Chapter 10
Kapitel 10 Die erste Begegnung mit Malren
Der Stahl des Schwertes vibrierte in Elias’ Hand wie ein lebendiges Wesen. Sein Herz schlug ein Gewitter aus. Außen stand die Tür nur einen Spalt breit offen, doch dahinter lag eine bleierne Kälte, die selbst durch das Holz kroch. Der Blick, der ihn durch die Ritze traf, war schärfer als jede Klinge — kalt, durchbohrend, durch und durch vertraut.
Elias’ Finger verkrampften sich um den Griff. Ein dumpfes Knarren, als hinge die Tür an rostigen Scharnieren. Der Schatten hinter dem Spalt bewegte sich kaum, doch die Präsenz darin lastete wie ein uralter Fluch auf seinem Brustkorb. Das Atemholen wurde schwer, als ob ihm die Luft gestohlen wurde — und doch brannte sein Innerstes vor einer seltsamen, unbestimmten Erregung.
„Elias Varn,“ hauchte eine Stimme, dünn und von ewigem Schweigen geschliffen. „Du hast lange gebraucht, um hierher zu kommen.“
Der Mund hinter der Tür verzog sich zu einem schiefen Lächeln, dunkel und listig. Das Gesicht darunter blieb im Zwielicht verborgen, doch in diesem Augenblick spürte Elias mehr als nur Schatten. Es war, als spürte er ein Echo seiner selbst, ein Abbild in einer finsteren Verzerrung.
Sein Verstand kreiselte. Woher kannte ihn diese Stimme? Diese Präsenz?
„Wer bist du?“ Elias’ Stimme war rau, doch fest. Er ließ das Schwert nicht sinken.
Die Tür schwang plötzlich auf.
Dahinter stand eine Gestalt, gehüllt in ein schwarzes Gewand, das sich wie lebendige Schatten um den Körper schmiegte. Das Haar war pechschwarz, das Gesicht bleich, als trüge es das Licht nur, um es von innen heraus zu verschlingen. Seine Augen — zwei glühende Kohlen — brannten Elias geradewegs in die Seele.
„Lord Malren Schattensturm,“ sagte der Mann mit einem Hauch triumphaler Kälte. „Der Herrscher der verlorenen Reiche. Und dein größter Albtraum.“
Der Raum schien zu reißen, jede Faser der Luft vibrierte vor Spannung. Elias spürte, wie eine uralte Dunkelheit hinter seinen Augen erwachte, ein Flüstern in seinen Knochen.
„Warum... kennst du meinen Namen?“, stammelte Elias und gleichzeitig klang es wie ein Befehl an sich selbst, die Fassung zu bewahren.
Malren trat einen Schritt vor. Die Schatten an seinen Schultern stoben wie lebendige Tinte. Seine Stimme wurde leiser, aber mit eisener Gewichtung. „Weil du ein Teil von mir bist. Weil wir aus derselben Finsternis geboren wurden, Elias. Du und ich — wir sind verbunden, auf eine Weise, die das Gleichgewicht dieser Welt zerreißt.“
Elias presste die Lippen zusammen, ein Stich bohrte sich in seine Brust, als wollte das Herz aus dem Körper springen. Er spürte die Dunkelheit in sich pulsieren, wild und durstig, ihre Essenz in einer unerklärlichen Resonanz mit diesem Dämon vor ihm.
„Spinnst du?“, wollte Elias entgegnen, doch die Worte blieben in seiner Kehle hängen.
Malren lächelte kalt, als wüsste er das.
„Deine zerstörerische Gabe, die du selbst kaum kontrollieren kannst — sie ist mein Erbe, ebenso wie dein Fluch. Wir sind zwei Seiten derselben Medaille, zwei Schicksale, die untrennbar verknüpft sind.“
Die Luft im Raum wurde drückend, fast vergiftet. Ein subtiler Geruch nach verbranntem Stein und altem Blut stieg auf, der Elias unwillkürlich zurückweichen ließ.
„Warum hast du mir das nicht gesagt? Warst du es, der mich ausgesetzt hat?“, zischte Elias, die Stimme jetzt ein raues Flüstern voller Schmerz und Verrat.
