Chapter 10
Kapitel 10 Hinterhalt im Dunkel
Ein stechendes Geräusch schnitt durch die Schwärze der Nacht. Der zersplitternde Klang von Glas, durchbrochen von hektischem Flüstern und dem dumpfen Klang von festen Schritten auf Kies.
Yannis‘ Herz hämmerte so laut, dass er glaubte, jeder seiner Schläge würde wie eine Explosion durch seine Brust dringen. Seine Lunge brannte, als er sich gegen die nasse Mauer eines verlassenen Lagerhauses presste, die Hände zittrig an der Runzel der Jacke.
„Sie sind hier. Du hast keine Zeit.“ Die Stimme in seinem Ohr war rau, gedämpft durch das Funkgerät an seinem Kragen.
Yannis spürte, wie der Schweiß ihm über die Stirn rann, der Geruch von Öl und kaltem Asphalt mischte sich in der Luft mit dem fauligen Aroma oft vergessen zurückgelassener Straßen. Erst jetzt realisierte er, wie still die Welt hier war – ein trügerischer Stillstand vor dem Sturm.
Drei Schritte entfernt krachte eine Tür auf. Metall schlug auf Metall, begleitet vom dumpfen Geräusch schneller Bewegungen.
„Festhalten, wir sind umzingelt!“ Das Flüstern war kaum mehr als ein raschelndes Rascheln. Yannis schluckte, spürte den festen Griff an seinem Arm, doch bevor er reagieren konnte, hatte sich ein Schatten von hinten auf ihn gestürzt.
Seine Waffe blitzte kurz auf – ein kaltes, grelles Licht in seiner Peripherie. Reflexartig duckte er sich, spürte, wie der Schlag den Boden nur Zentimeter vor ihm zersplitterte, schwarze Splitter durch die Luft wirbelten.
„Verdammt!“ rief er und sprang zurück, während seine Finger die Klinge an seinem Gürtel suchten.
Die Angreifer kamen näher – schwer bewaffnete Männer, ihre Gesichter von Kapuzen verdeckt, Augen kalt und unerbittlich. Jeder Schritt ein Versprechen von Schmerz.
Yannis’ Atem war kurz, hart. Die vernarbten Hände gekrallt, bereit, sich in die Flucht zu werfen oder zu kämpfen. Er wusste, aus dem offenen Raum gab es keinen Ausweg – oder besser gesagt: nur den Tod.
Doch dann blitzte in seinem Kopf das System auf: Level Up – Schattenläufer-Modus aktiviert.
Ein kaltes Prickeln lief die Wirbelsäule hinab. Plötzlich verstärkte sich Yannis’ Wahrnehmung. Geräusche wurden klarer, Schatten formten sich zu potenziellen Pfaden. Sein Körper reagierte schneller, jede Bewegung geschmeidig, präzise.
„Weg hier!“ presste er hervor und rannte los, die Dunkelheit als Verbündete nutzend.
Zwei Gegner verengten den Kreis. Einer schrie etwas Unverständliches. Die Klinge eines Messer blitzte kurz, traf Yannis am Unterarm. Ein scharfer Schmerz zuckte durch seine Nerven, doch er wandte sich nicht um.
Der Beton unter seinen Stiefeln vibrierte mit jedem Schritt. Er wusste, der Hinterhalt war geplant – aber von wem? Viktor? Nein – das war zu offensichtlich. Irgendjemand näher, jemand, der seine Spuren zu kennen schien.
Seine Flucht führte ihn in ein Labyrinth aus verlassenen Gängen und verschlossenen Türen. Jeder Schritt war ein Tanz am Abgrund, jeder Atemzug verriet seine Position.
Vor ihm ein alter Lastenaufzug, rostig, scheinbar außer Betrieb. Ohne zu zögern, sprang er hinein, riss die rostige Tür zu.
Das Quietschen war lauter als erwartet. Sekunden später erschraken seine Verfolger. Blitzlichtartig erfasste Yannis das Gewicht des Aufzugs, die korrodierte Mechanik.
Mit einem Ruck setzte der Aufzug sich in Bewegung – ruckartig, launisch.
„Verflucht!“ knirschte eine Stimme hinter der Tür. Schritte trollten sich zurück. Doch noch immer waren sie nah, zu nah.
Yannis presste den Rücken gegen die kalte, zerschlagene Aufzugswand. Sein Herz raste, die Wunde am Arm brannte Säfte in die Haut. Die kalte Luft schmeckte nach Rost und verrosteten Träumen.
„Wer ist da?“ piepste eine Stimme aus dem Funkgerät. Es war Leona. Panisch, atemlos, doch mit einem Unterton von Entschlossenheit.
„Hinterhalt. Fünf Mann, schwer bewaffnet. Wenn ich es nicht schaffe, rette euch.“ Seine Stimme war ein Flüstern, rau vor Anstrengung.
Draußen hallten Schritte, Stimmen schwollen an und fielen wieder ab – ein Spiel aus Nähe und Entfernung.
Der Aufzug ruckte erneut – langsamer diesmal, dann fiel der Strom aus.
Schwarze Finsternis.
Yannis’ Augen passten sich an die Dunkelheit an. Das Summen des Systems in seinem Kopf war sein einziger Halt. Ein leiser Ping meldete eine Nachricht: Warnung: Verrat erkannt. Quelle unbekannt.
Ein kalter Schauder kroch seinen Nacken hoch. Wer hätte ihn verraten können, wenn nicht jemand aus dem näheren Umfeld?
Sein Blick fixierte das verkratzte Metall. Die wenigen Sekunden Ruhe zerrannen wie Sand zwischen den Fingern.
Der Aufzug knirschte und ächzte, dann hörte er das Knacken von Funken. Ein kurzer Stromstoß, bevor er abrupt stehenblieb.
Mit einem dumpfen Schlag fiel Yannis zu Boden. Das Herz hämmerte, ein kaltes Ziehen ergriff ihn – nicht nur aus Schmerz, sondern Angst.
Aus der Dunkelheit hinter der Aufzugstür erklang plötzlich das leise Klirren von Metall.
Eine dunkle Silhouette glitt hinein, der Schatten eines Mannes.
„Willkommen im Netz, Yannis.“
Die Stimme war ruhig, aber tödlich. Ein Lächeln blitzte kurz auf – kalt, kalkuliert.
In diesem Moment realisierte Yannis, dass der wahre Feind nicht nur draußen wartete. Er war längst in seinem Kreis, bereit, zuzustoßen.
Sein Atem stockte.
Konnte er diesem Netz aus Verrat und Gewalt entkommen? Oder war der Schatten, den er jagte, bereits seinen Atem spürbar nah?
Das letzte Licht im Aufzug erlosch – und die Dunkelheit schluckte ihn ganz.