Chapter 10
Kapitel 10 Das Opfer gefordert
Das Schwarz in Lukas’ Sichtfeld brannte sich in sein Bewusstsein wie flüssiges Metall. Schmerz schnürte seine Brust ein, ein kalter Griff, der ihm die Luft abschnürte. Seine Hände zitterten, als sie nach dem Boden tasteten, die Haut roch nach verbranntem Holz und kaltem Eisen. Die Luft war dick, als ob Staub und Schatten ihn erstickten.
Ein schweres Summen vibrierte in seinen Ohren, begleitet von einem pulsierenden Pochen im Kopf, dessen Rhythmus mit seinem Herzschlag zu verschmelzen schien. Er hatte den Preis erkauft. Doch was hatte das System im Gegenzug gefordert? Ein Funken von Panik zündete in ihm auf – ein Gedankenblitz, scharf und unbarmherzig: Wer musste jetzt bluten?
„Lukas“, eine Stimme – schroff, eisig, aber unüberhörbar präsent – schnitt durch die Finsternis.
Er hob die Lider, klebrig, schwer von der Erschöpfung, und sah schemenhaft eine Gestalt hinter einem Nebel aus Verwirrung und Angst. Seraphine Voss. Ihr Blick war messerscharf, als hätte sie in jenem Moment die Kontrolle über das Schicksal an sich gerissen, unantastbar und gnadenlos.
„Das Opfer,“ flüsterte sie, „ist nicht verhandelbar.“
Seine Kehle fühlte sich an wie aus Ton. Lukas wollte sprechen, doch stattdessen entwich ihm nur ein raues Keuchen. Sein Sichtfeld flackerte erneut, die Schatten tanzten mit seinen Zweifeln.
Er tastete nach seinem Inneren, suchte nach der Kraft, sich zu erheben, doch eine eisige Welle rollte über ihn hinweg. Die Ahnung, dass der Preis mehr war als nur Blut – es war Verrat an der Seele.
Da! Ein dumpfer Klang riss ihn jäh aus der Trance. Schritte – schnelle, klare Schritte, die näherkamen, begleitet von panischem Atmen. Eine vertraute Stimme, dünn vor Angst, aber entschlossen.
„Lukas!“
Sein Herz setzte aus. Mira. Sie war da, sie war gekommen.
Ihre Augen suchten verzweifelt nach ihm, fanden seine schwachen Bewegungen am Boden. Sie kniete sich nieder, berührte seine kalten Hände, ihre Finger zitterten.
„Was hast du getan?“
Lukas rang nach Worten. „Das System... forderte...“
Ein Ruck ging durch ihn, als der Bildschirm tief in seiner Brust pulsierte – das dunkle Interface, das Verborgene, das ihn verändert hatte. Die Anzeige blinkte: „Opfer wählen.“
Mira zog die Stirn kraus, als sie die Worte flüsterte: „Du meinst... du musst jemanden opfern?“
„Ja.“ Seine Stimme war kaum ein Hauch. „Es... es ist...“ Die Worte versagten ihm.
Seraphine trat näher, ein selbstgefälliges Lächeln lag auf ihren Lippen. „So ist das Gesetz dieser Welt, Junge. Stärke verlangt Tribut. Und jetzt – entscheide. Lebt einer oder stirbt einer, bevor du weitersteigen kannst.“
Ein schwerer Schatten senkte sich auf Lukas’ Herz. Er wandte sich von Seraphine ab, blickte in Miras panische, aber auch mutige Augen. Die Zeit dehnte sich grotesk, während sein Geist gegen das Grauen kämpfte.
Abrupt wurde ihm klar: Die Entscheidung war keine Option. Es durfte kein Zufall sein. Nicht irgendein namenloses Opfer.
Seine Stimme brach, als er flüsterte: „Ich... ich kann nicht...“
Seraphine lachte kalt. „Nein? Dann stirbst du hier und jetzt. Oder du wählst.“
Ein eisiger Wind durchfuhr den Raum, als ob die Schatten selbst seine Qual begrüßten.
Lukas biss die Zähne zusammen, seine Gedanken wirbelten, Bilder blitzten wie Splitter: Freunde, Feinde, Gesichter aus vergangenen Nächten – Werte, Hoffnungen, Träume.
Ein letzter Gedanke schnitt durch: Wer ist bereit, mein Opfer zu sein?
Und dann stand er auf, die Knie schmerzten, doch die Entschlossenheit loderten neu auf.
Mira sah ihn an, unfähig, die unaussprechliche Last zu stemmen, die auf beiden lastete.
„Sag meinen Namen nicht“, hauchte er. „Das ist... zu viel.“
Die Sekunden zerrannen. Das System forderte eine Antwort.
Ein kaltes, digitales Signal strahlte von seinem Brust-Pendant aus.
Lukas erhob die Stimme, verhüllte seine Verzweiflung mit einem stählernen Ton: „Ich wähle... mich selbst.“
Stille legte sich auf den Raum wie ein schwerer Mantel. Selbst Seraphine erstarrte. Für einen Moment war das System regungslos.
Dann pulsierte die Anzeige wild, krachend in den Äther.
„OPFER BESTÄTIGT.“
Ein schmerzlicher Schrei entfuhr Lukas, als sich eisige Fäden durch seine Adern fraßen. Sein Körper krümmte sich, während ein grelles Licht aus seiner Brust schoss, die Schatten auseinanderreißend.
„Nein!“, rief Mira, „Lukas!“
Sein Blick suchte noch einmal den ihren, durchflutet vom Opfer, das er brachte.
„Stärke... heißt... nicht... weglaufen“, hauchte er, bevor die Welt um ihn zerfiel.
Die Dunkelheit verschlang Licht und Stimme.
Und in der Stille hallte einzig das Versprechen wider:
Das wahre Opfer ist erst der Anfang.
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Ein Klopfen. Sanft, aber beharrlich.
Lukas’ Augen flackerten auf.
Mira stand im Türrahmen, die Stirn von Sorgenfalten durchzogen.
„Bist du wach?“
Er rang um Atem, ein schwaches Lachen entkam seiner Kehle.
Die Prüfung hatte begonnen.
Die Entscheidung lag bei ihm – und doch war die wahre Frage noch unbeantwortet.
Wie viel von sich selbst konnte er opfern, ohne zu zerbrechen?
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Fortsetzung folgt…