Malren nickte langsam, als wäre jedes Wort ein zu lang gehütetes Geheimnis, das nun eruptiv nach außen drängte. „Ich habe dich gehen lassen, um dich härten zu lassen. Um zu verhindern, dass die Welt in deiner Dunkelheit versinkt, bevor du lernst, sie zu lenken. Aber jetzt bist du zu weit gegangen.“
Elias blickte an sich hinunter. Seine Finger glühten schwach in einem dumpfen Rot, als wollten sie den Raum mit unbändiger Macht entflammen.
„Du fürchtest, was ich werden kann.“
„Ich fürchte, was wir werden müssten — wenn wir gemeinsam sind.“ Malrens Augen blitzten wie ein Gewitter in der Nacht. „Wir tragen eine Schuld, die älter ist als die Königreiche Eldranors. Eine Schuld, die nur wir abtragen können — oder die alles verschlingt.“
Der Klang der Worte kratzte wie Nägel über eine alte Mauer in Elias’ Seele. All die zerrissenen Erinnerungen, die Schatten seiner Herkunft, fügten sich plötzlich zu einem Bild zusammen — düster, bedrohlich, unausweichlich.
Sein Verstand raste, das Schlachtfeld seiner Gedanken bebte, doch tief in ihm regte sich ein bitterer Funken Erkenntnis.
„Wenn wir aus derselben Finsternis geboren sind…“, begann Elias, doch Malren schnitt ihm mit einem Lächeln scharf wie Schwertstahl das Wort ab.
„Dann wirst du verstehen, dass mein Ziel nicht dein Tod ist — sondern unsere Wiedergeburt. Die Wiederkunft der Verbannten. Und nur einer von uns kann diese Bürde tragen. Deshalb bist du hier, Elias.“
Elias’ Atem stockte, während die letzten Splitter seiner Wirklichkeit zersprangen. Die Verbindung zwischen ihnen war mehr als Blut oder Macht. Es war eine finstere Prophezeiung, geboren aus alter Magie und uraltem Verrat.
„Sag mir...“ Die Stimme Malrens war kaum mehr als ein Hauch. „Erkennst du dich selbst in mir? Oder erkennst du in mir das, was du zu fürchten gelernt hast?“
Elias senkte das Schwert einen winzigen Moment, und in diesem Augenblick blitzte ein Bild vor seinen Augen auf. Eine wie verbrannte Wunde schimmernde Rune, gezeichnet auf einer alten Schriftrolle. Eine Gestalt, teils Mensch, teils Schatten. Zwei Herzen, die im Einklang schlagen — und doch im ewigen Kampf verbunden sind.
Die Schwerter in seinen Händen begannen zu summen, als spürten sie die unsichtbare Klinge, die nun zwischen ihm und Malren geschwungen wurde.
Der Raum, der die Begegnung einschnürte, wurde zur Arena einer vergessenen Wahrheit.
„Was... bist du wirklich?“, fragte Elias, die Stimme ein zerrissenes Flüstern — halb Zweifel, halb Herausforderung.
Malren trat näher, der Schatten seines Umhangs flüsterte auf dem kalten Steinboden. Seine Augen bohrten sich in Elias’ Seele, so tief, dass die Grenzen zwischen ihnen verschwammen.
„Ich bin das, was du sein könntest. Dein Ursprung. Und dein Ende.“
Ein Puls, dunkel und gewaltig, durchfuhr die Luft.
„Sag mir, Elias — welcher Pfad wird dein Blut erzählen?“
Ein dumpfes Klopfen hallte plötzlich von der Tür herein — unreine Magie oder der Ruf eines alten Glaubens.
Elias blickte auf, seine Sinne scharf wie nie zuvor.
Die Dunkelheit zwischen ihnen zog sich zusammen, ein Netz aus Macht und Schicksal.
In diesem Moment wusste er — die wahre Begegnung hatte gerade erst begonnen.
Der Schlüssel lag verborgen in der Verbindung zweier Seelen, verankert im Schatten ihrer Wiederkunft.
Eine Frage blieb frei und brannte wie Feuer in seiner Brust: Welche dunkle Verbindung teilten Elias und Malren wirklich?
Und was bedeutete diese Wahrheit für die Welt, die sie beide zu bewahren oder zu zerstören bestimmt waren?
Ein letztes Flackern aus Malrens Augen traf Elias, bevor die Schatten ihn zu verschlingen drohten.