Chapter 3
Kapitel 3: Spott und Schatten
Ein bleierner Druck lag auf Lukas’ Brust, als die letzten Worte des Systems in seinem Geist widerhallten. Die kühle Dunkelheit hinter seinen Augen wuchs, ein kaltes Flackern wie von erloschenem Feuer in einem verfallenen Kamin. Atemlos starrte er auf die leere Hallendecke seiner Schlafkammer, doch die Stille darin war giftig, als hielte sie das Flüstern seiner Zweifel gefangen.
„Macht auf Kosten des Selbst.“
Das klang wie ein Dolch, der sich langsam durch das dünne Eis in seinem Inneren bohrte. Sein Herz hämmerte, nicht vor Angst – eher vor einem unwirklichen Adrenalin, das zugleich Donnerschläge und lähmende Schwere in sich trug. Die Worte hallten in seinem Kopf nach, jede Silbe scharf und unverrückbar.
Bin ich wirklich bereit?
Der Raum war dunkel, nur schwaches Mondlicht sickerte durch das kleine Fenster. Die Schatten an den Wänden schienen sich zu bewegen, flüsterten leise Namen, die er nicht verstand, lachten mit zitternden Stimmen in der Ferne. Lukas schluckte schwer, während seine Finger unwillkürlich krallten – in seinen Laken, in der Unsicherheit, sich selbst irgendwo festzuhalten.
Ein kehliges Hüsteln riss ihn aus seinem inneren Strudel.
Er sah auf. Neben ihm auf dem Fußboden lag das kleine Hologramm des Systems, die leuchtende Sphäre pulsierte mit einem bläulichen Licht, das sich langsam verstärkte. Das System reagierte.
„…Lukas,“ die Stimme war warm, aber blind für jede Regung, „Dein Herz zittert. Doch wahre Stärke wächst nur im Sturm. Bereit?“
Ein bitteres Lächeln spielte um seine Lippen. Was wusste das System von seiner Furcht?
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Der nächste Morgen begrüßte die Schattenakademie mit einem kalten Nebel, der wie ein Schleier über den zerklüfteten Steinhausfassaden hing. Die Luft schmeckte nach feuchtem Moos und kalter Asche. Lukas’ Schritte hallten gedämpft auf dem Kopfsteinpflaster, während er durch den Innenhof zur großen Trainingshalle ging. Um ihn herum erwachte die Akademie zum Leben: Stimmen, das Poltern von Stahl auf Holz, der scharfe Duft von Schweiß und Odem. Eine Welt, die ihn gleichzeitig anzog und verstieß.
Er schob die Kapuze tiefer ins Gesicht, versuchte, so unsichtbar wie möglich zu bleiben. Doch die Augen der anderen ruhten gnadenlos auf ihm – wie Raubvögel, die das schwache Tier im Dickicht erspähten.
Noch bevor er die Tür erreichte, verhallte ein spöttisches Kichern direkt hinter seinem Rücken.
„Schau mal, da kommt der Schattenjunge wieder,“ krächzte eine Stimme, schneidend wie zerbrochenes Glas.
Lukas spürte das warme Blut in seinem Nacken, das brannte wie Feuer. Er hatte die Sticheleien schon so oft gehört, sie nagten an seinen letzten Reserven.
„Hat das System dich gestern nicht gefressen, Lukas? Du siehst aus, als hättest du die ganze Nacht verbracht, mit deinen inneren Dämonen zu tanzen.“
Der Sprecher, ein großgewachsener Schüler mit kurzem, stacheligem Haar und einem sardonicen Grinsen – Rojan – trat vor, umringt von seiner stählernen Gang. Seine Augen blitzten vor Verachtung und eigenem Vergnügen.
Lukas atmete schwer, seine Finger ballten sich zu Fäusten. Die warme Wut, die wie glühende Kohlen in seiner Brust loderte, schickte einen elektrischen Schauer durch seinen Körper. Doch er schwieg – ließ die Worte auf sich niederprasseln wie giftige Regentropfen, die sich langsam durch die Schutzschicht gruben.
