Chapter 9
Kapitel 9 Die Götter in Zwist
Das Knirschen hallte nach, als wäre es in Elias’ Schädel eingebrannt. Sein Herz trommelte laut gegen die Rippen, der Atem schluckte trocken wie zerfurchte Erde in der Dürre. Blut pochte in seinen Schläfen, ein dumpfes Dröhnen, dem selbst der Wind draußen auf den Ruinen gewichen war.
Die Tür stand nur einen Spalt geöffnet, ein schmaler Schnitt Dunkelheit, aus dem die Schatten krochen wie lebendige Seelen. Elias spürte den kalten Hauch von uralter Präsenz, der durch das Spaltmaß sickert, eisig und heimtückisch zugleich. Sein Arm zuckte, der Wunsch, das Schwert zu umklammern, schien mit einem eigenen Willen zu erwachen.
Doch stattdessen blieb er starr, der Blick gestochen von etwas, das weit über menschliche Furcht hinausging.
„Elias...“
Die Stimme war leise und doch schneidend wie gebrochenes Glas. Ein Flüstern, das sich durch seine Gedanken wühlte und die dünne Grenze zwischen Realität und Albtraum zum Zerreißen brachte.
Elias drehte den Kopf langsam, und dort, im schwachen Licht des Tempels, stand sie – eine Gestalt, deren Augen wie Glut funkelten. Nicht menschlich, nicht ganz. Ihr Haar wirbelte wie Nebel um sie herum, und das Gewand schien aus einem Gewebe von Sternenstaub gewebt.
„Wer bist du?“ Seine Stimme klang rau, fremd.
„Ich bin Lysara, die Stimme zwischen den Welten, die Götterbotin des Zwists.“ Ihr Blick bohrte sich tief in seine Seele, unmöglich zu entkommen.
„Warum suchst du mich? Was willst du von mir?“
Ein bitteres Lächeln umspielte ihre Lippen. „Weil du, Elias Varn, nicht das bist, was du zu sein glaubst. Du bist ein Werkzeug in einem Spiel, das weit über dein Verständnis hinausgeht. Die Götter Eldranors – sie streiten, sie greifen nach Macht, und sie nutzen dich als ihren Bauern.“
Elias spürte, wie das kalte Gewicht dieser Worte in seine Brust sickerte. Ein Spiel? Ein Bauer? Er, der Krieger, der dunkle Erweckte, sollte nur eine Marionette sein? Ungläubigkeit und Zorn entflammten in seinem Inneren, wild und zerreißend.
„Das kann nicht sein“, knurrte er. „Ich bin kein Spielzeug für Götter.“
Lysara trat einen Schritt näher, die Aura um sie herum flackerte wie ein flüssiges Feuer in der Dämmerung. „Doch genau das bist du. Seit deiner Wiedergeburt sind ihre Augen auf dich gerichtet. Lord Malren Schattensturm fürchtet deine Existenz, weil du ein Teil ihres uralten Geheimnisses bist. Ein Geheimnis, das selbst sie in Zwist stürzt.“
Elias’ Hand ballte sich zur Faust, die Nägel gruben sich in die Haut. „Er wird mich nicht kontrollieren. Ich bestimme mein Schicksal.“
„Willst du das wirklich glauben?“ Lysaras Stimme wurde tiefer, dunkler, drohend. „Du spürst die Macht in dir, die dich zerrt, die dich zerstören kann, wenn du nicht vorsichtig bist. Die Götter kämpfen darum, wer dich lenken darf – doch sie verbergen dir die Wahrheit…“
Ein Schwall kalter Luft durchlief den Raum, wie ein Sturm, der aus der Tiefe des Kosmos emporstieg. Plötzlich schien der Tempel zu leben, Mauern ächzten, uralte Runen leuchteten auf mit einem Licht, das Elias ins Mark stach.
„Was für eine Wahrheit?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Krächzen, voller Verzweiflung.
„Dass du selbst eine Schöpfung ihres Zorns bist.“ Lysara hob die Hand, und ein Funke flog zwischen ihren Fingerspitzen hervor – ein leuchtendes Fragment, so fremd wie ein geheimer Traum.
Das Fragment wuchs, formte sich zu einer flackernden Vision: Ein Himmel zerrissen von Blitzen, Götter, die in wilden Kämpfen aufeinander prallten. Gleichzeitig, im Schatten, ein bösartiger Pakt, dessen Trennlinie von Blut und Verrat gezogen war.
„Du bist die Néant-Essenz, der verlorene Funke, der den Balancebruch bringen könnte. Kein Mensch, kein Gott – sondern eine lebende Brücke zwischen Welten. Und jeder will dich für sich beanspruchen.“
Elias schluckte, das Bild verschmolz zu einer einzigen Frage, die wie Frost in seiner Brust kroch:
War er wirklich frei, oder nur eine Marionette in einem göttlichen Puppentheater?
Der Gong aus der vorigen Nacht war nicht nur ein Ruf gewesen – es war das Echo der Götter in Zwist, ein Ruf an den Krieger, dessen Flamme mehr spaltete als vereinte.
Lysara trat zurück, das Licht dimmte sich, das Flüstern verklang, doch die Schwere in Elias’ Brust blieb.
„Wähle weise, Elias. Der nächste Schritt entscheidet, ob du der Sklave der Götter wirst – oder ihr Untergang.“
Das Flüstern verstummte. Die Trennung zwischen ihr und der Dunkelheit des Tempels war plötzlich starr und endgültig.
Elias stand allein mit der unaufhaltsamen Wahrheit – die Götter waren nicht seine Verbündeten. Und ihr Zwist würde ihn entweder zerreißen oder zu etwas machen, das selbst sie fürchten würden.
Ein hauchdünner Laut hinter der Tür ließ ihn erstarren. Schritte – feste, unerbittliche Schritte. Die Gefahr war näher als je zuvor.
Konnte er dem Netz der göttlichen Intrigen entkommen? Oder war jeder Atemzug, jeder Schlag seines Herzens nur der Tanz eines Spielballes im Schatten der Macht?
Mit einem Ruck griff Elias nach seinem Schwert.
Der Klang von Stahl, der aus der Scheide sprang, schnitt die erstickte Stille.
Die Tür knarrte, und ein kalter Blick traf ihn durch den Spalt.
In diesem Moment stand alles auf Messers Schneide.