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Chapter 1

Ein Erbe unter Schatten

Kapitel 1 – Ein Erbe unter Schatten

Der Prunk der Winter-Zentrale stach grell gegen die dunklen Wolken am Himmel. Ein kalter Wind trug den Geruch von Regen und verfeuertem Diesel durch die engen Gassen der Großstadt — ein olfaktorischer Schleier, der das Herz eines jeden, der hier lebte oder arbeitete, beschwören konnte: Macht und Vergänglichkeit.

Emilia Winter stand auf der fünfunddreißigsten Etage, das üppig ausgestattete Büro ihres verstorbenen Vaters zu ihren Füßen. Die bodentiefen Fenster waren ein glatter Spiegel, der ihr blasses Gesicht inmitten der grellen Neonlichter reflektierte. Ihre Hände lagen schwer auf dem massiven Schreibtisch aus dunklem Mahagoniholz, als wollten sie die Last, die auf ihren Schultern lastete, tastend begreifen.

Der Raum war still, bis auf das leise Knistern des Faxgeräts in der Ecke und das entfernte, monotone Brummen der Klimaanlage. Die Leere, die ihr Vater hinterlassen hatte, fühlte sich wie ein klaffender Riss an — nicht nur in der Familie, sondern im gesamten Winter-Konzern.

„Die Leitung gehört jetzt dir“, hatte der Vorstandsvorsitzende soeben mit einem Mundwinkel gezuckt und zugleich einen Ausdruck von ungetarnter Berechnung.

Emilia hatte nur knapp mit einem Nicken geantwortet, die Worte waren ihr im Hals stecken geblieben. Sie war die Erbin, ja. Doch sie fühlte sich wie auf einem Minenfeld, während die Scherben um sie herum funkelten und drohten, jeden Schritt zu zerschmettern.

Der Anruf vom Gerichtsmediziner am Morgen war wie ein jäher Stich im Rücken gewesen. „Es war kein Unfall, Emilia. Dein Vater wurde ermordet.“

Ihr Herz hatte kurz ausgesetzt.

Sie griff zum Telefon, den Hörer eine Sekunde lang fest umklammernd, als könnte das Kabel zu den Antworten führen, die ihr Kopf verzweifelt zusammenzusetzen versuchte. Doch eine Stimme in ihr warnte vor allzu hastigen Schlüssen.

Das leise Klopfen an der Tür brachte sie aus dem Bann ihrer eigenen Gedanken.

„Herein“, sagte sie mit einem Röcheln in der Stimme.

Maximilian Stahl trat ein. Seine schwarzen, glatten Haare waren zurückgekämmt, das Gesicht kantig und gleichzeitig glatt wie eine Maske aus Marmor. Seine Augen glitzerten kalt hinter dem schmalen Rahmen seiner Brille, ein Raubtier in einem Maßanzug.

„Emilia“, begann er, langsam und mit Nachdruck, „das Konzert deiner Familie hat viele Gegner — nicht nur im Markt. Du solltest vorsichtig sein, wem du vertraust.“

Sie hob eine Augenbraue.

„Was willst du?“

Ein dünnes Lächeln, scharf wie eine Klinge.

„Nur das Beste für den Winter-Konzern. Und wenn die Schatten lang werden, kann es sein, dass wir Beide den gleichen Feind haben.“

Emilia spürte, wie sich das Gewicht in ihrer Brust verdichtete, bodenlos und zugleich greifbar. Die Worte waren vergiftet, aber dennoch trugen sie eine Wahrheit in sich.

Der Tod ihres Vaters war kein Zufall. Das Gefühl von Verrat hing schwer in der Luft, dichter als der Rauch aus den zahllosen Zigaretten, die Grantham, ihr engster Vertrauter, heimlich in der Tiefgarage rauchte.

Sie ging zum Fenster, die Stadt schlief darunter nicht. Hier kämpften Großkonzerne, Politiker und Verbrecherklüngel jedes Jahr neue Schlachten aus — und oft waren die Opfer nicht nur Zahlen in Bilanzen.

Ein kalter Schauer jagte Emilia den Nacken hinab. Wer auch immer die Pistole an den Kopf ihres Vaters gesetzt hatte, er war nicht ohne Grund gestorben. Jemand hatte das Spiel eröffnet, in dem sie jetzt die Hauptrolle spielen musste.

Und während Maximilian sie beobachtete, wusste sie: Dieses Spiel wird bis zur letzten Runde ausgetragen.

Doch die Frage hing in der Luft, dichter als Qualm, verborgen in flüchtigen Blicken und ungesagten Worten:

Wer hat wirklich das Attentat auf ihren Vater orchestriert?