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Chapter 4

Die verborgene Bürde

Kapitel 4 Die verborgene Bürde

Die Kälte, die von der letzten Stimme blieb, zog wie ein Eiszapfen in Leo Vollands Rücken. Jeder Muskel seines Körpers spannte sich unwillkürlich an, während das Flüstern der Schatten, das kurz zuvor durch den Spalt gedrungen war, sich wie ein Blutschwur in seinem Geist festsetzte. Nicht jeder Feind trug sichtbare Masken.

Sein Atem stolperte, trocken und kratzernd in der Kehle. Der düstere Gang, von fahlem Schein magischer Runen erleuchtet, schien sich in alle Richtungen auszustrecken – zugleich endlos und klaustrophobisch eng. Er griff an seinen Hals, die Fingerspitzen tasteten über die Haut, spürten die vertrauten Narben der Wiedergeburt. Doch eine andere Last lastete schwer auf ihm.

Plötzlich ein ziehender Schmerz, tief in seiner Brust. Wie ein Funken, der in nassem Holz aufgeht und notdürftig versucht, Flammen zu schlagen. Seine Hand krampfte sich um die Brust, kalter Schweiß perlte an der Schläfe. Verwirrung durchbohrte die Panik, sein Herz klopfte unregelmäßig – das Pochen einer fremden Macht, die in ihm erwachte.

„Was zum...“ Ein Geräusch, kaum mehr als ein Flüstern, hallte durch den dunklen Gang.

Leo sah sich vorsichtig um, Augen weit aufgerissen. Doch außer der pechschwarzen Wand und dem flackernden Licht hat­te sich nichts bewegt. Aber die innere Unruhe ließ ihn nicht los. Jeder Atemzug schien schwerer, unter der Haut klopfte etwas, das keine Angst war – es fühlte sich an wie ein Ruf. Ein Drängen aus einem vergessenen Teil seiner selbst.

Er presste die Hand fester gegen die Brust. Die Berührung offenbarte es: etwas, kein Herzschlag, kein Muskel, sondern... etwas Metallisches, Verankertes. Kaltes Metall, umwoben von einem feinen Netzwerk magischer Fäden, die kaum zu sehen waren, aber sich lebendig anfühlten, als pulsierte darin ein eigener Wille.

Leo hob den Ärmel seines Hemdes, sah die Haut darunter an und entdeckte eine seltsame Vertiefung, halb verborgen zwischen Rippenkäfig und Schlüsselbein. Ein schmaler, fast unsichtbarer Schnitt, der an keiner Naht oder Narbe erinnerte. Dort war es – das Artefakt. Eingebettet in sein Fleisch, als wäre es ein Teil seines Körpers.

Die Erinnerung blitzte auf. Ein Gesicht, fremd und vertraut zugleich; flackernd und fragmentiert. Es war Herzog Malric von Schattenfels – und ein Schrei, so fern, dass es kaum mehr als ein Bild war. Ein Bund, eine Täuschung, eine Bürde, die Leo vielleicht von Geburt an trug.

„Was bist du?“ presste er fast tonlos hervor, die Stimme rau und brüchig.

Er ließ die schmale Metallplatte vorsichtig berühren und spürte, wie sie sofort pulsierte, als reagierte sie auf seine Berührung. Ein leichter Stromzuck durchflutete den Arm. Eine Welle aus Erinnerungen, deren Form sich in seinem Geist zu einem Bild knüpfte: Ein leuchtender Kristall, umrandet von schattenhaften Sigillen. Das Herzstück eines alten Rituals, ein Relikt aus der Ära, bevor Erinnerung Macht wurde.

Plötzlich strich ein eisiger Windstoß an ihm vorbei, obwohl die Luft im Gang reglos war. Das Artefakt auf seiner Brust begann zu glühen, erst schwach, dann immer kraftvoller, wie ein Puls, der sich in Wellen ausbreitete. Leo spürte, wie die Magie sich in ihm ausbreitete, wuchs und drohte, ihn zu zerreißen. Sein Blick verengte sich.

Wenn Herzog Malric diesen Kern in ihm kontrollierte, wenn darin die Quelle seiner Macht lag – dann war Leo mehr als nur eine verlorene Erinnerung. Er war die lebende Brücke zwischen Vergangenheit und Zukunft, ein Gefäß, das die Welt weiterhin in den Abgrund stürzen oder retten konnte.

Ein lautes Krachen ließ ihn aufschrecken.

Der Gang, der bisher still schien, bebte. Das Licht der Runen flackerte unregelmäßig, als ob eine unsichtbare Faust gegen die Wirklichkeit schlug. Leo wich zurück, seine Hand griff nach einem verborgenen Dolch an seinem Gürtel, die andere fest um das Bruststück geschlossen.

Plötzlich fühlte er, wie sich die Magie in ihm bündelte – zuerst nur ein Fluss von Wärme, dann eine explosionsartige Kraft, die seinen Körper durchzuckte wie ein Donner. Seine Augen weiteten sich, während sich im Artefakt ein eindringliches, tiefes Leuchten ausbreitete. Es war nicht nur Licht. Es war ein Rufen. Ein Erwachen.

„Leo...“, flüsterte eine Stimme hinter ihm, so überraschend sanft und befremdlich vertraut, dass ihm der Atem entglitt.

Er drehte sich ruckartig um. Im Schatten stand eine Frau, deren Augen kälter waren als Stahl, und deren Lächeln einen Hauch von Tod in sich trug.

„Du bist nicht länger der Spieler deiner eigenen Geschichte“, sagte sie und trat einen Schritt näher. „Du bist das Gleichgewicht – oder der Untergang.“

Das Artefakt auf seiner Brust schlug wie ein Herz, das in derselben Geschwindigkeit wie seine Furcht pochte. Und dann, in jenem Moment, das untrügliche Gefühl: Die verborgene Bürde begann, sich von seiner Haut zu lösen.

Leos Finger krallten sich fester, der Schmerz einschneidend und doch lebendig. Ein Schimmer entstieg seinem Inneren, langsam und bedrohlich, als würde eine lange vergessene Macht endlich ihren Gefängnis sprengen.

Sein Herz riss auf.

Und im aufkommenden Sturm aus Licht und Schatten wusste er nur eines mit voller Gewissheit:

Was geschieht, wenn das Artefakt erwacht?