NoveliqaIm Schatten der Wiederkunft: Das Erwachen der Verbannten / Die verbotene Ader :0%
Log in

Chapter 2

Die verbotene Ader

Kapitel 2 Die verbotene Ader

Das Flüstern starb nicht. Es klang wie das Rascheln von dürren Blättern, wenn der kalte Wind sanft über den Waldboden strich, doch in Elias’ Ohren pulsierte es wie ein bleiernes Gewicht. Seine Brust hob und senkte sich hastig, der kalte Schweiß lief in dünnen Rinnsalen über seinen Rücken, während sein Blick durch den Nebel der Morgendämmerung starrte.

„Elias Varn...“

Der Name hallte in seinem Kopf wider, so klar und scharf wie das Klingeln einer Waffe, die in einem Kampf die Luft durchschnitt. Doch keine Seele war zu sehen, kein Ort, von dem die Stimme gekommen sein konnte. Nur die graue Cervides-Farbe des Himmels und die Schatten, die sich zwischen den alten Bäumen bewegten, als hätten sie ein Eigenleben.

Eine erbarmungslose Kälte kroch in seine Adern, bis sie zu einem rasenden Feuerball wurde – und dann wieder kalt, wie eingefrorene Flüsse im tiefsten Winter von Eldranor.

Elias sackte zurück gegen den knorrigen Stamm eines uralten Eichenbaums. Seine knochigen Finger krallten sich in die raue Rinde, ihre Oberflächen fühlten sich scharf, fast lebendig an. Mit einem leisen Röcheln presste er die Lippen aufeinander, um nicht zu schreien. Nur dieser eine Gedanke, dieser eine flüchtige Funke blieb in seinem Bewusstsein: Etwas in seiner Brust, in seinem Blut, war erwacht. Etwas, das er nicht verstand und das ihn zugleich mit einer brutalen Verheißung überzog.

Sein Herz trommelte wie wild, fast als wollte es die Haut sprengen. Ein stechender Schmerz breitete sich aus, zuerst lokal, dann auseinanderfließend, glühend und schwärend. Die Wärme breitete sich entlang seiner Unterarme aus, als würde dunkles Feuer in seinem Blut tanzen. Dunkelrot, schwer, fast lebendig.

„Du bist nichts ohne die Kette…“

Die Worte krochen wie eine kalte Schlange durch seinen Schädel, doch diesmal sprachen sie nicht aus dem Nebel, sondern aus seinem Inneren.

Elias stöhnte auf. Das Gefühl war überwältigend, als sei eine verborgene Quelle in seinem Körper plötzlich freigesetzt worden, eine Macht, die sein Herz in zwei reißen konnte – sie war sowohl Fluch als auch Segen.

Seine Hand flog unwillkürlich zum linken Unterarm. Dort, unter der Haut, pulsierte eine Linie, die sich von seinem Handgelenk bis zum Ellenbogen zu ziehen schien. Eine schwarze Ader, so tiefdunkel und lebendig, als wäre sie mit schwarzer Tinte gefüllt, die niemals trocknen würde. Sie schien zu zucken, ein verfluchtes Mal, das sich durch seine Venen grub.

Langsam, beinahe zögernd, lenkte Elias seinen Blick auf die Stelle. Die Schatten um die Ader waberten, verdichteten sich, und für einen kurzen Moment sah er das flimmernde Bild von ruinösen Türmen, von krachenden Sturmböen und von einer Stimme, die uraltes Gift versprach.

Ein Fluch.

„Diese Macht... wo stammt sie her?“

Das Flüstern war zurück, jetzt lauter, fordernder. Es klang, als schrie jemand in einem langen, klagenden Laut, als wennein uraltes Wesen um Erlösung flehte, gebannt zwischen Leben und Tod.

Die Dunkelheit in ihm erstickte die Stimmen anderer Gedanken. Seine Sinne schärften sich, jedes Geräusch im Wald wurde ein Echo seiner eigenen Unsicherheit. Das Rascheln von Blättern, entferntes Knacken von Ästen, das tiefe Brummen eines Falken hoch oben – alles war lebendiger, bedrohlicher.