„Was hast du gelernt, wenn nicht Selbstzerstörung?“ Rojan lehnte sich nahe vor, seine Stimme senkte sich zu einem beißenden Flüstern. „Vielleicht wird das System dich endlich freigeben. Oder noch besser – es leert deinen Verstand.“
Ein nervöses Kichern stieg aus der Gruppe, und ein zufriedenes, sadistisches Lächeln zog Lukas’ Mundwinkel nach unten.
Er drehte sich um, ließ die kalte Luft der Morgendämmerung durch seine Lippen strömen und konzentrierte sich auf das leise Raunen – die einzige Stimme, die er in diesem Moment hören wollte. Sein inneres System.
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Drinnen in der Trainingshalle herrschte eine Atmosphäre wie vor einem bevorstehenden Sturm. Ausgebrannte Fackeln an den Wänden warfen flackernde Schatten auf das Betonpflaster, auf dem sich die Schüler versammelten. Stahl schlug auf Stahl, Gedämpfte Rufe hallten, während junge Kämpfer ihre Fähigkeiten prüften.
Lukas ließ sich an die Wand sinken, den Rücken gegen den kalten Stein gepresst, seine Augen suchten das Systemicon in seiner Handfläche.
„Dieses System,“ murmelte er, „es ist anders als alles, was ich je gespürt habe. Macht… Preis… Schatten.“
Eine plötzliche Wärme schoss durch seine Fingerspitzen. Das System hologramm begann erneut zu pulsieren.
Die Stimme war diesmal nicht freundlich. Kalt, eindringlich, unbestechlich.
„Lukas Heller,“ erklang es, als würde die Luft um ihn herum vibrieren, „du hast den Schatten gewählt. Doch beweisen musst du es.“
Sein Herzschlag beschleunigte sich, während auf dem holographischen Display eine Herausforderung auftauchte: „Bereit für einen Test? Akzeptiere die Prüfung oder verweile im Schatten ewig.“
Die Zeit schien stillzustehen. Um ihn herum vermischten sich die Geräusche der Trainingshalle zu einem diffusen Rauschen, das wie das Kreischen eines Sturms klang.
Lukas biss sich auf die Lippe, zögerte. Die Last der Entscheidung klebte auf seiner Zunge wie giftiger Honig.
DANN, in einem plötzlichen Ruck, erhob er die Hand. „Ich akzeptiere.“
Ein heller Blitz durchzuckte die Luft, und dann – Stille.
Da war noch eine Stimme. Nicht im Raum, sondern tief in seinem Geist.
„Gut. Zeig mir, dass dein Schatten mehr ist als nur Dunkelheit.“
Lukas fühlte, wie sich eine kalte Hand um sein Herz legte – und gleichzeitig eine wärmende Flamme in seinem Inneren aufflackerte.
Der wahre Kampf hatte gerade erst begonnen.
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Ein unerwartetes Klopfen drang an die schwere Holztür der Trainingshalle, und Sekunden später öffnete sich die Tür mit einem knarrenden Quietschen. Außen stand niemand.
Nur ein kleiner, unscheinbarer Zettel war an den Türrahmen geheftet, schwer beschwert unter einem dünnen Stein.
Lukas öffnete ihn langsam. Darauf war in schwungvoller, dunkler Tinte geschrieben:
„Folge dem Schatten, wenn du Antwort suchst. Doch hüte dich vor den Augen von Seraphine.“
Ein eisiger Schauder kroch seinen Rücken hinauf. Die Macht, die ihn anstarrte, pulsierte unaufhörlich wie ein Herz aus purer Finsternis.
Und im Augenwinkel glaubte er, eine Silhouette zu sehen – nur einen Wimpernschlag lang. Seraphines kaltes, spöttisches Lächeln.
Der Schatten seiner nächsten Prüfung begann sich zu formen.