemand aus der Familie muss es ja sein, oder? Wer sonst hätte all die heiklen Daten weiterleiten können?“
Lucas ballte die Hände zu Fäusten. „Du spielst ein gefährliches Spiel.“
„Ich spiele kein Spiel, Lucas. Ich sage nur laut, was jeder denkt.“ Ihre Augen blitzten kalt.
Emilias Magen zog sich zusammen. Die Risse im Familienbild wurden größer, klaffender.
„Warum?“ Emilia fand mit Mühe die Worte. „Warum würdest du uns verraten?“
Hannah zuckte die Achseln, als wäre es ein lästiger Fleck auf ihrer weiße Seidenbluse. „Weil… bei uns im Konzern viel mehr auf dem Spiel steht, als nur das Erbe. Es geht um Macht, um Kontrolle. Und um Vergeltung.“
„Vergeltung?“ Emilia spürte ein Stechen in der Brust. „Was weißt du davon?“
„Mehr, als dir lieb ist.“ Hannah’s Blick wurde scharf, wie ein Skalpell. „Dein Vater hat Fehler gemacht. Fehler, die uns alle jetzt zerstören können.“
Die Tür schlug auf – ein heftiger Windstoß – und eine dritte Stimme mischte sich unter das bösartige Schweigen: „Dann sollten wir es vielleicht endlich aussprechen.“
Viktor Winter, Emilias Onkel, trat ins Licht. Seine Gesichtszüge waren streng, die Augen hinter der schmalen Brille funkelten, als hielte er ein Geheimnis in der Faust, bereit zum Wurf.
„Alles, was ihr bisher erfahren habt, ist nur die Spitze des Eisbergs.“ Viktor trat näher, das Gewicht seiner Präsenz lastete auf ihnen wie eine dunkle Wolke.
„Wie kannst du es wagen, hier zu erscheinen?“ Emila biss die Worte fast knirschend hervor. „Wir sind an einem Punkt, an dem jeder Schritt uns noch tiefer in den Abgrund zieht. Und du öffnest nur neue Schluchten!“
Viktor lächelte ohne Wärme. „Ich bin hier, um euch zu warnen – oder euch endlich die Wahrheit aufzutischen. Es reicht nicht, nur dazusitzen und zu hoffen, dass alles von allein verschwindet.“
Die Spannung im Raum schnürte das Atmen ab. Die Uhr tickte lauter als sonst, als sie warteten, dass jemand – oder etwas – die Stille zerbarst.
„Dann sag es schon,“ presste Emilia hervor. „Sag, wer uns verraten hat.“
Viktor zögerte. Ein kalter Schweiß brach ihr aus. Das Gewicht der Lügen und Intrigen lag schwer auf ihren Schultern, bald würde der Schatten ins Licht treten.
„Ich habe einen Namen gehört,“ begann Viktor langsam, „einen Namen, den wir niemals hätten hören dürfen.“
Die Tür raste auf und ein Bediensteter trat hastig ein, das Gesicht aschfahl. „Frau Winter, Sie… Sie müssen das sehen.“
Mit klammer Hand reichte er ihrem Vater auf dem Bildschirm des Überwachungsmonitors. Emilia starrte hinauf, der kalte Glanz des Videos schnitt ihr ins Herz.
Eine vertraute Stimme, ein heimlicher Blick, ein Händedruck – eindeutig eine heimliche Übergabe.
Ein Name flackerte auf: „Lena.“
Die letzte Bastion ihres Vertrauens begann unter ihren Fingern zu zerfallen.
Emilia reckte den Kopf, suchte noch einmal die Gesichter ihrer „Familie“ ab, die sich im schwachen Licht des Bildschirms spiegelten.
Wer hatte sie heimlich verraten?
Die Antworten, dunkel und tödlich, warteten bereits – um sie zu zerreißen.
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Fortsetzung folgt...