NoveliqaIm Schatten der vergessenen Seelen / Bruchstücke der Identität :0%
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Chapter 6

Bruchstücke der Identität

Kapitel 6 Bruchstücke der Identität

Der bissige Schmerz pochte wie ein wilder Trommelschlag in seiner Seite, als Leo aus der Dunkelheit der Ohnmacht zurückkehrte. Ein kalter Schweißfilm klebte auf seiner Stirn, und sein Atem kam stoßweise, als käme die Luft selbst aus weiter Ferne. Seine Augenlider brannten, doch etwas in seinem Geist floss zähflüssig, als schälte er sich mühsam aus einem Nebel, der tiefer war als bloße Nacht.

Er lag auf hölzernem Boden, jedes Knarzen unter seinen Fingern verriet das Alter und den Verfall der Bretter. Um ihn herum flackerte das schwache Licht einer verglimmenden Fackel an der Wand. Die kalten Schatten züngelten wie lebendige Wesen, als wollten sie ihn verschlingen. Sein Herz raste, und gleichzeitig spürte er ein Vakuum in seinem Inneren — nicht nur körperlich.

Langsam tastete Leo mit der Hand den verletzten Bereich ab, wo der Schmerz einschoss wie glühende Nadeln. Doch noch brennender war die Leere, die sich in seinem Geist ausbreitete. Es war, als hätte jemand mit kalter Präzision eine Schicht aus seinem Verstand herausgerissen. Erinnerungen, flüchtig und gehauchtes Flammenglühen — sie zerfielen, ehe sie sich festsetzen konnten.

Er presste die Lippen aufeinander, wollte die Panik nicht spüren, die sich tief in seinem Bauch zu winden begann. Worte, ein Name, ein Gesicht — irgendetwas suchte er verzweifelt, doch die Hände griffen ins Leere.

„Was…?“ Seine Stimme klang rauchig, als er sie ins Dunkel stieß. „Wo… bin ich?“

Kein erwiderndes Geräusch. Nur das Knacken der Dielen und das Keuchen seines Atems, der sich langsam normalisierte. Doch das Vakuum wuchs.

Er zwang sich aufzusetzen. Der Schmerz jagte in seinen Atemzügen, aber der Geist blieb schläfrig, verschwommen wie hinter einer Glasscheibe. Die Kälte kroch über seine Haut, und mit dem Blick tastete er die Umgebung ab. Ein verwitterter Raum, Steine und ganze Fetzen von einst farbiger Tapisserie, die wie blutige Narben an den Wänden hingen.

„Ein Versteck,“ murmelte er, „oder eine Falle.“

Er griff nach seinem Brustbeutel, tastete nach dem Wolfshäutchenamulett, das ihm vermeintlich Kraft versprach. Doch die Finger fanden nur Stoff und Asche. Kein Amulett.

Ein dunkles Flüstern waberte an den Rändern seines Bewusstseins, ein Schatten, der versuchte, Formen zu greifen. Er rieb sich die Schläfen, die Stirn zog sich in Falten. Im Schlund seiner Erinnerung klaffte ein Loch, größer als alles, was er je gefühlt hatte.

Plötzlich ein Bild, so zerbrechlich und doch real: Eine junge Frau mit durchdringenden smaragdgrünen Augen. Ein Lächeln. Doch, ehe er es fassen konnte, zerrann die Szene zu Staub.

„Verdammt,“ fluchte Leo leise, „das ist nicht normal…“

Sein Herz schlug schneller, die Brust wurde eng. Ein kalter Schauer kroch seine Wirbelsäule hinauf, als er erkannte: Jemand hatte gezielt seine Erinnerungen zerschnitten — wie mit einem scharfen Messer durch Sonnenlicht.

Eine Stimme hallte in seinem Kopf, leise, fast lachend: „Du kannst der Wahrheit nicht entkommen…“

Die Worte entfesselten keinen Trost, nur Wut und Verzweiflung. Wer hatte Angst vor ihm? Wer fürchtete so sehr, dass er die Fundamente seiner Identität angriff?

Seine Hände krallten sich in die Dielen. „Wer? Wer… bist du? Wer hat das getan?“

Das Zimmer schien sich zu verdichten, als lauschte es seiner Verzweiflung. Die Schatten schienen zu wachsen, und eine kühle Präsenz legte sich wie ein unsichtbarer Mantel um seine Schultern. Ein eisiges Gefühl auf seiner Haut kündigte die Nähe von etwas Unheilvollem an.

Er schloss die Augen, sammelte jeden Funken Klarheit, jeder Wimpernschlag brachte ein neues Zucken in den Nebel seines Geistes. Doch jedes große Bild, jede Bedeutung blieb verborgen.

Ein letztes Bruchstück riss sich hervor—eine Silhouette, groß und finster, schemenhaft und doch voller Macht: Herzog Malric von Schattenfels.

Das Herz schlug aus dem Takt, und eine Stimme in Leo flüsterte: „Er gibt sich nicht mit wenigem zufrieden… Er will Kontrolle. Deine Erinnerungen… deine Seele.“

Der Schmerz in seiner Seite flackerte erneut auf, scharf wie eine Klinge. Leo zwang sich aus dem Dunkel des Raumes auf, sein Blick suchte einen Ausgang, eine Flucht. Doch die Mauern schienen sich zu schließen.

Und da, plötzlich, ein Klick. Die Tür neben ihm zitterte. Jemand war gekommen.

Sein Herz stockte, und sein Atem wurde flach.

„Wer hat deine Erinnerungen gelöscht?“ murmelte er zu sich selbst, den Blick stechend ins Dunkel gerichtet.

Dann – ein Klopfen. Drei dramatische Schläge.

Jede Sekunde schien zu zersplittern wie Glas.

Der Griff nach dem Leben, nach der Wahrheit, wurde zum Ringen mit der Dunkelheit.

Leo konnte es nicht entrinnen.

Die Antwort klopfte an die Tür.

Und sie würde ihm den Atem rauben.