Chapter 8
Kapitel 8 Der Blutpakt wird offenbart
Das Flüstern der Nacht drang wie ein kalter Hauch durch das gekippte Fenster seines Wohnzimmers. Yannis starrte ins Dunkel, während die Schatten der Zimmerpflanzen zitterten und sich wie lebendig um seine Silhouette wanden. Seine Finger krallten sich in den Stoff der Couch, die Muskeln angespannt, als hätte jeder Herzschlag Gewicht von Stahl.
Die Worte aus dem letzten Fragment hatten sich wie ein Sprengsatz in seinem Innern eingenistet. „Das verlorene Puzzle begann sich zu bewegen.“ Ein unheilvolles Versprechen. Und das Bild, das sich in seinem Kopf formte, war weder klar noch freundlich. Die Wahrheit, tief in seinem Schatten vergraben, drohte, ihn zu zerreißen.
Statt das Glas Wasser zu greifen, blieb Yannis regungslos sitzen. Sein Atem war flach und unregelmäßig, als ob schneidender Frost die Lunge zusammendrückte. Hinter den Lidern tanzten Bilder auf, flackernd wie Funken aus einem sterbenden Feuer. Eine alte, knarrende Tür. Das letzte helle Licht vor unkalkulierbarem Dunkel. Eine Stimme. Sein eigener Nachname.
Ein changierendes Gefühl aus Furcht und Neugier trieb ihn voran. Er griff nach dem kleinen braunen Umschlag auf dem Couchtisch — eingeritzt mit dem Wappen der Kühn-Familie, das er so oft nur schemenhaft auf Fotos gesehen hatte. Die Tinte war alt, das Papier vergilbt und von schwerer Qualität. Langsam öffnete er den Umschlag, seine Finger zitterten kaum merklich.
Darinnen lag ein pergamentartiges Dokument, das seine Augen sofort fesselte. Geschrieben in eleganter, fast vergessener Schrift, dessen Verzierungen funkelten, als wollten sie ein Geheimnis hüten, das tief in seinem Blut schlummerte.
Er begann zu lesen.
„Blut verbindet mehr als Familienbande. Es bindet Seelen, Webt Bündnisse zwischen Licht und Schatten, die das Gleichgewicht dieser Welt erhalten. Wer den Pakt annimmt, trägt nicht nur Macht, sondern auch die Bürde der Ahnen.“
Eine Gänsehaut stieg von seinen Handflächen bis zum Nacken empor. Die Zeilen atmeten Geschichte, Dunkelheit und... Verpflichtung.
Am Ende des Dokuments war ein Siegel eingeprägt — ein Kreis mit ineinander verschlungenen Runen, so komplex, dass Yannis den Geist spürte, der dahinter lauerte. Ein uralter Schwur, gebunden an das Blut seiner Vorfahren.
Seine Gedanken rasten. War das die Quelle seiner Kräfte? Das „System“, das er empfangen hatte – war es kein zufälliger Segen, sondern ein geerbter Fluch? Die Legenden, die seine Mutter nie ausgesprochen hatte, begannen sich mit eisernem Griff in seinem Bewusstsein zu verankern.
Doch plötzlich knackte die Eingangstür. Ein kalter Schauer schoss über seinen Rücken. Instinktiv griff er nach der Tischkante, sein Bauch zog sich zusammen. Die Schritte waren schwer, bedacht, fast... zu bekannt.
„Yannis?“ Die Stimme war ein Messer, scharf und vertraut zugleich. „Du lässt aber auch wirklich keinen Moment Ruhe, was?“
Viktor Stein trat ins Licht, die Konturen seines Gesichts verborgen in der Dunkelheit, die von der Straßenlaterne vor dem Fenster gebrochen wurde. Ein Lächeln kreiste um seine Lippen, mehr Verheißung als Freude.
„Ich wusste, dass du hier bist. Und ich weiß, was du gefunden hast.“ Seine Augen funkelten, als hätten sie die schwerste Offenbarung längst erwartet — oder selbst erhofft.
„Dieser Pakt“, fuhr er fort, „ist der Schlüssel. Nicht nur zu deiner Macht, sondern auch zu meiner Zukunft.“ Er trat einen Schritt näher, die Luft zwischen ihnen prickelte vor Spannung.
Yannis’ Herz trommelte gegen die Brust, ein dumpfer Widerhall in der Stille. „Was willst du, Viktor?“
„Das, was wir beide wollen. Kontrolle. Über das System, über die Dungeons, über die Welt.“ Sein Lächeln wurde düster, fast unheilvoll. „Und ich biete dir eine Wahl. Begleite mich. Oder vernichte das, was du noch von dir halten willst.“
Ein kalter Hauch ließ Yannis die Stirn kräuseln. Ein Blick auf das Pergament, das er fest umklammerte, genügte ihm – der Blutpakt, uralt und ungebrochen, war weit mehr als eine Vereinbarung. Er war eine Kette. Eine Bürde, die ihn entweder zu mächtigem Aufstieg führen oder in Abgründe reißen würde.
„Was passiert mit mir, wenn ich diesen Pakt annehme?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
Viktor grinste, dieses Mal ohne jede Höflichkeit. „Du wirst sehen. Aber eines kann ich dir versprechen: Nichts in dieser Welt kommt ohne Preis.“
Die Tür klickte leise, und in Yannis’ Brust brannte die Frage, die keine Ruhe finden wollte:
Welche dunkle Bürde bringt dieser Pakt mit sich?
Ende Kapitel 8.