Chapter 8
Kapitel 8: Der erste Verrat
Das Prasseln der verbliebenen Flammen zischte leise in Leos Ohren. Um ihn herum verfärbte sich die Luft, rauchschwanger und schwer vom bitteren Geruch verbrannter Pergamente. Der scharfe Bei beißender Kälte kroch wie ein stummer Dieb an seinen Nacken, während seine Hände noch das Verstummen des Kampfes spürten — den dumpfen Nachhall eines Kampfes, der keineswegs vorbei war.
Seine Brust hob und senkte sich hastig. Jeder Atemzug fühlte sich an wie ein Widerspruch zur Stille, die sich wie ein Grab über die Ruine gelegt hatte. Neben ihm lag Elior, deren Blick funkelte, doch der Schmerz verbarg sich tief in ihrer Haltung, schmal und angespannt.
„Wir hatten keine Wahl“, flüsterte Leo, seine Stimme kaum mehr als ein raues Kehlenraunen. „Malric wird nicht ruhen. Nicht jetzt.“
Elior zog die Schultern hoch, ihre Finger umklammerten unsicher den zerfetzten Bündel aus alten Schriftrollen. „Ich dachte, du könntest ihm vertrauen. Ich dachte, wir alle könnten es.“
Der Satz hing zwischen ihnen wie ein Dolch, der langsam und widerständig in die Luft schnitt.
Leo setzte sich langsam auf, nahm das Kinn in die Hände und sah in die Ferne. Hinter den Trümmern schimmerte die Erinnerung an den Verfall: zerborstene Mauern überzogen mit blasser, vergessener Magie, die einst Unheil abwehrte. Doch jetzt spürte er nur das kalte Entsetzen, gefangen in den Fangarmen des Verrats.
Ein leises Kichern.
Das Geräusch schnitt durch die Stille wie ein Messer, aus der Ecke des zerstörten Saals.
Leo richtete sich ruckartig auf. Aus den Schatten trat Alrik hervor. Sein Gesicht war blass unter der unnatürlichen Färbung des Feuers, doch das Lächeln in seinen blauen Augen war zu kalt, zu wissend, um echt zu sein.
„Du suchst den Schuldigen“, sagte Alrik mit klarer Stimme, die dennoch eine trügerische Sanftheit verhüllte. „Aber manchmal liegt der Verrat näher, als du denkst.“
Elior fuhr herum, Messer bereits in ihrer Hand, blitzend wie ein Funke vor den dunklen Trümmern. „Alrik… das kannst du nicht ernst meinen.“
„Doch, das meine ich“, erwiderte Alrik und trat näher, sein Blick unverhohlen fest auf Leo gerichtet. „Ich habe immer nur das getan, was nötig war… für das größere Wohl.“ Sein Lächeln wurde spöttisch, die Maske aus Freundschaft verblichen in einem Augenblick, der sich wie ein kalter Wind durch Leos Knochen fraß.
Leo stand auf, die Unruhe in seiner Brust explodierte. „Wofür hast du Malric Informationen gegeben? Wie viele von unseren Plänen hat er durch dich erfahren?“
Alrik schüttelte den Kopf, als wäre all das ein schwerer Fluch, den er zu ertragen hatte. „Manchmal muss ein König wissen, wann seine Bauern spielen. Erinnerungsmanipulation, Leo… du verstehst das nicht ganz. Es geht um mehr als nur Macht — es geht um Kontrolle über das Chaos selbst.“
Jedes Wort schlug ein wie ein Hammerschlag gegen Leos Verstand. Sein Herz raste, die vertrauten Bilder eines Kameraden zerbröckelten zu Scherben der Enttäuschung.
„Warum?“ Seine Stimme war kaum mehr als ein Krächzen. „Warum hast du uns verraten?“
Alrik sah weg, dann schüttelte er mit bleichem Lächeln den Kopf. „Weil einige Erinnerungen zu gefährlich sind, um sie frei atmen zu lassen. Weil ich Malrics Vision teile — eine Ordnung, eine Welt, in der die Schatten nicht länger jagen. Du bist ein Relikt, Leo. Die Vergangenheit, die er auslöschen will. Und du? Du bist zu schwach, um ihn aufzuhalten.“
Das Blut pochte schwer in Leos Schläfen. Er spürte, wie sich eine eisige Klammer um seinen Hals legte, ein Gift aus Wut und Zweifel. Die Kaumuskeln spannten sich, seine Finger krallten sich in die Luft.
Eliors Stimme hallte plötzlich durch die erstickte Atmosphäre, scharf und unerschütterlich. „Du hast nichts mit uns gemein. Nur Verrat.“
Alrik zuckte die Schultern, ein Anflug von Verachtung in seinen Zügen. „Vielleicht. Aber gerade hat sich das Gleichgewicht verschoben. Herzog Malric hat erkannt, dass du gefährlicher bist, als du selbst glaubst. Und ich? Ich sorge nur dafür, dass die Schatten nicht aus dem Gleichgewicht geraten.“
Ein Knacken. Metall auf Stein.
Leo griff instinktiv nach seinem Dolch, während Alrik gleichzeitig einen silbrig glänzenden Dolch zog, dessen Klinge von einem dunklen, schwer fassbaren Schimmer umwoben war.
Der Raum schien zu erstarren. Die Luft zog sich zusammen, schwer von unausgesprochenen Drohungen und dem glaßharten Klang unvermeidlichen Verrats.
„Du bist verkommen“, zischte Leo und machte einen Schritt vor, das Gewicht seines Körpers entspannt, bereit zu schlagen.
Alrik hob die Klinge, ein flüchtiges Glitzern hat das Nahen des Stroms dunkler Magie verraten. „Ich tue nur, was getan werden muss.“
Ein Schlagwechsel, ein Aufblitzen von Stahl gegen Stahl. Leos Herz jagte, während er den Angriff parierte, Blitzlichter von Erinnerungsenergie umflackerten, als die beiden sich verstrickten.
Das Geräusch des Kampfes wurde von einem weiteren Geräusch unterbrochen — ein dumpfes Poltern an der Tür.
Beide zuckten zusammen, der Moment zersplitterte in einem Satz von Unruhe.
„Vorsicht!“, rief Elior und wandte sich zur Tür, während der Kampf einen Moment pausierte. Alriks Augen verengten sich, ein finsteres Versprechen lag darin.
Ein Schatten fiel durch den Türspalt.
Leo spürte, wie sich sein ganzer Körper verkrampfte. Elektrische Spannung lag in der Luft, der Moment war zerbrechlich, als könne jede falsche Bewegung den Untergang bedeuten.
Alrik zog sich zurück, das Lächeln nie ganz verblassend. „Wir werden uns wiedersehen, Leo.“
Die Klinge verschwand, der Spion in den Schatten ebenso.
Elior sah Leo an, ihre Augen glühten vor Zorn und Angst. „Wem kannst du jetzt noch vertrauen?“
Leo schnappte nach Luft, seine Welt zersprungen in Rauch und Spiegelbilder der Täuschung. Niemand war mehr sicher — nicht einmal er selbst.
Die Tür knarrte auf.
Und draußen wartete die Dunkelheit mit offenem Schlund.