Chapter 4
Kapitel 4 Der Schatten des Vorstandsvorsitzenden
Draußen waberte die schwere Luft des späten Abends über die Glasfassade des Türmchens. Lara stand regungslos in dem engen Flur, während sich das Klicken der Tür hinter Janine in ihrem Ohr verfing – ein dunkler, endgültiger Klang, der wie ein Signalwirbel durch ihre Gedanken raste.
Das Summen begann. Ein tiefer, vibrierender Ton, kaum hörbar, aber drängend. Wie ein Herzschlag aus Metall, der in den Wänden des Gebäudes pochte.
Laras Finger krallten sich in die kühle Wand hinter ihr, die plötzlich wie Eis anfühlte. Ein Flimmern überzog ihre Netzhaut, die Luft schmeckte nach Ozon, wie vor einem Gewitter – die Anspannung war greifbar, sogar chemisch.
„Was zum…?“ Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern, ihr Atem schnell und unregelmäßig.
Vor ihr öffnete sich die Tür einen Spalt. Ein Schatten formte sich in dem schmalen Lichtstreif, schwarzumhüllt und unergründlich. „Keine Angst, Lara.“ Die Stimme war tief, ruhig und doch mit einem gefährlichen Unterton, der jede Faser in ihrer Wirbelsäule gefrieren ließ.
Die Tür schwang mit einem widerstandslosen Klick ganz auf. Viktor Brandt trat ein. Seine Präsenz füllte den Raum wie eine dunkle Wolke, die das spärliche Neonlicht aufsog und Schatten ins Gesicht warf, die kein Lächeln zuließen.
Er war perfekt gekleidet in einem maßgeschneiderten schwarzen Anzug, der im Licht fast zu verschwinden schien. Das Gold der Manschettenknöpfe reflektierte kalt, als ob sie selbst lebendig wären – kleine Funken in der Dunkelheit, die etwas Unerbittliches versprachen.
Lara blitzten zugleich Furcht und Trotz durch die Adern. Diese Begegnung war unausweichlich.
„Viktor.“ Ihr Ton war ein Schwert, scharf, vorbereitet. „Du kommst zu spät.“
Er schloss langsam die Tür hinter sich, das Geräusch hallte wie ein Fallbeil im Raum nach. „Ich komme nie zu spät, Lara.“ Das Lächeln, das sich in seine Züge schlich, war ein Messer – breit und eiskalt. „Ich komme genau dann, wenn die Zeit reif ist, um das Spiel zu beenden.“
Viktor trat einen Schritt vorwärts, und der Raum schien zu schrumpfen, zerquetscht unter der Schwere seiner Präsenz.
„Du weißt, warum ich hier bin.“ Seine Stimme senkte sich zu einem tödlichen Flüstern. „Deine Familie… dein Vermächtnis… das Imperium der König.“
Laras Hände ballten sich zu Fäusten, der Schmerz in ihrer Brust flammte auf, als hätte jemand die Narbe ihrer Kindheit aufgerissen. „Das Imperium fällt nicht, solange ich atme.“
Er lachte leise, ein humorloses Geräusch, das mehr spottete als erfreute. „Du hast noch nicht verstanden, welche Macht ich wirklich kontrolliere.“
Der Raum schien sich mit kalter Elektrizität aufzuladen, ein Kribbeln zog über Laras Haut bis in die Fingerspitzen. Die Monitore an der Wand flackerten kurz auf, dann zurück ins Dunkel.
Viktor zog ein silbernes Gerät aus der Tasche, leuchtend, futuristisch – ein Datenanhänger aus reinem Licht und Metall. „Das hier,“ sagte er langsam, als würde jedes Wort eine Drohung bilden, „ist der Schlüssel zu allem. Und du hast ihn nie finden können.“
Er legte das Gerät auf den Konferenztisch zwischen ihnen. Lara schaute hinab: Der Anhänger pulsierte rhythmisch, als würde er lebendig atmen.
„Wissen ist Macht, Lara. Und ich habe mehr über deine Familie erfahren, als du dir vorstellen kannst.“ Er lehnte sich vor, seine Augen blitzten wie kalte Feuer. „Jede Schwäche, jedes Geheimnis, jede Maske, die sie tragen. Ich kenne den Schatten, der über dem Haus König liegt.“
Ein Schaudern durchfuhr Lara, so tief und dunkel, dass es aus ihrem Innersten zu kommen schien. „Wie…? Wer hat dir das verraten?“
Viktor schüttelte langsam den Kopf, ein Zeichen purer Verachtung. „Das ist unwichtig. Wichtig ist nur, dass ich jetzt spiele. Und ich nehme für mich, was mir zusteht.“
In seinem Blick lag keine Gnade. Nur das kalte Versprechen von Krieg und Untergang.
„Dies ist dein letzter Warnschuss, Lara.“ Er machte eine ausladende Geste gegen das Fenster, das die Stadt in ein Meer aus flackernden Lichtern tauchte – glitzernde Türme, schwebende Drohnen, ein pulsierendes Netz aus Macht und Verrat. „Spiel weiter oder resigniere. Du gehörst nicht mehr zu den Königen. Du bist nur noch eine Figur in meinem Spiel.“
Lara schluckte, die Kehle trocken, ihre Gedanken rasten. Sie musste stärker sein, schneller. Mehr als nur ein Erbe – eine Kämpferin.
Als Viktor sich zum Gehen wandte, schien die Luft um sie zu frieren.
Doch dann hielt er inne, drehte sich langsam um, als ob ein letztes Stück Dunkelheit aus seinem Blick spricht: „Ich kenne deine Familie sehr gut, Lara. Sehr gut...“
Die Worte hingen in der Luft wie ein tödlicher Schleier.
Die Tür schloss sich hinter ihm mit einem letzten Klacken.
Lara blieb allein zurück. Ihr Herz schlug wild, doch sie wusste: Das Spiel hatte gerade erst begonnen.