Chapter 17
Kapitel 17 Ein weiteres Opfer?
Die Tür schwang langsam auf. Clara stand in der Schwelle, ihr Herz pochte so laut, dass sie befürchtete, es müsse durch die Stille des Raumes dringen. Die Schwärze hinter dem Rahmen schien zu pulsieren, als atmete der Raum selbst.
Ein Schatten bewegte sich, ein Körper zeichnete sich gegen das gedämpfte Licht ab. Mit jedem Schritt den Clara machte, knirschte der alte Dielenboden unter ihren Schuhen, das Geräusch ein leises Echo, das wie ein leiser Warnschrei in der Stille widerhallte.
„Clara.“ Die Stimme war leise, aber fest – ein Flüstern mit Gewicht. Friedrich von Sternberg trat aus dem Dunkel, seine Augen schimmerten kalt, doch ein Hauch von Erschöpfung lag darunter.
Sie schloss die Tür hinter sich und spürte den kühlen Luftzug von dahinter fallender Zeit, fast so, als würde der Moment selbst atmen.
„Was… was ist geschehen?“ Ihre Stimme klang rauer, als sie wollte. Die Frage brannte auf ihrer Zunge.
Friedrich sah sie an, seine Hände wrangen sich unruhig. „Die Gerüchte.“ Er senkte den Blick. „Sie erreichen sogar die entferntesten Winkel dieses Hauses.“
Clara trat näher, jedes ihrer Sinne auf Alarmbereitschaft. „Gerüchte über…?“ Sie wusste, was er meinte, die schleichenden, unheilvollen Geschichten, die wie dunkle Nebelschleier durch die Gesellschaft krochen.
„Ein weiteres Opfer“, murmelte Friedrich, als käme das Erwähnen des Wortes Blut einem Fluch gleich. „Man sagt, der Schatten stirbt nicht mit dem ersten Mord. Keiner hier ist mehr sicher.“
Die Luft schien dicker zu werden, kaum greifbar, aber voller Bedrohung. Clara spürte den kalten Stich einer Vorahnung hinter ihren Augen. Ihren Blick rann zu den schweren, ausladenden Fenstern, dahinter die schwarzen Umrisse alter Bäume, als würden sie stumm lauschen.
„Wer könnte als Nächstes gefährdet sein?“ Ihre Worte waren kaum mehr als ein Flüstern.
Friedrich ließ die Schultern sinken. „Das ist es ja“, sagte er. „Das Ganze hat sich verselbstständigt.“ Seine Stimme brach für einen Moment. „Sie jagen uns, Clara. Nicht nur den Mörder. Uns alle, die wir hier sind.“
Ein Kratzen an der Tür ließ sie beide erschauern. Clara drehte sich blitzschnell um.
„Kam jemand?“ Friedrich folgte ihrem Blick. Kein Laut, kein Schatten mehr. Nur das Quietschen der Windböen, die draußen gegen die Fenster peitschten.
Clara zog die Luft durch die Zähne. „Vielleicht nur ein Tier.“ Doch der Zweifel fraß an ihr, ließ sie im Haus flackern wie eine flüchtige Kerze im Wind.
Friedrich trat näher. „Ich habe etwas gefunden.“ Er zog ein altes Pergament aus der Innentasche seines Sakkos, die Ränder vergilbt, die Schrift kaum leserlich. „Es war versteckt, zwischen den Seiten eines Buches im Privatarchiv.“
Clara nahm das Dokument vorsichtig, spürte das raue Papier unter ihren Fingerspitzen, das poetische Fließen von Tinte, das wie Blutlinie wirkte.
Die Worte waren paarweise versteckt: Namen, Daten, Bemerkungen. Manche durchgestrichen, manche hervorgehoben. „Geplante Begegnungen“, „Verschwundene Personen“, „Warnungen“. Kaum zu glauben.
„Das hier“, flüsterte sie, „zeigt, dass jemand seit Jahren nach einem Muster operiert. Nicht zufällig, sondern geplant.“
Friedrich nickte. „Aber das Wichtigste sind die Andeutungen... über ein nächstes Ziel.“
Claras Hand zitterte, als sie dritte Namen und Orte entzifferte. „Du meinst, jemand hat vor, erneut zuzuschlagen?“
„Mit Sicherheit.“ Friedrichs Blick verengte sich. „Wer genau, steht in der Randnotiz, aber sie ist verschlüsselt und verwischt.“
Ein lautes Klopfen durchrüttelte die Stille. Diesmal schneller, dringlicher. Clara hob den Kopf, die Haut unter ihren Handflächen spannte sich an.
Als sie zur Tür eilten, brannte eine Frage wie schwarzes Feuer in ihrem Innern: Wer könnte das nächste Opfer sein? Und wer war es, der hinter diesem Netz aus Terror und Verheimlichung lauerte?
Sie öffnete die Tür eine Spalte breit. draußen stand ein blasser Bote, das Gesicht von Angst verwischt, die Stimme kaum hörbar: „Bitte… gehen Sie sofort zu Zimmer sieben. Es ist etwas passiert.“
Claras Herz setzte einen Schlag aus. Friedrich trat an ihre Seite, Augen weit. Sie verspürten beide dieselbe lähmende Erkenntnis: Der Schatten über dem Herrenhaus hatte keine Ruhe gegeben. Er forderte erneut.
Und so begann eine neue Jagd – in den dunklen Hallen, durchzogen von flüsternden Geheimnissen und der kühlen Umarmung des drohenden Unheils.
Fortsetzung folgt…