Chapter 6
Kapitel 6 Ein fremder Verbündeter
Das Echo des Türschlosses verklang nur langsam in der schweren Stille des dunklen Flurs. Lukas stand reglos da, die Hände noch warm von der berstenden Druckwelle, die Seraphines Abgang zurückgelassen hatte. Sein Herz schlug in einem wilden, unregelmäßigen Rhythmus, so als wollte es sich selbst davonrennen. Der bittere Nachgeschmack ihrer Worte brannte wie kalter Stahl in seiner Kehle.
Die Schatten der lange verfallenen Korridordecke zogen sich zusammen, als ob sie seinen Zweifel schlucken wollten. Dünne Staubpartikel schwebten in der schwachen Beleuchtung der flackernden Wandlampen, die nicht mehr sicher zu sein schienen. Ein eisiger Luftzug kratzte an seiner nackten Haut unter der Schulternähte seiner Jacke, ließ die Haare kräuseln. Sein Blick heftete sich auf den rauen Steinboden, wo Schemen von schwarzen Flecken im Dämmerlicht zu tanzen schienen.
Jede Faser in seinem Körper brannte nach Bewegung, nach dem Bedürfnis, zu entkommen. Doch wohin? Seraphine war zu mächtig, die Akademie wie ein Labyrinth mit Stacheldraht und tödlichen Fallen.
Plötzlich durchbrach ein flüchtiger Klang die lähmende Stille – ein gedämpftes Geräusch, kaum lauter als ein gehetzter Atemzug hinter der nächsten Ecke.
Lukas wirbelte herum. Dort stand jemand. Im Schatten, halb verborgen, ganz ruhig. Ein Mann. Mittelgroß, dunkle Augen, die sich sofort in Lukas’ brennendes Herz bohrten. Seine Erscheinung wirkte wie ein Fremdkörper in dieser Welt.
„Du bist Lukas, richtig?“
Die Stimme war weich, doch eingehüllt in einen gepanzerten Hauch von Geheimnis. Der Mann trat einen Schritt vor, ließ die Silhouette voller ungesagener Geschichten sichtbar werden. Seine Augen blitzten kurz auf, als er Lukas musterte — nicht vorwurfsvoll, eher neugierig, kalkuliert.
„Wer bist du?“ Lukas’ Stimme klang rauer, als er wollte. Seine Finger ballten sich zu Fäusten, die unter der Last seiner inneren Unruhe zitterten.
„Mein Name ist Alaric. Ich kenne das System.“
Das Wort hallte tief in Lukas’ Ohren. Das System — seine verborgene Quelle, seine goldene Fessel, sein Fluch.
„Warum sollte ich dir trauen?“ Lukas’ Blick verdunkelte sich, Misstrauen schnürte seine Brust zusammen. „Du erscheinst aus dem Nichts, und ich soll deine Worte glauben? Seraphine kontrolliert hier alles. Du kannst nicht einfach so in den Kreis treten.“
Alaric lächelte schwach, ein Schatten von Wärme hinter der undurchdringlichen Mauer seiner Haltung. Er rückte einen Schritt näher, die Hände ruhig zu seinen Seiten gesenkt, doch die Präsenz, die von ihm ausging, wirkte wie das Vorbeben eines Sturms.
„Seraphine ist mächtig — ja. Aber ihr Einfluss endet nicht an dieser Akademiemauer. Es gibt Kräfte, die sie selbst fürchtet. Ich biete dir keinen einfachen Frieden an, Lukas, sondern eine Wahl. Du kannst allein gegen sie kämpfen und untergehen, oder du kannst lernen, dich zu wehren. Ich habe Wege, die dir niemand zeigen will.“
Ein kalter Kloß stieg Lukas im Hals hoch, das ganze Gewicht von Hoffnung und Angst zugleich. Er wollte es glauben, brauchte es sogar. Doch jede Vernunft murmelte gefährliche Warnungen.
„Welche Wege?“
Alaric hüstelte, zog die Kapuze über seinen Kopf. Die Schatten verschluckten vorübergehend seine Gesichtszüge. „Das verborgene Level. Etwas, das selbst Seraphine noch nicht gefunden hat. Ich weiß, wie man es betreten kann, und… Ich will dich begleiten.“
Lukas presste die Lippen fest zusammen. Sein Körper krampfte sich unwillkürlich an den schlichten Grabstein seiner Vergangenheit, der Scham und Wertlosigkeit eingraviert trug. Wie sehr hatte er sich danach gesehnt, jemandem zu vertrauen? Und doch schrie die Erinnerung an Verrat und Schmerz so laut wie der Sturm.
