Chapter 8
Kapitel 8 Verlorene Erinnerungen
Der Nebel legte sich wie ein kaltes Tuch um Elias’ Schultern, seine Gedanken wirbelten, schwer und wirr, während er unverhofft vor den Ruinen stand. Moosverdeckte Steine reckten sich aus dem Erdboden, geborsten und zerbröckelt, als hätten sie Jahrhunderte lang stumme Wachen gehalten.
Sein Herz trommelte laut gegen die Rippen, das Seitenlicht der langsam versinkenden Sonne warf lange Schatten über das verwitterte Steingemäuer. Der Wald war plötzlich nie so unnahbar und gespenstisch gewesen wie jetzt, als würde jeder Baum, jedes knarrende Zweiglein zugleich Zeuge und Wächter alten Schweigens sein.
Seine Finger krallten sich in die Kälte der Felsmauer. Das Flüstern der fremden Worte hallte in seinem Inneren nach. Warum sollte jemand seine Vergangenheit auslöschen? Und vor allem: Was verbarg sich hinter dieser Macht, die in ihm pulsierte wie ein verwundetes Tier?
Jeder Atemzug war schwer, doch er wusste – es gab keinen Weg zurück. Die Wahrheit lag verborgen in diesem Tempel. Ein uraltes Werk, geschaffen, bevor die Zeit begann, so sagten die Legenden. Hier würden Antworten lauern, jenseits von Schmerz und Schatten.
Er trat durch eine niedrige Steinpforte, das Holz der Tür war schwer und mit Runen überzogen, deren Kanten vom Zahn der Zeit abstumpften. Die Luft wurde kühler, fast geisterhaft. Der Geruch von feuchtem Stein und verfallendem Holz durchdrang seine Nasenflügel.
Im Inneren zog sich der Raum zu einer hohen Halle zusammen, vier Säulen, umrissen von verblassten Gemälden, deren Gesichter er nicht zu deuten vermochte. Nebelschwaden krochen über den Boden, als erfüllten sie den Raum mit Leben.
Elias’ Schritte hallten hallend, gemessen, fast rituell.
An einer Wand sah er eine Inschrift, seltsam vertraut, als zöge sie ihn magisch an. Er fuhr mit der Hand darüber, seine Haut prickelte. Es war keine gewöhnliche Sprache – Zeichen, die sich in seinem Geist zu formen begannen, fragmentarische Bilder, als erwachten sie nach langem Schlaf.
Bruchstücke von Erinnerungen – ein Kind, das in glühendem Feuer stand, ein Schrei, der keine Stimme hatte. Das Echo längst verloren geglaubter Namen.
Plötzlich spürte er eine Präsenz. Kein Schatten, kein Mensch. Ein flüchtiges Gefühl, als würde der Raum selbst atmen, leben. Etwas lockte ihn tiefer in den Tempel hinein.
Vor einer steinernen Truhe, deren Deckel mit mystischen Symbolen bedeckt war, blieb er stehen. Seine Finger zitterten, fast als hätten sie ein Eigenleben. Er öffnete sie langsam. Darin ruhten Pergamente, verblichen vom Staub der Zeit, begleitet von einem Amulett, das kalt und schwer in seiner Hand lag.
Die Runen darauf leuchteten schwach, pulsierten in einem Rhythmus, der seinem eigenen Herzschlag glich. Dann, wie von Geisterhand, entfaltete sich ein Bild in seinem Geist: ein letztes Fragment Wahrheit, eine Warnung, vielleicht ein Fluch.
"Warum...?" flüsterte er, während Tränen seine Wangen hinabrollten, ungeachtet der Kälte.
"Warum hat man meine Geschichte ausgelöscht?"
Ein Erfolg gemachter Täuschung, ein absichtliches Verbergen. Hier lag das Rätsel, am Ausgangspunkt seiner selbst.
Doch ehe er eine Antwort finden konnte, ein zweites, dunkleres Gefühl kroch in ihm hoch: Er war nicht allein, nicht unbemerkt in diesen ehrwürdigen Hallen.
Ein leises, kaum hörbares Geräusch – der Schleif von Stoff auf Stein. Der Hauch von kaltem Atem im Nacken.
Elias wirbelte herum, das Amulett fest in der Hand.
Dort, wo einst die Schatten sich türmten, enthüllte sich eine Präsenz. Nicht menschlich, nicht ganz greifbar. Ein Fragment der Vergangenheit, ein Fragment seiner verlorenen Erinnerung.
Seine Augen verengten sich. Die Frage brannte heller denn je: Wer hat ihm die Erinnerung geraubt? Und aus welchem Grund?
Die Antworten schienen so nah, dass er sie fast greifen konnte – und doch entglitten sie ihm wie Nebel im Wind.
Ein leises Knirschen hinter der Tür, ein Schatten bewegte sich im Flur.
Elias’ Brust hob und senkte sich schwer, die Kälte des Tempels verwandelte sich in Feuer unter seiner Haut.
Der Gong der Vergangenheit schlug – und seine Reise hatte erst begonnen.