Chapter 13
Kapitel 13 Verlorene Verbündete
Der kalte Stahl vibrierte noch in Yannis’ Hand, als der letzte Schatten des Gegners zu Boden sackte. Blut sickerte in die Ritzen der dunklen Halle, färbte den staubigen Boden tiefrot. Sein Atem rasselte wild, die Brust brannte, als hätte jemand eisige Finger um sein Herz gelegt und zudrücken wollen. Schweiss klebte ihm an der Stirn, mischte sich mit dem metallischen Duft, der in der Luft hing.
Kein Triumph. Kein Moment zum Verschnaufen.
„Komm, wir haben keine Zeit!“ flüsterte eine Stimme knapp neben ihm, so leise, dass sie fast in das Poltern seiner eigenen Herzschläge unterging.
Yannis drehte sich abrupt um. Mika, sein treuer Gefährte seit den Anfängen im Dungeon, stand dort, von Schatten umgarnt, mit funkelnden, entschlossenen Augen – aber sein Blick war trügerisch. Sie sahen aus, als ob sie den Druck der Gefangenschaft überstanden hätten, aber die feinen Züge um seine Kiefer, die bleiche Haut, die blassen Hände verrieten ein anderes Bild: Er war erschöpft, ausgelaugt.
„Bist du okay?“ Yannis lief ein kalter Schauer über den Rücken, als er Mika erreichte und dessen Arm stützte.
„So okay, wie man es nach vier Tagen in Viktors Kerkern sein kann“, keuchte dieser bitter. Er warf einen schnellen Blick über die Schulter, als hätten sie den Raum, in dem sie sich befanden, nicht nur betreten - sondern irgendetwas beim Lauschen befürchtend.
Yannis nickte, obwohl eine Welle von Wut und Hilflosigkeit ihn packte. Viktor Stein – der Mann, der die Realität wie ein Puppenspieler neu ordnen wollte, hatte Mika womöglich an den Rand des Wahnsinns getrieben.
„Was hast du herausgefunden?“, drängte Yannis und führte Mika in die dunkle Ecke eines verborgenen Ganges des Dungeons. Dort war die Luft feucht, schwer von Moder und kalter Erde.
Mika zögerte einen Moment. Sein Blick verrann in der Dunkelheit, als kämpfte er gegen einen Sturzflut von Erinnerungen an. „Sie... hatten vor, mich als Köder zu benutzen. Ein Lockmittel, um dich herzulocken. Viktor will dich brechen, Yannis. Er glaubt, wenn er dich zerbricht, fällt auch das System in seine Hände.“
Yannis schluckte. Das System — das unsichtbare Netzwerk aus Macht und Möglichkeiten, das ihn zu dem gemacht hatte, was er nun war – war gleichzeitig seine größte Hoffnung und seine größte Gefahr.
„Die anderen?“, fragte er, die Stimme niedriger Tonlage, „Wie viele sitzen da noch drin?“
„Zu viele“, sagte Mika mit bitterem Lachen. „Aber du bist anders. Du bist das Einzige, was Viktor nicht kontrollieren kann. Wenn du ihn angreifst, fällt seine ganze Illusion. Deshalb will er deinen Geist zerreißen, bevor du das tust.“
Ein dumpfes Geräusch hallte durch den Gang, vorsichtiges Kratzen, als ob jemand gegen Stein klopfte — ein Geheimcode, vielleicht? Yannis’ Sinne schärften sich augenblicklich. „Vorsicht“, sagte er streng. „Verdammt still hier. Womöglich hat er Wachen geschickt.“
Mika nickte und das Gewicht seiner Müdigkeit wich einer scharfen Alarmbereitschaft. Sie bewegten sich weiter in die Schatten, vorbei an verrotteten Ketten, gesprungenen Fackeln und zerbrochenem Metall. Überall dieser dumpfe Geruch von Angst. Ein Geruch, der in ihre Poren kroch.
Plötzlich blieb Mika abrupt stehen, griff nach Yannis’ Arm, so dass die Fingernägel sich leicht in der Haut gruben. „Da hinten“, flüsterte er.
Ein schmaler Lichtschein schimmerte aus einem Fenster, das in einen kleinen Käfig mündete – ein Käfig, dessen rostige Gitterstäbe kaum mehr als ein seidenes Spinnennetz gegen die Dunkelheit waren. Und darin, zusammengesunken, saß eine Gestalt.
Yannis’ Herz schlug bis zum Hals. Die Silhouette war blass, doch der Umriss unverkennbar: Es war Leona. Seine Partnerin, seine Vertraute, die ihn vor Monaten in den Kampf begleitet hatte. Ihre Brust hob und senkte sich flach, als hätte sie kaum noch Kraft, doch die Augen – diese ungebrochene Glut in ihren Pupillen – luden zum Leben ein.
„Leona!“, flüsterte Yannis wie ein Gebet, doch bevor er näher treten konnte, hörten sie Schritte. Schnell. Schwer. Viktor oder seine Wachen.
„Zurück in die Schatten!“, raunte Yannis und zog Mika mit sich. Doch die Falle hatte sich bereits geschlossen.
Düsteres Lachen durchzuckte den Gang wie ein kaltes Messer.
„Denkt ihr wirklich, das wäre eine Rettung?“, hallte Viktor Stein aus dem Schatten hervor, schwarz wie die Nacht, mit einem Grinsen, das keine Menschlichkeit mehr besaß. „Leona ist nicht mehr die, die ihr kanntet. Sie hat ihre Freiheit in einem Pakt gegen ihre Seele eingetauscht.“
Yannis’ Blick wurde eisig, seine Hand ballte sich zur Faust. „Was hast du aus ihr gemacht?“
Leonas Augen weiteten sich. „Yannis...“, hauchte sie mit heiserer Stimme. „Lauf. Hier raus. Es ist... vorbei.“
Aber Yannis und Mika lösten sich nicht von der Stelle. Sie hatten zu viel verloren, um jetzt aufzugeben. Viktor trat vor, seine Präsenz erdrückte den Gang mit einem nahezu greifbaren Druck.
„Ihr seid lächerlich“, zischte er. „Ihr glaubt an Hoffnung in einer Welt, die längst von Macht neu geschrieben wurde. Wenn ich Leona zerstöre, zerstöre ich gleichzeitig das letzte Hindernis für meine Herrschaft.“
Yannis spürte, wie seine Handfläche gegen das hölzerne Knie an der Seite seiner Hose schwitzte. Das System reagierte – eine Warnung oder ein Versprechen. Er musste jetzt handeln. Für Leona. Für sich selbst. Für ein wenig Licht in dieser Dunkelheit.
„Wir werden dich stoppen“, sagte Yannis mit Kaltschnäuzigkeit, die er kaum fühlen konnte. „Auch wenn ich dadurch alles verliere.“
Viktor lachte erneut, kalt und vernichtend, und eine Bewegung genügte, um die Schatten um ihn herum wie lebendige Ketten auf Yannis und Mika zu schleudern.
Das letzte, was Yannis hörte, ehe Dunkelheit sie verschlang, war Leonas verzweifeltes Stöhnen – und dann ein unglaublich scharfes, unverkennbares Klicken.
Der Käfig verschloss sich automatisch.
„Wird die Rettung zum grausamen Verrat?“, flüsterte Yannis kaum hörbar, als die Realität ihm endgültig die Zähne zeigte.
Ihre Flucht war eine Illusion. Was Viktor geplant hatte, begann jetzt erst richtig.
Und im Schatten lauerte die Wahrheit, die alles verändern konnte – oder sie für immer zerstörte.