Chapter 3
Kapitel 3 Verborgene Blicke
Die schwere Tür schlug hinter Friedrich von Sternberg zu, und der dumpfe Klang hallte noch lange in Claras Ohren nach. Ein kaltes Kribbeln kroch ihre Wirbelsäule hinauf, während sie allein im prunkvollen Empfangssalon stand. Die Luft war dick, erfüllt von einer Mischung aus abgestandenem Parfum, poliertem Holz und einem Hauch von fauligem Geheimnis.
Ihre Fingerspitzen tasteten über die kühle Marmorplatte des Kamins, als wollten sie Halt finden in diesem Meer aus unerklärter Spannung und Schweigen. Der schwere Stoff ihres Mantels fühlte sich plötzlich wie ein Gewicht an, das sie ertränken wollte. Clara atmete tief ein — ein seichtes, krampfhaftes Auf und Ab, das vor Nervosität zitterte.
Die Bilder des ungeklärten Mordes tanzten in ihrem Kopf, überschnitten von Friedrichs weghaltendem Blick, seinem flüchtigen Schweigen, dem Schatten, den er hinterließ. Er hatte ihr Fragen gestellt — Fragen, die mehr unsagbar blieben als beantwortet. Ihre Neugier war kein Flüstern mehr, sondern ein rauer Sturm, der gegen die Mauern dieser luxuriösen Fassade peitschte.
Langsam ging Clara durch den Saal, jeder Schritt hallte hohl auf dem polierten Parkett. Über ihr prangten schwere Kronleuchter aus Kristall, die wie eingefrorene Sterne in der trüben Dämmerung glänzten. Doch selbst ihr Glanz konnte die Schatten nicht vertreiben, die sich in den Ecken des Raums verbargen.
„Sie sind zögerlich, Frau Weiss,“ meldete sich plötzlich eine Stimme von der Tür her, die sie fast zusammenzucken ließ. Es war Elise von Sternberg, die jüngste Tochter der Familie, schmal, mit goldblonden Locken, die über ihre Schultern fielen, und Augen, die zu sagen schienen: „Vorsicht, man kann nicht alles wissen.“
Clara richtete sich auf und zwang ein Lächeln. „Ich würde eher sagen, ich taste mich vorsichtig vor. Die Wahrheit ist kein klarer Pfad hier.“
Elise trat näher, dabei beobachtend, jede Geste schien wohlüberlegt. „In diesen Mauern gibt es viele Pfade. Die meisten führen ins Dunkel.“
Clara spürte den unterschwelligen Zynismus, doch sie ließ sich nichts anmerken. „Wie verträgt sich das mit dem Bild einer ehrenwerten Familie?“ Ihre Stimme war leise, wie ein vorsichtig gesetzter Fuß auf einem dünnen Eisfeld.
Elise lachte, aber ihre Augen blieben kalt. „Ehre ist eine Performance, Frau Weiss. Eine Kostümierung für die Außenwelt.“ Sie machte eine eleganten Handbewegung, als wolle sie alle funkelnden Porträts der Ahnen vom Rahmen drücken. „Was darunter liegt, sehen nur diejenigen, die lange genug graben – oder unglückselig genug sind, darin zu versinken.“
Ein leises Klopfen an der Tür ließ beide Frauen starren. Friedrich trat ein, sein Gesicht wie eine Maske aus Marmor, kalt und unnachgiebig. „Ihr wachsender Eifer wirkt wenig geschmackvoll, Clara.“ Seine Stimme war ruhig, beinahe amüsiert, doch seine Augen blitzten scharf.
„Ich frage nur jene, die wissen,“ erwiderte sie bestimmt. „Und Sie wissen mehr, als Sie zugeben wollen.“
Er trat einen Schritt vor, die Krawatte schief, das Hemd etwas zerknittert – Spuren von Unruhe, die seinen sonst makellosen Auftritt stören. „Manchmal ist Schweigen ein Schutz, nicht Feigheit.“
Clara spürte seinen Blick, schwer wie Blei auf ihrer Haut, und ihr Herzschlag beschleunigte sich. Warum so verbissen diese Mauer aus Ausflüchten und Andeutungen? Warum ließ er keine Fenster zu seiner Wahrheit offen?
„Oder ist Ihr Schweigen aus Angst?“ Sie wollte die Worte nicht aussprechen, doch sie entkamen ihr kühn wie funkelnde Dolche.
Friedrichs Augen verengten sich einen Bruchteil einer Sekunde. Ein winziges Flackern, das nur sie bemerkte. Dann wandte er sich ab. „Vielleicht haben Sie recht, Frau Weiss. Aber nicht jedes Geheimnis ist dazu bestimmt, von Ihnen gelüftet zu werden.“
Er ließ die Tür hinter sich schließen – langsamer diesmal, zögernder, als wollte er noch etwas sagen, doch die Worte verpufften in den dicken Wänden.
Claras Hände ballten sich zu Fäusten. Jede Faser ihres Körpers schrie danach, ihn zurückzuhalten, die Maske zu zerreißen, die er trug. Doch sie stand allein, umgeben von den flüsternden Schatten und den versteckten Blicke, die aus den vergoldeten Rahmen der Familienporträts krochen.
Ihre Augen suchten die Räume, in denen noch andere lebten – oder sich vor ihr verbargen. Elisabeth, die Haushälterin, hatte gestern Nacht so ausgemergelt gewirkt, ihre Lippen zitterten, wenn sie Friedrichs Namen flüsterte. Und dann war da noch Hermann, der Bruder, dessen finstere Miene wie ein Andächtiger in einem Kathedralenschiff wirkte, immer eine Spur zu laut, eine Spur zu kalt.
„Jede Familie hat ihre Dämonen,“ murmelte Clara leise, „aber hier sind sie wie Geister, die sich weigern zu ruhen.“
Plötzlich ertönte ein Klirren, schwer und metallisch, aus dem Nebensaal. Clara zuckte zusammen, ihre Sinne schärften sich wie die Klingen eines Messers. Instinktiv griff sie nach ihrer Tasche, tastete nach dem kleinen Notizblock.
Die Tür zum Nebensaal stand einen Spalt offen. Dahinter ein dunkler Flur, der in die Tiefe des Hauses führte. Aus der Dunkelheit drang ein Flüstern – brüchig, kaum hörbar, doch unverkennbar aufgeregt.
Claras Herz hämmerte gegen ihre Rippen, als wollte es den Raum sprengen, der sie einsperrte. Sie trat einen Schritt vor — dann noch einen. Was sie nicht wusste: Hinter ihr bewegte sich die Tür beinahe geräuschlos. Und Friedrichs Augen blitzten noch einmal auf – außerhalb jeden Blickfeldes und doch unerbittlich wachsam.
Warum vermied Friedrich von Sternberg Claras Fragen so beharrlich? Das blieb ihr Rätsel – ein eiserner Vorhang, der alle Antworten verbarg.
Und während die Schatten länger wurden und die Dunkelheit das Herrenhaus wie einen Schleier umhüllte, wusste Clara eines mit Gewissheit: Sie musste tiefer graben, selbst wenn sie dafür bis an den Grund des menschlichen Herzschmerzes und Verrats steigen musste.
Doch der erste Schritt in diese Dunkelheit würde ihr keine Ruhe mehr lassen …