„Warum ausgerechnet mir?“
Für eine lange Sekunde schien Alaric zu zögern. Dann lehnte er sich näher, so nahe, dass Lukas den würzigen Duft von kaltem Tabak und Erfrischung riechen konnte. „Weil du das Potential hast, das niemand sieht. Du bist mehr als die Schatten, in denen du bisher gelebt hast.“
Ein Kribbeln durchlief Lukas, ein brüchiger Funken, der sich weigern wollte, zu sterben. Doch als er gerade antworten wollte, schallte ein schriller Ruf durch den Gang.
„Alaric!“
Der Fremde sah sich hastig um. Sekunden später wurden die Schatten von einer patrouillierenden Wache durchbrochen, die Laterne schaukelte unruhig. Alaric verbeugte sich in einer flüssigen Bewegung, die so schnell kam, dass Lukas nur den schmalen Streif dunklen Stoffes sah.
„Ich komme wieder. Denk darüber nach.“
Dann war er verschwunden. Keine Spur, kein Vakuum, nur das dumpfe Pochen, das in Lukas’ Ohren dröhnte.
Zurück blieb Lukas allein zwischen Schatten und Fragen. Der Flur wirkte auf einmal enger, die Luft schwerer.
Und während er den Ruf der Wachen im Rücken vernahm, gruben sich Zweifel tief in sein Herz.
---
Am nächsten Tag während des Trainings, in der Halle mit den eisernen Säulen, saß Lukas auf einer Bank, die Hände ineinander verkrampft, das System summte leise in seinem Kopf. Das Bild von Alarics gespenstischer Erscheinung blitzte ständig vor seinen Augen auf — so real, als wäre er nie weg gewesen.
Sein Übungspartner fragte nach einem Angriff, doch Lukas wehrte ab, reagierte stockend. „Konzentration“, murmelte er mehr zu sich selbst als zum Gegenüber. Die Luft war feucht, durchdrungen vom Geruch von Schweiß und Harz.
Ein kaltes Prickeln kroch seinen Rücken hinauf — dieses Gefühl, beobachtet zu werden.
Sein Blick glitt zur Tür. Dort stand sie — Seraphine Voss. Ihre dunklen Augen blitzten, ein unheilvolles Lächeln lag auf ihren Lippen. Ihre Präsenz drehte die Sonne im Raum ins Dunkel. Ihr Auftreten war mehr als nur das einer Schülerin. Es war eine Forderung, ein stiller Krieg.
Sie trat näher, als wollte sie sich an seinem Verstand reiben, jeden Gedanken aus ihm herauspressen.
„Da haben wir ihn. Lukas Heller, das mysteriöse Talent“, sagte sie leise, so dass niemand außer ihm es hören konnte. „Und dein neuer Freund?“
Lukas rutschte unruhig auf der Bank. „Was meinst du?“
Seraphine grinste kalt. „Alaric weiß, dass du ein Spiel spielst. Er weiß mehr, als du ahnst. Sei vorsichtig, wem du vertraust.“
Jedes Wort schnitt tiefer als eine Klinge, ließ die Haut prickeln, als ob unsichtbare Finger über seinen Nacken strichen.
Der Gong kündigte das nächste Trainingsintervall an. Seraphine verschwand so plötzlich, wie sie gekommen war, einen letzten Schatten ins Fallen seines Mutes werfend.
---
In der Dunkelheit des Nachthimmels erwachte Lukas’ Zimmer zu Leben. Das Flimmern des Systems auf seinem Handgelenk tauchte den Raum in ein kühles Blau. Die Zahlen und Symbole tanzten vor seinen Augen, ein verlockendes Versprechen von Macht und Gefahr.
Er atmete tief ein, als wolle er die Zweifel hinausdrücken.
Dann ertönte ein leises Surren. Eine Nachricht blitzte auf dem Display.
Unbekannter Absender: „Vertraue nicht allem, was du siehst. Alles hat einen Preis.“
Keine Unterschrift. Kein weiterer Hinweis.
Lukas’ Finger verharrten über dem Display. Ein Schwall von Fragen brach über ihn herein — doch die wichtigste blieb wie ein scharfer Dolch in der Dunkelheit hängend:
Wer ist Alaric wirklich?
Der Schatten seines neuen Verbündeten war nicht das einzige, was in der Akademie lauerte.
Und tief in ihm wusste Lukas — das Spiel hatte gerade erst begonnen.