Chapter 7
### Kapitel 7 – Nächtliche Schatten
Claras Hand verharrte für einen Herzschlag an der Tür.
Der schwere Türgriff fühlte sich unter ihren Fingern kalt an – eisig, als wollte das Haus selbst sie warnen. Ein schriller Klang, irgendwo tief im Inneren, vermischte sich mit dem leisen Pochen ihres eigenen Blutes, das ihr in den Ohren brummte.
Dann, ganz langsam, öffnete sich die Tür mit einem knarrenden Laut.
Ein eiskalter Luftzug schlug ihr entgegen. Der Geruch von altem Holz, verblasstem Parfum und einer Spur verbranntem Wachs stieg in ihre Nase. Die Dunkelheit dahinter war undurchdringlich, umhüllte den Flur wie eine schwere Decke aus Schatten.
Clara trat ein. Ihre Schritte waren kaum mehr als ein Wispern auf dem polierten Marmorboden.
„Clara?“
Die Stimme war kaum hörbar, eine angehaltene Frage, die von der Stille verschluckt wurde.
Kein Mensch antwortete. Stattdessen drang das ferne Ticken einer antiken Standuhr durch die Stille – langsam, unnachgiebig, wie ein mahnendes Herz.
Langsam, fast auf Zehenspitzen, bewegte sie sich weiter, den Blick an die Wände geheftet.
Von den Gemälden, deren vergilbte Rahmen wie starre Augenpaare wirkten, wechselte ihr Blick zu den langen Schatten, die sich zwischen den hohen Säulen zu schlängeln schienen. Hier atmete das Herrenhaus eine Geschichte, ein Pulsieren aus Schmerz und Geheimnissen.
Ein leises Geräusch ließ sie erschrocken erstarren.
Ein Kratzen. Ganz sachte, aber eindeutig hörbar, kam es von der Wendeltreppe, die in den oberen Stock führte.
Claras Herz schlug schneller. Sie wollte flüstern: „Wer ist da?“, doch ihre Stimme verhauchte in der feuchten Luft.
Noch einmal dieses Geräusch. Diesmal ein halbes Flüstern, so nah, als stünde jemand nur wenige Meter entfernt, keuchend vor Anspannung.
Sie tastete nach ihrem Telefon in der Tasche. Keine Ahnung, ob jemand wirklich hier war – oder ob ihr Verstand ihr nur einen Streich spielte. Aber die Ahnung, beobachtet zu werden, bohrte sich wie ein kalter Dorn in ihre Haut.
„Hallo?“
Kein Echo. Nur ein ersticktes Knarren aus den Dielen, das ihr die Nackenhaare aufstellte.
Sie wandte sich um — und spürte im selben Moment das Pochen ihrer Angst wie Blei in der Brust.
Doch die Halle hinter ihr war leer.
Oder zumindest schien sie es.
Plötzlich huschte ein Schatten über die Wand.
Schneller als ein Blinzeln.
Unsichtbar – und doch so greifbar, als ob die Dunkelheit selbst zum Leben erwachte.
Clara reflexartig einen Schritt zurück, die Hand um ein imaginäres Messer geballt.
Dann – ein leises Räuspern, gedrückt, fast unterdrückt aus dem Schatten.
„Du bist nicht allein hier.“
Die Stimme war rau, kaum mehr als ein Hauch, aber das Gewicht in ihren Worten schnürte ihr die Luft ab.
Clara drehte sich ruckartig, die Augen suchend in die Schwärze vor ihr.
Doch niemand war zu sehen.
„Zeig dich!“, sagte sie, aber die Stimme klang fremd, fast gebrochen.
Keine Antwort.
Nur das ferne Knarren, als würde die alte Uhr eine Stunde schneller schlagen.
Sie schluckte. Ihr Körper war auf Alarm gestellt, jeder Muskel angespannt.
Was wäre, wenn hier jemand war, der ihr folgen wollte? Oder jemand, der nicht wollte, dass sie die Wahrheit fand?
Langsam traute sie sich, eine kleine Taschenlampe aus der Tasche zu ziehen. Das kalte Licht schnitt durch die Dunkelheit, ein schmaler Lichtkegel, der die Konturen antiker Möbelstücke, schwere Vorhänge und vergilbte Tapeten enthüllte.
Sie schritt weiter, den Lichtstrahl tanzend vor sich her.
An der Wand entdeckte sie frische Fußspuren – schlanker, als würden Schuhe mit glatten Sohlen hier entlanggeschlichen sein, vor kurzem. Nicht älter als ein paar Minuten.
Ein Kloß formte sich in ihrem Hals.
„Wer bist du?“ flüsterte sie, doch statt einer Antwort wurde der Flur stiller, als ob das Haus selbst den Atem anhielte.
Plötzlich ein Knall! – Die schwere Tür zum Salon knallte ins Schloss.
Claras Herz rutschte in die Hose.
Der Griff zum Handy war hektisch, die Finger zitterten.
Sie rannte zur Tür, drückte gegen das Holz, wollte rein — doch sie war verriegelt.
Ein Kaltluftsturm schoss durch den Flur, der Kerzenschein flackerte, Schatten spielten an den Wänden.
Sie drehte sich um und sah in der Dunkelheit ein Bewegungsflackern. Etwas, das sich hinter einer Marmorsäule verbarg.
„Ich lasse nicht zu, dass du Geheimnisse mitnimmst!“ Der Ton vibrierte wie ein Messerstich.
Blitzschnell zog Clara ihr Taschenmesser. Es war klein, fast zierlich, aber ihr einziger Schutz.
Mit pochendem Herzen schlich sie leise um die Säule — da war niemand.
Immer noch keine Antwort. Nur das gedämpfte Echo ihrer eigenen Atemzüge.
Sie bewegte sich zurück in den Flur, als hätte das Haus selbst einen unsichtbaren Kreis um sie gezogen.
Plötzlich ein Rascheln, direkt über ihr.
Durch den Spalt am Oberlicht der Halle schwebte ein Schatten – flatternd, beweglich. Ein Vogel? Ein Rabe?
Das Geräusch brach die Stille, schnitt durch die Dunkelheit wie ein kalter Stahlstoß.
Und dann — ein leises Knarren, als öffne sich ein Türspalt oben auf der Galerie.
Ein scharfer Blick nach oben: Dort, halb verborgen hinter einem Vorhang, blitzten zwei Augen im schwachen Mondlicht.
Clara erstarrte.
Wer zog an den Fäden? Wer kannte das Haus so gut? Und warum folgte dieser Unbekannte ihr durch die nachtverhangenen Hallen?
Der Schatten verschwand. Schrittlose Stille legte sich wie ein Sargdeckel auf den Raum.
Das Knarren einer unerwarteten Bewegung hinter ihr ließ Clara sich umdrehen.
Eine fremde Silhouette stand dort im Halbdunkel, die Hand nach ihr ausgestreckt.
„Lauf nicht weg, Clara.“
Die Stimme war langsam, kalt, unmissverständlich.
Ihr Atem stockte.
Das Gesicht hinter dem Schatten formte sich aus dem Dunkel…
Aber bevor sie erkennen konnte, wer es war,
klopfte es plötzlich heftig an die Eingangstür des Herrenhauses — so laut, dass der Boden vibrieren zu schien.
Clara blieb wie gelähmt stehen.
Das Klopfen hörte nicht auf.
Und draußen wartete eine Frage, die niemand zu stellen wagte:
Wer verfolgte sie durch die nächtlichen Schatten des Herrenhauses?
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Ende Kapitel 7