Chapter 12
Kapitel 12 Das Geheimnis der Dungeons
Der kalte Atem der Nacht kroch wie eine flüsternde Kälte in Yannis’ Nacken. Der feuchte Schatten, der sich vor wenigen Herzschlägen noch um ihn gelegt hatte, war nicht nur das Spiel von Licht und Dunkel, sondern eine greifbare Bedrohung, die seinen Herzschlag beschleunigte und die Sinne schärfte. Die Stille um ihn herum lastete schwer, unterbrochen nur durch das entfernte Echo der Stadt, das wie ein ferner Puls in der Dunkelheit pochte.
Sein Blick haftete auf dem zerknitterten Pergament, das er vor sich auf dem nassen Boden ausgebreitet hatte. Die alte Schriftrolle schien zu atmen, als wäre sie lebendig, jeder Buchstabe pulsierte fast, als wollten die Worte selbst ihm etwas zuflüstern.
Yannis’ Finger zitterten leicht, als sie über die verblassten, geschwungenen Zeichen glitten. Sein Verstand arbeitete schnell, während er die Krypta entschlüsselte, die vor ihm lag.
> „Vor langer Zeit“, las er mit rauer Stimme vor, „in einer Zeit jenseits der Erinnerung der Sterblichen, brach das Gleichgewicht der Welten. Ein Riss – eine Katastrophe von unermesslichem Ausmaß – riss das Gewebe der Realität entzwei und spie jene Dungeons in unser Reich.“
Die Worte hoben sich von der Dunkelheit ab, schwer wie Steine, die in seinem Magen lasteten.
Er spürte das Gewicht der Geschichte auf seinen Schultern, als jeder Satz eine neue Schicht des Geheimnisses offenbarte. Die Schriftrolle zeichnete ein Bild von Chaos, einer Urkatastrophe, deren Nachhall bis heute jede Faser der Welt durchdrang.
Doch noch tiefer als die Erzählung selbst fraß sich eine Frage in sein Bewusstsein: War das Schicksal wirklich so unvorhersehbar gewesen? Oder hatte jemand es gelenkt – gelenkt mit Absicht, mit grausamer Präzision?
Ein kalter Schauer jagte die Wirbelsäule hinunter, als ihm der Name einfiel, der sich wie ein Schatten in jedem Flüstern verbarg: Viktor Stein.
Yannis rollte die Schriftrolle vorsichtig zusammen, zwängte sie zurück in die Tasche seines Mantels.
Schritte hallten im Korridor hinter ihm, schwer und zielstrebig. Er war nicht alleine. Das Klirren von Metall gegen Stein hallte wie ein Warnruf.
„Du findest immer noch Zeit, dich mit alten Geschichten zu befassen“, knurrte eine Stimme, die so hart war wie zerbrochenes Glas.
Yannis drehte sich langsam um und stand Viktor Stein gegenüber, dessen Augen in der Dunkelheit glühten – ein bösartiges Leuchten, das sich wie Gift in Yannis’ Seele fraß.
„Warum tust du das?“, fragte Yannis mit einem Ton, der zugleich verzweifelt und fordernd war. Die Worte klebten in der Luft, ungeschützt und offen.
Viktor lächelte kalt, ein Schatten, der sich über seine Züge legte. „Du verstehst es nicht, Schattenläufer“, sagte er leise.
„Ich habe nicht nur zugehört, ich habe es erschaffen.“
Yannis’ Herz stockte. Ein Wirbelsturm von Fragen wirbelte in seinem Kopf. Hatte Viktor diese Katastrophe geplant? Hatte er die Dungeons aus purer Berechnung und Machtgier entfesselt?
Der Raum schien erstarrt in Erwartung, das Schweigen zersplitterte wie ein Glas unter Druck.
„Warum?“, presste Yannis hervor, als jeder Muskel in seinem Körper bereit war, zu kämpfen oder zu fliehen.
Viktor trat näher, seine Präsenz erdrückend. „Damit die Menschheit endlich erwacht. Nur durch das Chaos kann wahre Macht entstehen. Nur ich werde die Legion anführen, die sie alle beherrschen wird.“
Seine Stimme war ein Versprechen von Dunkelheit. Ein Versprechen, das Yannis’ Albträume mit scharfen Klauen durchbohrte.
Draußen begann der Wind zu heulen, als würde er selbst diese Enthüllung verschlingen. Es war kein Kampf mehr um Leben und Tod, nicht nur um Sieg – es war die Wahrheit, die zum Angriff blies.
Und Yannis wusste, dass sein Schatten zu wachen begann – nicht nur ein Werkzeug, sondern das letzte Bollwerk gegen einen Feind, der seine eigene Welt erschaffen hatte.
Im ersten Licht des neuen Tages könnte alles verloren sein.
Die Frage stand wie ein Dolch in der Luft:
Hat Viktor diese Katastrophe absichtlich herbeigeführt?
Das Flüstern der Dunkelheit antwortete nicht. Aber die Klinge in Yannis’ Hand bereitete sich auf den entscheidenden Schlag vor.
Ein weiterer Schritt. Ein weiterer Atemzug. Das Ende war nur eine Maske – der wahre Kampf begann jetzt.