Chapter 17
Kapitel 17 – Flucht aus der Schattenfalle
Dunkelheit kroch wie kaltes Rauchgift durch Lukas’ vernebeltes Bewusstsein. Sein Körper lag schwer auf dem kalten Steinboden, und das letzte, was er spürte, bevor die Welt zerbrach, war ein scharfer, ätzender Schmerz an seiner Seite. Ein Stich, kaum mehr als ein Flüstern der Vernichtung, hatte sich in seine Rippen gebohrt.
Rinnsale von schwarzem Blut vermischten sich mit dem staubigen Boden. Lukas’ Brust hob und senkte sich stoßweise, als sein verzweifelter Körper gegen das Dunkel ankämpfte. Schatten verformten sich, krochen über die Wände der verlassenen Halle, fast lebendig, als wollten sie ihn verschlingen.
Langsam, so langsam, wie das Aufblättern eines vergilbten Buches, kehrten seine Sinne zurück. Ein seltsamer Geschmack von Metall lag in seinem Mund. Ein leises Echo, ein Flüstern, das wie ein ferner Herzschlag durch den Raum schlurfte, zog an seinem Bewusstsein. Er presste die Augen zusammen und zwang seine Glieder zu zucken. Es funktionierte.
„Scheiße… Scheiße“, keuchte er, die Stimme rau und kaum mehr als ein Husten. Mit zittrigen Fingern tastete er seine linke Seite ab. Nichts sah ernsthaft aus – aber diese Art von Wunden konnte trügerisch sein. Das System summte in seinem Geist. Kein Timer für den Tod – noch nicht.
Seine Sicht begann sich zu klären, und er registrierte den Rhythmus der Schatten. Sie bewegten sich nicht zufällig. Ein leises Knirschen kroch durch die Luft, als ob winzige Krallen über den Stein schaben würden.
„Verdammt …“ murmelte er. Hastig schob er sich auf die Knie, dann auf die Füße. Seine Glieder fühlten sich an, als wären sie aus Blei. Das Flicken seiner Kräfte würde nicht reichen, um hier einfach so zu verschwinden.
Er tastete nach dem versteckten Messer in seiner Stiefelinnenseite – kalt, scharf, triefend. Das war der letzte Anker. Wenn er in die Falle geraten war, dann wusste er wenigstens, wer den Dolch geführt hatte. Aber welches Gesicht verbarg sich hinter diesem Angriff?
Von irgendwoher knisterte die Luft, und für einen kurzen Moment glomm ein schwaches Licht in der Dunkelheit auf – ein bläuliches Flimmern, das wie ein Funke Hoffnung schimmerte. Lukas’ Herz schlug schneller. Fokusieren. Konzentrieren.
Aus den Schatten spaltete sich eine Gestalt, schwerfällig und doch im Zucken von Bewegungen unberechenbar schnell. Eine Frau. Ihre Umrisse verschwammen, umhüllt von einem Mantel aus Nacht. Ihr Blick, auch im Dunkel, gleißte kalt und berechnend.
„Du bist nicht so unverwundbar, wie du glaubst, Lukas.“ Die Stimme klang wie zerbrochenes Glas, scharf und unerbittlich. „Seraphine.“
Die Narbe in seinem Magen zog sich zusammen. Er wusste, dass sie es war – die Schattenführerin des Rates, die Königin der Intrigen. Ihr Ziel war klar: ihn zerstören, vernichten, auslöschen, bevor er zu viel wusste.
„Warum …?“ Keuchte er, die Wut wog schwerer als der Schmerz. „Warum willst du mich tot sehen? Ich habe niemandem geschadet.“
Ein schiefes Lächeln schlich auf ihre Lippen, doch ihre Augen glühten gefährlich. „Das System will Balance. Und du bist ein Fehler – eine Störung im Spiel der Macht.“
Bevor Lukas auch nur reagieren konnte, sprang sie vor, eine schwarze Klinge blitzte auf. Der Angriff war präzise, ein todbringender Schattenstich.
Instinktiv drehte sich Lukas zur Seite, das Messer aus seinem Stiefel schoss hervor wie eine Viper. Ein kurzer, harter Zusammenstoß aus Metall und Schatten – das Klingengerassel füllte die enge Halle.
