NoveliqaSchatten über dem Herrenhaus: Blutgeheimnis im Prunk / Ein Spiegel der Vergangenheit :0%
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Chapter 6

Ein Spiegel der Vergangenheit

Kapitel 6 Ein Spiegel der Vergangenheit

Die Tür vibrierte leicht unter dem dumpfen Klopfen, das sich wie ein Herzschlag in Claras Kopf festhakte. Jeder ihrer Atemzüge schien langsamer, schwerer zu werden. Ihre Finger verkrampften sich um den Brief, der in ihrer Handfläche zitterte, als würde er jede Sekunde zerreißen.

Das Rattern hinter der Wand verstummte abrupt, hinterließ eine eisige Stille, die den Raum zu ersticken drohte. Clara spürte den kalten Hauch vergangener Schatten, die sich wie Nebelschwaden in ihre Gedanken schoben. Das Herrenhaus, das sie zunächst für rätselhaft gehalten hatte, rückte nun bedrohlich nahe. Als würde es atmen — oder flüstern.

„Wer ist da?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Krächzen, verloren zwischen den schweren Vorhängen und dem Schatten des Flurs.

Ein Flüstern antwortete nicht, stattdessen vernahm Clara ein leises Knarren. Schritte — gedämpft, vorsichtig, aber fest — näherten sich von der anderen Seite der Tür. Ihre ganze Welt schien sich zusammenzuziehen. Instinktiv presste sie den Rücken gegen die kühle Wand, den Blick auf den Türspalt fixiert.

Eine Hand legte sich auf den Türgriff, zögerte, dann drehte sich der Knauf mit widerwilliger Kraft. Ein Schatten schob sich langsam hindurch, ein Gesicht, das halb im Dunkel lag, mit Augen, die so kalt waren wie der Wintermond.

„Clara.“ Die Stimme war leise, doch sie schnitt durch die Stille wie ein Messer. Friedrich von Sternberg.

Ihr Herz stolperte. Sie wollte fliehen, wusste aber, dass die Mauern des Herrenhauses sie gefangen hielten — genauso wie die Erinnerungen, die ihr nachstellten.

Friedrich trat ein, die Augen nicht von ihr abwendend. Dann schloss sich die Tür krachend hinter ihm.

Clara spürte, wie die Luft sich verdichtete, jeder Atemzug ein Kampf gegen die Panik, die in ihren Adern pulsierte.

„Warum bist du hier?“, fragte sie, ihre Stimme jetzt schärfer, als sie es geplant hatte.

„Weil wir reden müssen.“ Er trat einen Schritt näher, ließ seinen Blick wie ein kaltes Feuer durch sie hindurchdringen.

Da blitzte es auf — ein Bild, das sie fortgerissen hatte, ehe sie es festhalten konnte. Die Szene: ein trockenes Sommerfeld, dünstige Hitze, das Krächzen von Krähen in der Luft. Und ein kleines Mädchen, das schreiend von einer dunklen Gestalt gepackt wird.

Clara schluckte hart, der Geschmack von altem Schmerz sammelte sich auf ihrer Zunge.

„Du kannst nicht einfach…“ Ihr Satz erstickte.

Friedrich hob die Hand, als wolle er ihr Schmerz ersparen, doch stattdessen knisterte die Spannung zwischen ihnen wie ein Sturm am Horizont.

„Du weißt mehr, als du zugibst. Über den Mord — und über dich selbst.“

Sein Tonfall war kein Vorwurf, sondern eine Tatsache. Klar, unbarmherzig.

Clara spürte den Druck, der sich aus ihrer Vergangenheit herausschälte, Finger wie eiskalte Krallen, die an ihrem Gewissen zerrten.

Sie dachte an den Brief. An die Zeilen, die zwischen Schuld und Wahrheit schwankten. An den Mann, den sie verloren hatte, an die Narben, die niemand sehen durfte.

„Was genau willst du wissen?“ Ihr Blick flackerte, ihre Stimme war ein Spiegel aus Misstrauen und Furcht.

Friedrich trat noch näher, bis die Distanz zwischen ihnen unsichtbar schwand.

„Deine Geschichte. Und das, was du vergessen hast.“

„Ich vergesse nichts“, zischte sie und wollte sich abwenden. Doch Friedrichs Hand packte ihren Arm, so fest, dass die Schmerzen aufblitzten.

„Doch, Clara. Du hast vergessen. Oder schlimmer: Du hast verdrängt.“

Seine Worte hoben einen Schleier, unter dem sich klaffende Abgründe verbargen. Bilder schossen ihr durch den Kopf: Ein altes Herrenhaus, ein nächtliches Flüstern, Blut, das nicht versickern will.

„Warum tust du das?“, flüsterte sie, halb gegen ihn, halb gegen sich selbst.

„Weil sie dich schützen wollen. Die Schatten deiner Vergangenheit — und die Schatten dieser Familie.“

Ein kalter Schauer lief ihr über den Rücken. Sie wusste, wovon er sprach. Nicht nur von dem Mord, sondern von Geheimnissen, die tief verwurzelt waren. Geheimnisse, die wie ein giftiges Erbe von Generation zu Generation weitergegeben wurden.

„Was willst du damit sagen?“, fragte sie, und ihr Herz hämmerte so laut, dass es das laute Ticken einer unsichtbaren Uhr übertönte.

Friedrich hielt ihren Blick gefangen.

„Vielleicht bist du nicht nur eine ahnungslose Ermittlerin, Clara.“

Sein Satz träufelte wie Gift in die Risse ihrer Seele.

In diesem Moment fiel ihr eine Erinnerung ein. Ein ferner Nachmittag, als sie noch ein Kind war. Ihr Vater, der streng und schweigsam auf dem antiken Spiegel im Flur des alten Hauses stand. Seine Augen voller Angst, als wäre er von einem unsichtbaren Feind verfolgt.

Das Spiegelbild zersplitterte plötzlich in tausend Scherben. Und ein leises Flüstern — ihr eigener Name.

Sie starrte Friedrich an, die Erkenntnis setzte sich wie kaltes Blei in ihrem Magen fest.

„Sag es nicht...“

Doch sein Blick sprach Bände. Die Wahrheit, die er bewahrte, würde sie nicht verschonen. Sie verband mehr mit dem Mord und dem Geheimnis des Herrenhauses, als sie je geahnt hatte.

Ein dumpfes Klopfen riss sie aus der Starre. Wieder an der Tür. Diesmal lauter, dringlicher.

Friedrich ließ ihren Arm los, die Spannung zwischen ihnen löste sich nicht, sondern zog sich straff wie eine gespannte Saite.

Clara hob die Hand, um die Tür zu öffnen.

Dahinter jedoch wartete nicht nur die Realität des Hauses.

Es war die Vergangenheit, die mit kalter Hand nach ihr griff.

Ende Kapitel 6