Chapter 15
Kapitel 15 – Die Maske des Mentors
Das metallische Flirren der Klinge schnitt durch die erstarrte Stille wie ein scharfer Schnitt ins Fleisch. Yannis taumelte zurück, der kühle Stahl strich nur einen Zentimeter neben seinem Gesicht vorbei, als ein Schatten wie ein Raubvogel zuschlug.
Seine Lunge brannte, sein Herz hämmerte seltsam hallend in den Ohren. Die Welt verschob sich – kein Platz mehr für Zweifel. Nur noch Kampf.
Viktor stand da, die Lippen zu einem dünnen, gelangweilten Lächeln verzogen. Sein Blick war messerscharf, durchdrang Yannis wie ein kaltes Skalpell. „Erinnerst du dich, Yannis?“ Seine Stimme war tief und ruhig, als ob er ein vergessenes Traumfragment ausgrub. „An die Lektionen, die ich dir gab. An die Nächte, in denen du unter meinem Schatten gefallen bist.“
Yannis’ Hände verkrampften sich um den Griff seiner eigenen Waffe, doch sein Körper war erstarrt vor einer bitteren Erkenntnis, die wie Eis unter die Haut kroch.
Viktor – sein Mentor, sein erster Lehrer im Umgang mit dem System – stand ihm gegenüber. Ein Mann, den Yannis einst vertraut hatte, der ihm die ersten Schritte auf diesem dunklen Pfad gezeigt hatte.
„Warum…?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein gepresstes Flüstern. „Warum hast du mich verraten?“
Ein tiefer Schatten zog über Viktors Gesicht, als er einen Schritt nähertrat. Die Düsternis um ihn schien förmlich zu atmen, sich mit seiner Präsenz zu verbinden. „Du bist nützlich, Yannis. Eine Waffe, die ich schleifen konnte. Aber Waffen sind nur so gut wie der Wille, der sie führt. Und deiner… war schwach.“
Yannis spürte, wie die Wut wie Lava in seinem Brustkorb aufstieg, heiß und bedrohlich. Doch gleichzeitig nagte eine bittere Wahrheit an ihm: Er war ein Werkzeug gewesen. Nur ein Spielstein in einem viel größeren Schachzug.
„Du hast mich belogen,“ zischte er, „von Anfang an!“
„Lügen sind die Sprache der Mächtigen,“ erwiderte Viktor kalt, der Schatten hinter seinen Augen glühte in einem finsteren Feuer. „Ich wollte die Welt nicht zerstören – ich will sie beherrschen. Und fürchte dich nicht, Yannis. Ich habe dir mehr gegeben, als du dir eingestehst. Eine Führung, die niemand sonst hatte. Ein System, das jeder fürchten wird.“
Yannis’ Blick wanderte unwillkürlich zu seinem eigenen Arm, wo sein System offenbarte: Level 0, Aufstieg des Schattenläufers. Ein Pfad, den Viktor ihm einst geöffnet hatte, doch der ihm nun so viel Schmerz brachte.
„Du bist nicht die Zukunft,“ fuhr Viktor fort, „du bist das Relikt der Vergangenheit. Ich werde die nächste Generation schaffen – eine Legion, die niemand aufhalten kann.“
Der Raum schien zu erzittern, als Viktor das Wort „Legion“ aussprach. Eine kalte Brise kroch den Hals hinab, das Licht flackerte wie der letzte Atemzug einer sterbenden Flamme.
Yannis spürte die Schwere der Entscheidung, die vor ihm lag. Konnte er diesem Mann, dem er einst vertraut hatte, noch gegenübertreten? Konnte er gegen den Schatten kämpfen, der ein Teil von ihm war – der Teil, den Viktor ihm geschenkt und genommen hatte?
Da blieb die Luft plötzlich stehen. Ein Lächeln umspielte Viktors Lippen, kalt und triumphierend.
„Sag mir, Yannis,“ flüsterte er, „was ist es, das dich wirklich antreibt? Rache? Macht? Oder die Hoffnung, dich selbst zu retten?“
Ein tropfendes Geräusch ließ Yannis’ Kopf in die Richtung einer metallischen Tür neben ihnen fahren. Die Schatten bewegten sich fast willkürlich, doch etwas in der Atmosphäre spannte sich an, als die Dunkelheit eine weitere, verborgene Präsenz ankündigte.
Kein Rückweg mehr, keine Ausflüchte.
Yannis musste verstehen – warum hatte Viktor ihn verraten? Welche finsteren Motive lagen hinter dem eisigen Blick seines Mentors?
Ein eisiger Knoten breitete sich in Yannis’ Magen aus.
Und die Maske des Mentors begann sich zu lösen.