Chapter 3
Kapitel 3 Die Schatten der Verstoßenen
Ein kalter Wind fegte über die zerfurchten Felder des Dorfs Eldranor. Elias Varn stand am Rande der verlassenen Straße, sein Blick ungeordnet, die Pupillen noch immer geweitet vom Klang der uralten Stimme, die in seinem Kopf widerhallte. Die Worte hatten sich in seine Seele gebohrt, gleichzeitig wie eine glühende Peitsche.
Seine Hände zitterten unwillkürlich. Die Luft schmeckte nach verbranntem Holz und nassem Laub. Der Nebel kroch dicht über die Pflastersteine, schluckte den schwachen Schein der Gaslaternen, bis alles um ihn herum in graue Schatten getaucht war.
Von hinten drangen Schritte. Harte, misstrauische Blicke fraßen sich in sein Fleisch, ehe eine raue Stimme ihn aus dem Schatten riss.
„Du bist ein Zeichen des Unglücks“, knurrte ein älterer Mann, dessen Haut ledrig und sonnenverbrannt war. „Seit deiner Ankunft fallen Ernten aus. Krankheiten wüten in unseren Häusern. Und wer bist du überhaupt?“
Elias hob den Kopf. Trotz des dumpfen Stechens seiner inneren Finsternis sog er bewusst die kühle Nachtluft ein. Er spürte, wie die kalte Feuchtigkeit in seine Kleidung kroch, durch den dünnen Stoff bis auf die Haut. „Ich suche keinen Streit“, sagte er mit rauer Stimme, die mehr Töne enthielt, als er zugeben wollte – Verzweiflung, Ermattung, und etwas, das er längst unterdrückt hatte: Hoffnung.
Maria, die junge Frau vom Kräuterstand, trat vorsichtig hervor. Ihre grünen Augen glühten knapp vernehmbar im Nebel. Doch auch in ihnen lag Misstrauen. „Wirst du uns noch mehr Unglück bringen?“
Hinter ihr murmelten andere Dorfbewohner. Flüche, die sich wie eine kalte Hand um Elias’ Herz legten. Schweigende Zeugen der Ablehnung. Die Frauen bogen die Köpfe weg, die Männer starrten finster. Ein Mädchen, zitternd und blass, fing an zu schluchzen.
Elias sah die kleinen Fältchen um ihre Augen, das verwundbare Zittern ihrer Lippen. Ein Funken seiner alten Menschlichkeit, von dem er glaubte, er hätte ihn endgültig verloren, flackerte auf.
Doch erwiderte bald die Dunkelheit in ihm das Feuer: Das Flüstern war wieder da. Knisternd, voller Versprechen und Drohungen zugleich. „Du bist ein Werkzeug, Elias. Schaue in den Spiegel deiner Schuld. Lass los. Werde, was du perfekt bist: Schatten.“
Er ballte die Fäuste, spürte das vertraute Brennen unter der Haut, als wollten unsichtbare Dämonen in seiner Brust nach Entrinnen schreien.
„Du hast keine Wahl“, hauchte das Flüstern. „Sie werden dich nie akzeptieren. Nie!“
Maria trat weiter vor, ihr Atem stieg als dünne Nebelwolke vor ihr auf. „Du kannst nicht hier bleiben. Nimm die Rache der Verstoßenen nicht an. Hier gibt es keinen Platz für dich.“
Eine Stille legte sich über die Gruppe, dick wie ein Schleier. Jeder verstand, dass dies kein Angebot, sondern ein Befehl war.
Elias’ Blick wanderte über die vertrauten Gesichter, doch in ihnen spiegelte sich nur das fremde Grau der Angst und des Hasses.
Der Boden unter seinen Füßen schien plötzlich nachzugeben; das Flüstern ein Sturm, der an seinen letzten Resten von Vernunft zerrte.
