Chapter 9
Kapitel 9: Die Jagd beginnt
Die Tür schloss sich mit einem fast unhörbaren Klick, aber für Yannis hallte das Geräusch durch seinen ganzen Körper. Sein Herz pochte wie ein Trommelfeuer gegen die Rippen, begleitet von einem gelegentlichen, schneidenden Ziehen tief in der Magengegend – als hätte jemand mit unsichtbaren Händen an seinen Nervenzentren gezogen. Die Stille hinter der schweren Tür drückte wie ein feuchter Mantel auf seine Haut, während die Schatten in seinem spärlich beleuchteten Zimmer einfach nicht weichen wollten.
Ein Kloß formte sich in seinem Hals, und der kalte Schweiß auf seiner Stirn fühlte sich an, als wäre er gewaschen in Zinnoberrot – Angst, Wut, Zweifel. Doch keine seiner Emotionen konnte sich wirklich festsetzen. Stattdessen kroch eine eisige Gleichgültigkeit anstelle einer Antwort auf die quälende Frage: Welche dunkle Bürde bringt dieser Pakt mit sich?
Sein Blick schweifte zum Fenster. Draußen schien die Stadt wie immer zu schlafen. Die fahlen Lichter der Straßenlaternen warfen optische Illusionen auf den Asphalt. Doch hier drinnen spürte er, wie sich die Luft verdichtete. Als würde das Zimmer selbst den Atem anhalten.
Plötzlich vibrierte sein System im Ohr – ein dumpfer, unheiliger Signalton, der ihm selbst inmitten der Stille den Rücken hinunterlief. Er hob die Hand und aktivierte vorsichtig das holographische Menü.
Die Nachricht war kurz und nüchtern, doch sie ließ keine Zweifel offen:
Alphakommando-Einheit “Cerberus” aktiviert. Ziel: Yannis Kühn.
Daten wurden neu geladen: Verfolgungsrisiko – maximal. Angriffswahrscheinlichkeit – 98,7%. Funktionsdatum: 14:32 Uhr.
Yannis schluckte. Sein Blick verengte sich. Viktor steckte tiefer in diesem Spiel, als er es sich je vorgestellt hatte. Die Supersoldaten. Killermaschinen aus Fleisch und Blut – ausgesandt, um ihn auszuschalten. Oder schlimmer: um seine Fähigkeiten zu stehlen.
Ein kaltes Lächeln schlich sich auf seine Lippen.
„Dann soll die Jagd eben beginnen.“
Der erste Schritt war der wichtigste.
Er sprang auf, Herz schlägt jetzt rau – doch Schwere und Ecke vom Zimmer waren die beste Deckung. Reflexartig riss er den Schreibtisch vom Fenster weg und aktivierte seine zweite Fähigkeit: Schattenhülle.
Sein Körper wurde zu Rauch, verschmolz mit der Dunkelheit und verlor sich in den flackernden Schatten.
Plötzlich klirrte Glas. Jemand zertrat das äußere Fenster einer Etage unter ihm – eine kalte Hand grätschte in die frische Luft. Der Schattenläufer spürte die Nähe, als wollten zwei Raubtiere die Luft in der engen Gasse zerreißen.
„Wir haben ihn, Jungs“, flüsterte eine tiefe Stimme.
Yannis’ Atem raste, aber seine Nerven waren scharf wie Rasierklingen. Er ließ sich keinen Moment unbeobachtet. Die Innovation seiner eigenen Sinne erzeugte eine Art sechsten Sinn – ein feines Flirren unter seiner Haut, eine sanfte, aber unerbittliche Nervosität.
Seine Finger berührten die Klinge seiner unsichtbaren Waffe.
Dann ein dumpfes Rascheln. Drei Schritte. Kein Licht – nur das Flüstern der Nacht.
„Da bist du“, knurrte eine Stimme, mechanisch, maskiert.
Yannis trat aus dem Schatten wie ein Geist des Zorns, seine Augen glühten überraschend hell im Halbdunkel. Mit einer Bewegung, so schnell wie ein Blitz, stieß er vor.
Das erste Geräusch war ein kaum hörbarer Schnitt.
Metall auf Fleisch, ein knirschendes Geräusch und der dumpfe Aufprall eines Körpers, der zu Boden taumelt.
Er sprang hinter einen alten Lieferwagen, als hinter ihm das wilde Echo von Schüssen durch die Straße brach. Die Kugeln warfen gleißende Lichtfetzen und rissen Löcher in den Asphalt. Er fühlte, wie eine Kugel knapp an seinem Ohr vorbeizischte – ein Hauch von Hitze und Tod.
Yannis wusste, dass er nicht länger in Deckung bleiben konnte. Ihm blieb keine Zeit zum Atmen, keine Gnade. Sein Blick suchte nach jedem noch so kleinen Hinweis, jedem flimmernden Schatten.
Sein System flackerte.
Cerberus jagt. Ausweichen empfohlen. Zielnahkampf freigegeben.
Er raste hinaus in die unbarmherzige Straßenbeleuchtung, durchkreuzte ruhig das undurchsichtige Netzwerk aus dunklen Nebenstraßen, gesäumt von kalten, grauen Betonwänden und zerbrochenen Glasscherben.
Die Jagd hatte begonnen, und jeder Schlag war ein Tanz mit dem Tod.
„Du kannst nicht entkommen“, baritonierte dieselbe kalte Stimme, deren Klänge wie Eis splitterten.
Yannis schmunzelte. „Ich muss nicht entkommen. Ich werde jagen.“
In dem Moment formte sich ein flirrendes Muster aus Schatten an seiner rechten Seite. Ein großer, stämmiger Soldat, bewaffnet bis an die Zähne, schien sich fast lautlos zwischen den verlassenen Autos zu bewegen.
Yannis spürte, wie eine Aura der Gefahr ihn umgab. Er war nur noch eine Zehntelsekunde von der Falle entfernt.
Und dann, plötzlich, stürzten zwei weitere Killer aus der Dunkelheit hervor – hoch technisiert, mit verbissenen Augen hinter ihren Visieren, jede ihrer Bewegungen tödlich präzise wie ein Schachzug im Spiel um Leben.
Die Stille zerbarst in kreischendem Chrom und rotglühenden Klingen.
Yannis’ Welt verengte sich auf den nächsten Atemzug, auf das Brüllen seines Herzschlags.
Ein einziger Schlag – und alles würde enden.
Doch noch bevor die Messer auf ihn zufuhren, ertönten Schritte.
Die Tür zur Gasse wurde von unten aufgerissen.
Ein Schatten, größer als jeder Soldat, trat hinein.
„Warten“, sagte die Stimme, und auch Yannis erkannte sie.
„Ich bin genauso interessiert daran, diesen Wettlauf nicht zu verlieren.“
Eine kurze Pause entstand wie ein geplatzter Herzschlag.
Der Tod wartete ungeduldig.
Doch eine Frage blieb offen.
Wer wird als erstes von Viktors Killern zuschlagen?
Ende Kapitel 9.