Sein Körper zuckte unwillkürlich. „Ich darf nicht zulassen, dass...“ Seine Stimme klang rau, fast fremd. „Nicht zulassen, dass diese Kraft mich beherrscht.“

Doch im gleichen Moment wusste er: Er war bereits beherrscht worden.

Er erinnerte sich an eine Zeit, die er nie erlebt hatte – Bilder blitzten durch seine Gedanken wie Blitze in einem Sturm. Eine Frau, so alt und majestätisch wie die Berge von Eldranor, mit Haut so bleich wie Mondlicht und Augen, die wie Kohlen glühten. Sie berührte seine Stirn und sprach von einem Bund, einem Erbe, einer Schuld, die tief in seiner Blutlinie verwurzelt war.

Dann wieder die Stimme, hart und unverrückbar: „Du bist der Fluch der Verbannten. Die Kette in deinem Blut ist eine Waffe und eine Falle.“

Seine Finger pressten sich um seine Brust, als wollte er das pochende Herz beruhigen, doch stattdessen fühlte es sich an, als schlage es schneller, lauter, bis seine Rippen unter der Last zu zerbrechen drohten.

Plötzlich, wie von einem unsichtbaren Ruck erfasst, taumelte Elias zurück. Seine Knie berührten den feuchten Waldboden, kalt und mit modrigem Duft. Ein Dröhnen erfüllte seinen Kopf – ein uraltes Flüstern vulkanischer Explosionen, das von einer schrecklichen Offenbarung kündete.

„Wer... hat diesen Fluch in mir geweckt?“

Seine Stimme war kaum mehr als ein Keuchen, eine Mischung aus Angst, Wut und Verzweiflung.

Wut. Die Flamme wuchs in seinem Inneren. Nicht gegen seine Fähigkeit, sondern gegen jene, die ihn gebunden hatten an diese dunkle Ader. Die, welche ihn vor langer Zeit als Werkzeug verflucht hatten – ein Schatten, der über die Jahrhunderte gewandelt war und in seinem Blut lebte.

Elias blickte zu den Ästen hoch über sich. Die ersten Sonnenstrahlen streiften die Spitzen der Blätter und warfen goldene Lichtfäden auf seine blasse Haut. Ein kalter Wind trug den Duft von nassem Moos und verborgener Gefahr. Er würde nicht länger das hilflose Opfer dieser verbotenen Macht sein.

Er wandte sich auf die Beine, der Schmerz brannte hell in seinem Arm. Die schwarze Ader pulsiert noch immer, doch Elias spürte zum ersten Mal einen kleinen Knoten an Entschlossenheit in seiner Brust. Er würde die Herkunft seiner dunklen Gabe entdecken – koste es, was es wolle.

In diesem Augenblick knackte ein Ast hinter ihm.

Elias erstarrte.

„Wer da?“ Seine Stimme klang schneidend, fordernd, als sich seine Sinne in alle Richtungen ausstreckten.

Nichts antwortete. Nur das Wispern des Waldes – oder war es etwas anderes? Ein Hauch, eine Präsenz, die sich wie Schatten über seine Seele legte.

Elias’ Augen verengten sich, sein Herzschlag beschleunigte sich. Angst war längst zu einem alten Bekannten geworden, doch diese Präsenz war anders. Sie roch nach Verrat, nach uralten Mächten, die ihn beargwöhnten.

Ein kalter Hauch strich über seinen Nacken.

Er spürte, wie sich die Stadt Eldranor, die Welt und selbst die Zeit zusammenzog – und eine Frage nagte an seinem Verstand, bohrte sich ins Fleisch seiner Seele hinein, wie eine scharfe Klinge:

„Wer oder was hat diesen verfluchten Blutlinie-Fluch in Elias geweckt?“

Das Flüstern war zurück, lauter, eindringlicher und dunkler als je zuvor.

Und in der Ferne, verborgen zwischen den Schatten der alten Ruinen, blitzte ein Paar Augen auf – kalt, unerbittlich.

Das Spiel hatte begonnen.