Chapter 11
Kapitel 11 Der Schatten im Spiegel
Das Herz schlug ihm gegen die Rippen, als der Aufzug seitwärts mit metallischem Quietschen anhielt. Die Dunkelheit umschlang Yannis wie eine kalte, feuchte Decke. Kein Licht, kein Geräusch außer seinem keuchenden Atem und dem leisen Tropfen irgendwo in der Tiefe.
Plötzlich ein Knacken. Ein Schatten bewegte sich hinter der Scheibe der Aufzugskabine – spiegelglatt, doch verzerrt. Ein anderer Yannis. Gleiche Kleidung, dieselben Augen, aber... diese Bewegung, diese Haltung – schneidend, herausfordernd.
Eine Stimme, rau und gleichzeitig vertraut, durchbrach die schwere Luft. „Du glaubst wirklich, du kennst dich selbst?“
Yannis wich zurück, die Hand auf der Brust, um den Herzschlag zu beruhigen, doch der Druck stieg. In der Dunkelheit spiegelte sich sein Gesicht – oder besser das einer dunklen Version von ihm. Der Schatten lächelte kalt, ein Lächeln ohne Wärme.
„Wer bist du?“ fragte Yannis stockend.
„Ich bin das, was du vermeidest zu sein.“ Die Stimme tropfte wie galender Honig. „Der Zweifel, der tief in dir nagt. Die Angst, die du vergräbst. Der Schatten, der dein Licht verdunkelt.“
Yannis spürte, wie seine Knie weich wurden. Die Luft war plötzlich stickig, als würde der Raum schrumpfen, ihn erdrücken. „Ich... ich bin nicht schwach“, stieß er hervor.
„Doch gerade das ist dein größter Fehler“, erwiderte der Schatten und trat durch den Spiegel.
Die Oberfläche des Glases zerfetzte mit einem Knall, als der Doppelgänger die Menge der Realität durchbrach. Dunkle Aura schlängelte sich um ihn, Pulse von eisiger Kälte krochen die Wirbelsäule hoch.
Yannis wich zurück, den Rücken gegen die Wand gepresst. Im schwachen Licht des Aufzugs konnte er kaum unterscheiden, wo Schatten endeten und die Realität begann. Der Doppelgänger lächelte wieder – ein warmer Schein wäre besser gewesen, aber hier war nur kalte Finsternis.
„Du trägst das System in dir, ja. Aber es kontrolliert dich noch nicht. Deine Zweifel nähren ihn. Du bist nichts ohne deine Ängste.“ Wort für Wort wurde zu einer Peitsche, die in Yannis’ Geist schlug.
Die Wände schienen sich zu bewegen, als würde sich die Kabine in einem Albtraum verdrehen. Die Decke senkte sich, die Luft wurde dünn. Yannis rang nach Atem, aber es waren nicht nur der Pneumon, sondern die Verzweiflung, die wie ein kaltes Netz ihn zu fangen suchte.
„Warum tust du das?“ presste Yannis hervor, obwohl seine Stimme kaum mehr als ein Flüstern war. „Bist du hier, um mich zu zerstören? Oder um mich zu retten?“
Der Schatten trat näher. So nah, dass Yannis seinen kalten Atem auf der Haut spürte. Doch sein Blick war undurchsichtig wie schwarzes Glas. Dann, beinahe zärtlich, legte die dunkle Gestalt eine Hand auf Yannis' Schulter.
„Ich bin, was du sein musst“, sagte er leise, „wenn du überleben willst. Der Krieg im Innern ist der härteste von allen. Und ich bin dein Schwert und dein Schild.“
Für einen Moment hob sich die Schwere in Yannis’ Brust. Hoffnung flackerte auf, brechend und brüchig. Ein Verbündeter? Oder eine Falle?
Dann hob der Schatten eine Hand und küsste die Stelle auf Yannis’ Brust, direkt über dem Herzen. Die Berührung brannte wie Eis. „Doch wenn du mich ablehnst… wirst du gegen dich selbst zerbrechen.“
Ein Knall hallte durch die Kabine. Die Aufzugtür fuhr langsam auf – Licht und Realität stürmten herein wie ein Kampftrupp nach einem langen Belagerungstag. Im grellen Licht stand niemand.
Nur die Schatten – noch einige Herzschläge entfernt – waren verschwunden.
Yannis stand zitternd, unfähig zu begreifen, was geschehen war. Sein Herz jagte, seine Gedanken überschlugen sich. War der Schatten wirklich ein Teil von ihm – ein innerer Dämon, eine Manifestation seiner Angst? Oder war er etwas Fremdes, etwas Böses, das seinen Verstand zerfrisst?
Er trat auf den Flur hinaus, die kalte Luft schlug ihm ins Gesicht wie ein Schlag. Die Stille um ihn herum war so tief, dass er jeden Herzschlag hören konnte.
Ein leises, fremdes Flüstern schlich sich in sein Ohr, kaum hörbar, doch mit einem Versprechen von Verderben oder Erlösung:
„Willkommen im wahren Kampf, Yannis. Es gibt kein Zurück mehr.“
Die Tür schloss sich hinter ihm mit einem klirrenden Echo.
Verharrend, nur wenige Schritte von der Dunkelheit und seinem eigenen Schatten entfernt, fragte Yannis sich, ob er einen Verbündeten gewonnen oder seinen todbringenden Feind getroffen hatte.
Und dann… kroch das Gefühl tief unter die Haut: Die Nacht war noch lange nicht vorbei.