Chapter 12
Ein unerwarteter Verbündeter
Das Klopfen an der schweren Eichentür hallte in Claras Ohren wider. Ihr Herz schlug wild, jeder Schlag ein dumpfes Pochen unter der Haut als Echo ihrer Erregung und Furcht zugleich. Die Luft im Raum roch modrig, aufgequollene Bücher am Rand ihres kleinen Arbeitszimmers schienen, als könnten sie jeden Moment zusammenbrechen – so wie auch ihre Konzentration, die sich plötzlich in einem Mahlstrom ungeklärter Fragen verlor.
Langsam, fast zögernd, schob sie den schweren Stuhl zurück und tastete nach dem großen Schlüsselbund, der an der Wand lehnte. Die Finger fühlten sich schwer und ungeschickt an, ein warmer Schweißfilm bedeckte die Handflächen.
Mit einem scharfen Ruck drehte sie den Schlüssel im Schloss, ein leisem Knarren kündigte das Öffnen der Tür an. Ein Schatten zeigte sich im Türrahmen, nur die Umrisse einer Gestalt erkennbar – groß, aufrecht, mit einer selbstbewussten Haltung, die fast einschüchterte.
„Frau Weiss“, sagte die Stimme leise, aber bestimmt – es war Friedrich von Sternberg. Sein stählerner Blick fiel auf sie, eine Mischung aus Kalkül und unterschwelliger Spannung lag darin.
Clara atmete tief ein, suchte in sich die Ruhe, die sie sonst trotz aller Dunkelheit bewahren konnte. „Herr von Sternberg“, erwiderte sie mit nüchterner Stimme. „Was verschafft mir die Ehre zu so später Stunde?“
Er trat ein, ließ die Tür hinter sich ins Schloss fallen. „Ich bin nicht hier, um Ihnen Steine in den Weg zu legen.“ Seine Augen verrieten einen Funken Dringlichkeit, der im Gegensatz zu seinem kalten Äußeren stand. „Ganz im Gegenteil – ich möchte Ihnen helfen.“
Clara zog eine Augenbraue hoch. „Mich? Ausgerechnet mir? Warum sollte ich Ihnen vertrauen? Sie sind der letzte Mann auf dieser Welt, der ein Interesse daran haben sollte, Licht ins Dunkel dieses Hauses zu bringen.“
„Weil ich keinen anderen Ausweg mehr sehe.“ Sein Ton wurde jetzt leiser, fast verschmitzt. „Meine Familie … meine Möglichkeiten schwinden. Aber ich habe Informationen, die Sie brauchen – Informationen, die das Puzzle endlich vervollständigen könnten.“
Ein Stille folgte, so dicht, dass Clara sie fast greifen konnte. Ihr Kopf begann zu rattern, tausend Fragen formten sich in ihrem Geist – welche Informationen? Wie sicher war das Angebot? Und vor allem: Was war sein Preis?
„Warum jetzt?“, fragte sie, den Blick fest auf ihn gerichtet, die Stirn gerunzelt.
Friedrich trat näher, seine Schultern spannten sich angespannt unter der maßgeschneiderten Jacke. „Weil ich nicht will, dass noch mehr Blut fließt. Und weil ich weiß, dass Sie die Einzige sind, der ich vertrauen kann – vielleicht die Einzige.“ Ein kurzes Lachen lautete wie ein scharfer Schnitt durch die gespannte Atmosphäre. „Ironisch, nicht wahr?“
Clara schaute ihn ungläubig an. Da stand er – der Mann, dessen Familie in ein Netz aus Geheimnissen und Lügen verstrickt war, der Inbegriff selbstgerechter Macht, und dennoch bot er ihr eine Hand zur Zusammenarbeit. Ihr Instinkt spannte sich an wie ein zerbrechlicher Bogen.
„Was erwarten Sie im Gegenzug?“, fragte sie langsam, jeder Ton ihres Satzes ein Prüfstein.
Er sah sie durchdringend an, dann nickte er minimal. „Diskretion. Und dass Sie nicht nachfragen, wie ich an manche Dinge gekommen bin.“
Clara biss sich auf die Unterlippe, spürte den kalten Luftzug vom offenen Fenster, der an ihrem Nacken entlangfuhr, als wollte er ihr von außen verdeutlichen: Vorsicht, Falle! Doch da war auch dieses nagende Gefühl – vielleicht war es tatsächlich ihre einzige Chance, aus dem undurchsichtigen Dickicht herauszufinden, wer am Ende wirklich die Fäden zog.
„Was genau haben Sie?“, wagte sie zu fragen, die Stimme etwas weicher, aber nicht minder misstrauisch.
Er zog ein altes, vergilbtes Papier aus seiner Innentasche und legte es auf den Tisch. „Notizen, Briefe, Zeitzeugenberichte – mehr, als ich hier jetzt zeigen kann. Aber ich verspreche: Wenn wir zusammenarbeiten, bekommen Sie Zugang zu allem.“
Clara ließ den Blick über das zerknitterte Dokument gleiten – die Handschrift war fein, beinahe zierlich, doch die Worte darauf hatten die Macht, das Kartenhaus, auf dem die Wahrheit ruhte, zum Einsturz zu bringen.
Ihre Finger zitterten leicht vor der Last der Entscheidung. Ein Pakt mit Friedrich von Sternberg? Die Gefahr war kaum zu überschätzen.
Und dennoch erwachte in ihr eine eigentümliche Zuversicht, als hätte sich ein Schatten zurückgezogen – nur um einen anderen, noch finsteren abzuschirmen.
Clara hob den Kopf, die Augen glänzten im Dämmerlicht des Raumes. „Ich höre zu.“
Ein letztes, tiefes Klingeln ertönte – die dunklen Geheimnisse der Sternbergs hatten nun einen neuen Pfad eingeschlagen.
Doch konnte man jemandem wie Friedrich von Sternberg wirklich trauen?
Das Klopfen am geheimen Waschbecken hinter dem Kamin, das sie nie zuvor entdeckt hatte, ließ sie erstarren.
Die Tür zum Gemach knarrte leise.
Unsichtbare Augen beobachteten jede Regung.
Ihr Herz raste – und die Nacht hatte gerade erst begonnen.
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Fortsetzung folgt...