Chapter 2
Kapitel 2 Familiengeheimnisse im Archiv
Das Klopfen an Laras Tür verhallte in der stillen Luft ihres Büros, aber es hatte ihr Herz in ihrem Brustkorb zum Rasen gebracht. Ihre Fingerspitzen zitterten leicht, als sie sich langsam vom Schreibtisch erhob. Das gefühlt ewig andauernde Pochen setzte sich fort, eindringlich, fast fordernd – und dennoch unsicher, als ob der Klopfende selbst zögerte.
Lara zog die Tür einen Spalt auf. Im Flur stand niemand. Nur der kühle, sterile Geruch des Hochglanzmarmors und das entfernte Summen der Klimaanlage begleiteten sie. Ihre Augen suchten reflexartig die Schatten, doch die Flure des Helix-Gebäudes waren so sterilisierend hell wie ein Operationssaal.
"Wer ist da?", rief sie mit einer Stimme, die stärker klang, als sie sich fühlte.
Keine Antwort. Nur das leise Knarren einer Sprache-Filtertür, die sich von selbst schloss. Sie beugte sich vor, ihr Blick fixierte den Boden. Dort lag, fein gefaltet auf dem makellos polierten Fliesen, ein Umschlag mit einem schwarzen Wappen, das sie nicht zuordnen konnte. Ihr Herz schlug schneller, während sie zögernd nach unten griff.
Das Papier war kühl und glatt, als sie es in die Hand nahm. Der Umschlag war schwerer als erwartet, dahinter verbarg sich ein einzelnes Blatt, auf dem in perfekter, neongrüner Schrift nur wenige Worte standen:
„Lara König – Nicht alles, was du zu wissen glaubst, ist wahr. Suche im Archiv. Die Dunkelheit ist näher, als du ahnst. Wachsamkeit kann dein Leben retten.“
Ein Schauer raste über ihren Rücken. Das Helix-Imperium, so glänzend und durchdrungen von moderner Technik, barg Geheimnisse, die tief wurzelten – und möglicherweise tödlich waren.
Sie schloss die Tür, ging zum Fenster und ließ den Blick über die Stadt schweifen. Der Sonnenuntergang spiegelte sich in den Glasfassaden der Wolkenkratzer, als wollte er die glitzernde Fassade bewahren, die sie seit ihrer Kindheit kannte. Doch Lara wusste jetzt, dass dahinter Abgründe lauerten.
Das Archiv. Es war der eine Ort, den ihr Vater, der verstorbene Patriarch der König-Dynastie, kaum je betreten hatte – zumindest offiziell. Lara selbst hatte nur flüchtige Andeutungen über verborgene Dokumente gehört. Jetzt fühlte sie, wie eine unsichtbare Hand sie dorthin zog.
Der Weg zum Archiv führte sie durch einen Dschungel hochmoderner Sicherheitsmaßnahmen: Gesichtsscanner, biometrische Barrieren und eine leise, allgegenwärtige Drohnenüberwachung. In jeder Ecke konnte sich Verrat verbergen.
Als sie den kahlen, schummrigen Raum betrat, empfing sie nur der Geruch von altem Papier, metallischem Kaltschweiß und einem Hauch von feuchter Moder. Die unzähligen Regale aus gebürstetem Stahl, akkurat und schlank, erstreckten sich entlang der Wände, gefüllt mit Akten und Datenchips – von Jahrzehnten firmeneigener Aufzeichnungen.
Lara holte den Umschlag hervor und suchte nach einer ersten Spur. Ihr Blick fiel auf ein kleines, unscheinbares Notizbuch zwischen den dicken Ordnern: der Einband trug das alte König-Wappen, verkratzt und verblasst.
Mit einem Gedanken an ihren Vater öffnete sie das Buch. Die Seiten waren randvoll mit handschriftlichen Einträgen – schlecht lesbar, geschrieben in hastiger, beinahe obsessiver Schrift. Zwischen den politischen Verhandlungen, strategischen Planungen und Bankvermerken stieß sie auf einen Satz, der wie ein Stich saß:
„Geheimprojekt Helix – Band 13: Abteilung Schwarzenfels. Befehl zur kompletten Vertuschung aller Vorfälle.“
Laras Herzschlag raste, und ihre Muskeln spannten sich. Sie ließ den Blick schweifen, bis sie stieß auf einen vergilbten, maschinengeschriebenen Bericht mit dem Titel „Sicherheitsvorfall 1992 – Todesfall intern“.
Das Dokument erzählte von einem Unfall – offiziell. Doch die Details stimmten nicht. Es war von einer Explosion die Rede, ungeklärten Verletzungen und geheimen Ermittlungen, die nie öffentlich wurden. Ein Name stand mehrfach kursiv unterstrichen: Viktor Brandt.
Lara presste die Lippen zusammen. Viktor Brandt – ihr erbitterter Gegner, dessen Machtgelüste sie um jeden Preis verhindern musste, hatte schon vor Jahrzehnten in den Schatten des Imperiums seine tödliche Saat gelegt.
Plötzlich vibrierte ihr Kommunikationsgerät unbarmherzig in der Hosentasche. Eine anonyme Nachricht – ohne Identifikation, nur eine Warnung, die ihr Blut gefrieren ließ:
„Hör auf, zu graben. Helix ist nicht nur ein Projekt. Es ist eine Waffe. Und du bist jetzt ein Ziel.“
Der Bildschirm erlosch. Das leise Brummen ging in der Stille unter.
Laras Atem stockte für einen Moment. Vor ihr lag mehr als nur Firmenpolitik. Sie hatte die Fäden gezogen, die eine Wahrheit gefangen hielten, die das ganze Imperium erschüttern könnte. Doch je tiefer sie einstieg, desto klarer wurde: Ihre Feinde kannten keine Gnade.
Ein scharfer, metallischer Klick hallte durch die Archive.
Sie erstarrte. Schritte näherten sich. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen. Die Schatten verdichteten sich auf bedrohliche Weise.
Bevor sie reagieren konnte, stockte eine dunkle Stimme neben ihr:
„Sie suchen also nach den Geheimnissen, Lara? Sei vorsichtig. Manche Türen sollte man für immer geschlossen halten.“
Ein kalter Luftzug jagte über ihren Nacken – und alles begann sich zu drehen.