„Weg von hier“, murmelte er kaum hörbar, während er die Schultern gerade rückte. „Wenn eure Herzen so gefroren sind, will ich eure Wärme auch nicht.“
Jemand lachte hämisch, ein bitteres, kratzendes Geräusch. „Dann verschwinde, Schattenkind. Die Nacht gehört uns.“
Im selben Moment wurde das schwere Knarren einer Tür lauter, gefolgt von einem dumpfen Schlag. Elias fuhr herum — zum ersten Mal aus Angst, die nicht aus seiner dunklen Gabe geboren war, sondern aus der Aufmerksamkeit, die ihm plötzlich galt.
Ein Jens, der Schmied, kaum größer als Elias selbst, trat aus der Dunkelheit, das Gesicht von Mühsal und Verbitterung gezeichnet. „Was willst du? Ein Krieger ohne Heimat, ein Wesen ohne Zukunft. Wir kennen deine Geschichte. Oder das, was davon übrig ist.“
Der Blick des Schmieds war messerscharf. „Man sagt, du bist verflucht. Ein Relikt einer Zeit, die niemand zurückhaben will. Du gehörst nicht hierher.“
Elias’ Kiefer spannte sich, sein Herz hämmerte. Die Worte bohrten sich ein wie kalte Klingen, und ein Teil von ihm verlangte, zu explodieren, loszulassen — endlich das zu zeigen, was im Verborgenen schlummerte.
Doch er hielt sich zurück.
„Ich werde nicht gehen, weil ihr es verlangt“, sagte er langsam, mit eiserner Stimme.
Unruhe griff um sich, Murmeln verwandelte sich in wütende Rufe, als sich weitere Gestalten näherten. In ihren Augen funkelte die panische Angst vor dem Unbekannten, gierig nach einem Ventil.
„Wir werden dich verbrennen, falls du deinen Schatten hervorholst“, drohte eine Stimme, scharf wie zerbrochenes Glas.
Für einen kurzen Moment öffnete Elias die Hände. Die Luft um ihn herum kühlte abrupt ab, ein schleichender Nebel kroch wie lebendiges Frostgift aus seinen Fingerspitzen. Ein Flüstern kroch wie eine Schlange aus seinem Hals: „Lasst mich nicht in die Dunkelheit fallen...“
Maria schrie plötzlich auf: „Hör auf! Das bringt uns nichts!“
Der Aufruhr erstickte, aber eine angespannte Stille stand im Raum wie ein Damoklesschwert.
Elias wusste, dass er einen schmalen Grat beschritt — zwischen der Zerrissenheit seines Inneren und der drohenden Eskalation um ihn herum.
Würde er sich den Schatten ergeben? Oder die zerbrechliche Hoffnung in diesen Menschen greifen, die ihn so erbarmungslos verstoßen hatten?
Ein ferner Knall ließ alle Köpfe zu den alten Ruinen am Horizont drehen. Ein Schatten huschte durch die trübe Schwärze, schneller als das Auge erfassen konnte.
„Da war jemand“, atmete Elias, als sein Puls raste.
Die Dorfbewohner verstummten, alle Augen hafteten auf den dunklen Mauern.
Der alte Mann vom Anfang schüttelte den Kopf. „Noch mehr Probleme. Sie kommen, um uns zu holen.“
Der Nebel züngelte dichter, als wollte er alle Geheimnisse verschlingen.
In Elias’ Brust spürte er die erste echte Entscheidung seit seiner Rückkehr in diese Welt: Kampf oder Aufgabe. Licht oder Schatten.
Seine Augen leuchteten schattenschwarz.
Und dann, inmitten der kalten Luft, sprach er mit einer Stimme, die sowohl Versprechen als auch Verdammnis trug:
„Ich werde nicht weichen. Nicht heute. Nicht hier.“
Eine Sekunde später erklang ein leises, schneidendes Geräusch.
Das Licht einer Klinge blitzte zwischen den Händen eines unbekannten Gegners auf — und der Kampf um seine Seele begann neu.
Wird Elias den Hass der Menschen überwinden oder vollständig in die Dunkelheit stürzen?
Der Nebel verschlang alles.