Chapter 2
Kapitel 2
Ein Schatten in der Familie
Die schwerfällige Stille, die nach Claras eindringlicher Frage im Raum haftete, war schwerer als jede Gewitterwolke, die jemals über das Herrenhaus gezogen war. Ein kleines Knistern durchbrach die Starre – das entfernte Sporadische Klirren von Porzellan, das dumpfe Poltern schwerer Schritte auf dem polierten Marmorboden. Clara spürte, wie ihr Herz gegen die Rippen schlug, als wäre es selbst zum Gefangenen dieses düsteren Ortes geworden.
„Wer hatte das Motiv, den mächtigen Mann zu töten?“, hatte sie geflüstert, doch die Worte hallten in ihr wider, ein Echo, das keine Antworten fand.
Der Salon lag in gedämpftem Licht, Kerzenflammen tanzten gespenstisch an den hohen Wänden, deren vergoldete Stuckornamente wie gierige Finger nach ihr griffen. Ein kalter Hauch, der durch die Ritzen der Fenster sickerte, kräuselte Claras seidenblaues Kleid und ließ die Tränen in ihren Augen glitzern. Sie zwang sich, die Brust zu heben, um nicht den Boden mit ihrer Verzweiflung zu küssen.
Dann meldete sich die Stimme: tief, ruhig, durchdringend, wie das Knirschen von Kies unter schweren Stiefeln.
„Das wird Ihnen nicht helfen, Frau Weiss.“ Friedrich von Sternberg trat aus den Schatten. Sein Auftreten hatte die Kraft einer gewaltigen Welle – unausweichlich, erdrückend. „Hier … hier zählt nur die Familie. Und was sie schützt.“
Clara ließ das klirrende Messer in ihrer Hand verschwinden. Sie sah ihn an, seine Augen glühend, als ob sie im abgedunkelten Raum selbst die Fackeln wären.
„Die Familie?“, ihr Tonfall war scharf wie der Schnitt eines Rasiermessers. „Dann muss ich fragen, warum keiner von Ihnen bereit war, ihren Vater zu verteidigen. Warum schweigen alle, wo ich doch nach der Wahrheit verlange?“
Friedrichs Mundwinkel zuckten, eine kurze, verächtliche Bewegung. „Weil äußere Augen nicht verstehen, was uns hier zusammenhält.“ Seine Stimme senkte sich zu einem drohenden Flüstern. „Manche Schatten dürfen nicht gebrochen werden.“
Die Luft wurde schwerer, dichter, als sich weitere Gestalten aus den Hinterhöhlen des Raums lösten – Gesichter umrankt von Sorge, Misstrauen, und – ja – vielleicht Furcht. Claras Blick tastete nach Antworten, nach dem ersten Anzeichen von Verrat.
Da war sie – Elisabeth. Die jüngere Schwester des Ermordeten, ihre Hände zitterten leicht, als sie sich am Rahmen festklammerte. „Wir wissen alle, was passiert ist“, hauchte sie, mit zerbrechlicher Stimme, „doch es gibt Dinge, die besser ungesagt bleiben. Für die Familie.“
„Das ist kein Schutz,“ erwiderte Clara und trat näher, „sondern ein Käfig. Ein Gefängnis aus Geheimnissen.“
„Besser ein Käfig als ein Freiluftmuseum der Schande“, erwiderte eine neue Stimme – scharf, missgünstig. Es war Jakob, ein weiterer Sohn des Hauses, seine Stirn in tiefe Falten gelegt. „Nicht jeder hat Lust, die Familie an den Pranger zu stellen, Frau Weiss.“
Claras Augen verengten sich. Jeder von ihnen war wichtiger als der andere, alle schienen sie in einem Netz aus Lügen verstrickt.
Das Murmeln wuchs, Stimmen zischten, schnellen Schrittes tauschten die Familienmitglieder ungesagte Blicke. In ihren Reihen herrschte ein Krächzen von Misstrauen, das wie giftiger Dunst um die edlen Stoffe der Gärten und Säle kroch.
Sie musste weiter bohren.
„Die Wahrheit liegt zwischen euch,“ sagte Clara und zog die Karteikarte ihres Notizbuchs hervor. „Und ich werde sie finden, auch wenn ich dafür in die tiefsten Schatten dieses Hauses steigen muss.“
Ein kaltes Lächeln war die einzige Antwort, die Friedrich von Sternberg gab, als er sich ein wenig zurückzog und mit festem Schritt zurück in die Halle schritt.
Plötzlich blieb er stehen, drehte sich zurück und warf einen Blick über die Schulter, der so stählern war, dass Clara das Blut in den Adern gefror: „Manche Geheimnisse,“ flüsterte er, „sind tödlicher als ein Messer.“
Die Luft schien zu vibrieren, als wären von Sternbergs Worte eine düstere Prophezeiung – oder ein Warnschuss.
Clara spürte einen kalten Schauer, der ihr die Wirbelsäule hinabstieg. Was verbarg dieses Familienoberhaupt, das die Fassade des eleganten Patriziers aufrechterhielt? Was für Schatten krochen in seinen Adern?
Sie würde es herausfinden. Selbst wenn sie dabei über ihre eigenen Dämonen stolperte.
Ein letztes Flüstern entglitt den Lippen Friedrichs. „Nicht alles, was im Dunkeln liegt, will gesehen werden.“
Die schwere Tür hinter ihm schloss sich mit einem dumpfen Schlag.
Clara blieb allein zurück, das Echo der Wahrheit pulsierte schmerzhaft in ihrem Kopf.
Und eines wusste sie sicher: Dieses Blutgeheimnis würde nicht still ruhen. Es war erst der Anfang.