Sein Atem riss scharf ein, seine Arme brannten vor Anstrengung. Sie kannten beide die Regeln dieses tödlichen Spiels.
In diesem Moment riss eine heftige Erschütterung die Halle, als hätte der Boden selbst geschrien. Staub wirbelte auf, und die Flammen eines nahegelegenen Fackelständers warfen zitternde Schatten.
Seraphine zog sich zurück, ihre Augen blitzten wütend. „Du entkommst mir nicht, Lukas!“
Doch da ertönte ein Geräusch, scharf und unmissverständlich: gedämpfte Schritte, nah und bedrohlich, aus einer Richtung, die Lukas nicht erwartet hatte.
„Was zum …?“
Die Sekunden zogen sich, zäh und schwer wie Blei. Lukas nutzte die Ablenkung. Er stieß sich vom Boden ab, rannte, so schnell ihm seine schwachen Beine trugen. Die Halle rauschte an ihm vorbei, Schatten schlugen nach ihm, als wollten sie seine Haut zerreißen.
Er sprang durch eine zerbrochene Tür, erkannte den staubigen Korridor, dessen Mauern mit Graffiti aus vergessenen Zeiten bedeckt waren.
„Bleib nicht dahinter stehen!“ hallte eine Stimme, hart und überraschend vertraut.
Ein Fremder trat aus dem Schatten, ein junger Mann, dessen Blick so wach war wie ein Raubtier in der Nacht. Ohne zu zögern, packte er Lukas am Arm.
„Komm mit mir, schnell!“
Mehr brauchte Lukas nicht. Zusammen sprinteten sie durch das Labyrinth der Akademie, das Herz klopfte wild, Wände schienen aus Schatten und Schreien zu bestehen.
Die Stimme wurde lauter, ursprünglich und doch dürftig verborgen – eine Mixtur aus Magie und Technologie, hornsprengend und unaufhaltsam. Jemand, der diese Falle organisiert hatte, kam hinter ihnen her.
Lukas spürte das kalte Brennen erneut an seiner Seite, jede Bewegung schickte blitzende Schmerzen durch seinen Körper. Doch der Gedanke an Aufgeben war ein Fremdwort.
„Wer bist du?“ hechelte Lukas, während sie um eine Ecke jagten.
„Namen sind Luxus in Tagen wie diesen“, antwortete der Fremde knapp. „Aber ich weiß, wer dich hier versucht hat zu töten. Und es hat nichts mit einem Rivalen zu tun.“
Lukas’ Puls raste. „Was denn dann?“
„Der Schattenrat“, sagte der Fremde mit eiserner Stimme. „Sie jagen dich. Nicht nur wegen deines Systems. Sie fürchten, dass du ihr Netz zerschneidest.“
Ein kalter Schauer kroch Lukas die Wirbelsäule hoch. Der Schattenrat – die unsichtbare Macht im Herzen der Akademie, blind für Gnade, grausam in ihrer Herrschaft.
Sie bogen ab in einen verborgenen Aufzugsschacht, die metallene Tür schloss sich lautlos hinter ihnen. Im Schein ihrer Taschenlampe erkannte Lukas die verschlungenen Symbole, uralt und mit dunkler Magie belegt.
„Wie lange hast du gewusst, dass sie dich verfolgen?“ flüsterte Lukas, noch immer schwer atmend.
Der Fremde zuckte mit den Schultern. „Solange ich mich erinnern kann. Aber jetzt… jetzt bist du der Schlüssel.“
Die Türen schlossen sich mit einem dumpfen Schlag. Stille. Finsternis. Ein klaffender Abgrund zwischen Leben und Tod.
Lukas spürte, wie die Schatten an ihm zogen – nicht nur von außen, sondern aus seinem Innersten. Das System flüsterte warnend – der Preis für seine Macht war höher als je zuvor.
Und oben, in den hohen Räumen des Rates, lächelte Seraphine kalt.
Denn Lukas’ Flucht war nicht mehr nur ein Überleben. Es war der Auftakt für einen Krieg – tief in den Herzen der Schattenakademie.
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Fortsetzung folgt…