Chapter 3
Kapitel 3 Erste Schritte im Schatten
Das Dröhnen in seinen Ohren ließ mit einem Mal nach. Die drückende Stille, die ihm im Nacken saß, machte die Haut auf seinen Armen kribbelig – als hätten unsichtbare Augen jeden seiner Atemzüge beobachtet. Yannis presste die Lippen zusammen, spürte, wie sein Herz gegen sein Brustbein schlug, als wollte es sich losreißen. Der Schwellenbereich vor dem Dungeon lag vor ihm wie ein dunkler, verschlungener Schlund, der alles Licht verschluckte.
Ein kalter Luftzug schlug ihm entgegen, roch feucht und modrig, wie ersticktes Moos auf altem Stein. Jeder unbewusste Schritt auf dem zerklüfteten Boden klang zu laut in der engen Öffnung. Yannis atmete tief ein, die Zunge tastete den trockenen Mund ab.
Du musst da rein, flüsterte das System mit steriler Stimme in seinem Kopf.
Das unscheinbare Interface am Rand seines Blickfelds schaltete sich ein. „Dungeon betreten. Ziel: Level 0 – Tiefste Kammer. Status: Bereit.“
Jeder Muskel in seinem Körper spannte sich an. Seine Finger umklammerten instinktiv das abgetragene Holzstück, das er als Holzschwert auserkoren hatte – mehr ein Symbol als Waffe, doch es war alles, was ihm blieb.
Die Schwelle durchschritten, rauschte kalte Luft an ihm vorbei. Dunkelheit schluckte alles, außer den schwachen Lichtschein, den das System ihm zur Orientierung projizierte – eine matte, grüne Linie, die wie eine zitternde Ader auf dem Boden pulsierte. Sein Blick tastete die Schatten ab, zwischen den Röhren und Steinen des längst vergessenen Dungeons.
Ein leises Scharren ließ ihn inneharren. Sein Herzschlag beschleunigte sich, die Finger krallten sich um den provisorischen Griff. Aus der Finsternis kroch eine Kreatur empor – zerfleddert, mit glitschigen Muskeln und Augen, die im Halbdunkel schimmerten, als würden sie das kleinste Stück Leben verschlingen wollen.
Es war ein verwundeter Goblin.
Das Monster glitt auf ihn zu, mit einem bissigen Knurren, das sich durch die steinernen Wände fraß. Ein fauliger Duft aus Verwesung kratzte in Yannis’ Nase.
Instinkt ließ ihn den Holzknüppel heben. Die Kreatur stammelte ein heiseres Knurren, bevor sie zum Sprung ansetzte.
Klick.
Das System meldete eine neue Option.
„Kampfstil aktivieren: Schattenläufer.“
Eine Welle eiskalter Energie jagte durch Yannis’ Arme, als wäre er plötzlich mit einem unsichtbaren Kampfgeist verschmolzen. Die Bewegungen der Kreatur verlangsamten sich — oder war es seine Wahrnehmung, die schärfer wurde? Jeder Muskel spannte sich, jede Faser seines Körpers brannte nach einer Explosion aus Adrenalin.
Die Kreatur griff an – seine linke Schaukelhand wich aus, das Holzstück sauste gegen die schuppige Schulter. Ein dumpfer Schlag, der mehr Glück als Können war.
Das Monster jaulte auf, taumelte rückwärts, bevor es erneut anstürmte, scharfes Gebiss flehend nach Fleisch suchend.
Yannis sprang zur Seite — ein Schatten in der Dunkelheit –, der Boden unter seinen Füßen fühlte sich plötzlich weniger fremd an. Seine Sinne waren klar, als hätte ein Schalter in seinem Kopf sich umgelegt.
"Keine Angst", murmelte er in der knisternden Stille.
Sein Fuß knallte auf den Steinboden, das System vibrierte. Schattenläufer-Fähigkeit aktiviert: „Schattenritt“.
Ein Nebel aus schwarzem Dunst schien aus seinem Körper auszutreten, nahm ihn kurz auf und warf ihn vorwärts. Mit dem Puffer eines geisterhaften Schattens schoss er unter dem Angriff hindurch und landete direkt hinter dem Goblin.
Die Kreatur drehte den Kopf, doch bevor sie reagieren konnte, sauste Yannis’ Holzschwert mit unbändigem Willen nach vorne – es traf den Hals, der Stoß riss eine klaffende Wunde.
Ein keuchendes Röcheln brach aus dem Goblin hervor.
Sein Körper sackte auf den Boden, fiel in einen Haufen blassen Wassers und modernder Erde.
Yannis’ Brust hob und senkte sich heftig, kalter Schweiß stand auf der Stirn. Er hielt den Atem an, blickte auf den leblosen Körper vor sich.
„Das war… dein erster Kampf“, sagte das System, emotionslos, doch in seiner Stimme klang der Unterton von Wachstum.
Sein Herz schlug wild, die Kälte der Realität schnitt in seine Haut: Das hier war erst der Anfang.
Langsam senkte er das Schwert.
Doch dann schlug das System eine weitere Nachricht auf seinen Befehlsschirm.
„Erstes Opfer erkannt. Energieverbrauch: 10%. Willst du die Lebensessenz extrahieren?“
Yannis’ Kehle schnürte sich zu.
Lebensessenz? Was bedeutete das für ihn? Für die Kreatur?
Er wagte nicht, zu antworten. Die Dunkelheit um ihn schien dichter zu werden, als würde etwas in den Schatten reglos auf seine Entscheidung warten.
Der kalte Atem eines unsichtbaren Schicksals legte sich auf seine Nackenhaare.
Und tief in seinem Inneren wusste er: Dies war nicht nur ein Sieg.
Es war der erste Preis, den er für seine neue Macht zahlen musste.
Ein leises, unerbittliches Pochen begann unter seiner Haut, die Schatten lachten stumm, als die Tür zum nächsten Alptraum einen Spalt weit aufschwang.
Plötzlich ein Knacken, näher, direkt hinter ihm.
Yannis riss sich herum –
Doch was er sah, ließ seinen Geist erzittern.
Ende Kapitel 3