Chapter 15
Kapitel 15: Verlorene Erinnerungen
Das pochen an der Tür schnitt durch Claras Geist wie ein scharfes Messer, das durch dünnes Glas fuhr. Ihre Atemzüge waren flach, unregelmäßig, als hätte ihr Körper beschlossen, den Moment zu dehnen, die Wahrheit hinauszuzögern.
Sie presste die Handflächen gegen das Holz der altmodischen Kommode neben ihr, spürte die raue Maserung wie den Widerstand einer Mauer, die sich in ihr Bewusstsein schob. Die Atmosphäre im Zimmer hatte sich verändert – von dumpfer Stille zu einer elektrisierenden Spannung, die ihre Nerven nahezu zum Zerreißen brachte.
Ein eisiger Windstoß schlüpfte durch den schmalen Spalt unter der Tür; das Klopfen wurde lauter, fordernder, als wollte es die letzte Schutzschicht in ihrem Geist sprengen.
„Du wirst es gleich herausfinden“, hallte die Stimme von Friedrich nach wie in einem entfernten Tunnel wider, brannte sich mit penetranter Unruhe in ihrem Schädel fest.
Die Schatten in den Ecken krochen näher, zogen sich zusammen und formten dunkle Hände, die sie zu ergreifen schienen. Ein scharfes Brennen stieg hinter ihren Augen auf, Reißverschlüsse in der Zeit öffneten sich wider Willen, enthüllten Bruchstücke längst verborgener Bilder.
Clara schloss die Augen, biss die Zähne zusammen – und plötzlich explodierten die Erinnerungen.
Der schwere Duft von Leder und alten Holzpaneelen, vermischt mit einer unangenehmen Note von kaltem Seeton, stieg in ihre Nasenflügel. Die Stimme ihres Vaters, rau und von Sorge zerfressen, vibrierte in ihrem Gedächtnis:
„Clara, du darfst niemals allein zu den Sternbergs. Es ist gefährlich... dort lauert mehr als nur Schatten.“
Sie zitterte, als ihr Herz gegen den Brustkorb schlug, als wäre es ein Gefangener auf der Flucht. Ihr Verstand kämpfte gegen die Wogen der Vergangenheit.
Plötzlich tauchte ein Bild auf: Friedrich von Sternberg, jung, charmant, doch mit einem unverkennbaren Schatten in den Augen, der sie durchbohrte. Neben ihm eine Frau, mit einem Gesicht, das ihr seltsam vertraut vorkam – doch sie konnte den Namen nicht greifen.
Ein kalter Schauer rann ihren Rücken hinunter, als das Bild zu flimmern begann und zerbrach, wie dünnes Glas, das zersprang.
Die Türschwelle knackte, Holz splitterte – das Klopfen wurde zur Abfolge von Schlägen, ungeduldig, verzweifelt.
„Clara, bitte... öffne“, flüsterte eine Stimme, die sie nicht zuordnen konnte. Gleichzeitig durchzuckte sie das Gefühl, beobachtet zu werden. Nicht nur sie suchte Antworten, sondern jemand wusste bereits, dass sie zu tief in dunkle Geheimnisse eingedrungen war.
Sie presste die Stirn an die Tür und zwang sich, klar zu denken. Was hatte ihre Familie mit den Sternbergs zu tun? Warum blieben die Erinnerungen so verbissen verschlossen?
Ein weiterer Satz formte sich in ihrem Kopf, die Worte wie einschneidende Klingen, begleitet von einem Bild, das sich in ihrem Hirn festbrannte:
„Blut verbindet mehr als man ahnt – und manche Verbindungen sind tödlich.“
Ihre Hände zitterten, als sie nach der Türklinke griff.
Doch dann, bevor sie den Griff drehen konnte, verlangsamte sich die Welt um sie herum. Ein fremdes Gesicht blitzte vor ihrem inneren Auge auf – Jonas, der ihr gegenüber in der Eingangshalle stand, finster und doch bemüht, etwas zu verbergen.
Ein letztes Mal pochte das Herz der Erinnerung in ihrer Brust – die flüchtige Umarmung einer fremden, aber vertrauten Hand, die vor langer Zeit ihr Leben verändert hatte.
Und dann hörte sie es, klar wie ein Donnerschlag, der sie niederstreckte:
Eine versteckte Verbindung.
Eine Verbindung, die alles ändern würde.
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Fortsetzung folgt...